Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
außer.dem Literaturzeitschrift
x
außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Diesseits der nichttrivialen Nullstellen

Lars Gustafssons Lyrikband »Das Feuer und die Töchter« erzählt von Riemann und Einstein und der Hölle und der Volksschule. Und macht Spaß.
Hamburg

3. April 2016

Unter der Oberfläche der Dinge
verbirgt sich nicht anderes

als die Oberfläche der Dinge.

Schreibt Lars Gustafsson. Gustafsson, 1936 in  Västerås geboren und dort (wieder) lebend, ist bekanntlich nicht nur ein schwedischer Autor, sondern auch ein Philosoph, und insofern steckt mutmaßlich mehr hinter diesem Satz als eine simple Küchenlyrikeraussage.

Richtig kluge Leute wissen natürlich gleich, daß Gustafsson mit seiner Oberflächenanalyse Gottlob Freges Logik und Martin Heideggers Ontologie und Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie abhandelt. Doch das wissen eben nur die richtig klugen Leute. Leute, die keinen Augenblick darüber nachdenken müssen, daß das Sein das Sein eines Seienden, aber nicht selbst ein Seiendes ist.

Für alle anderen reicht es, einfach Gustafsson zu lesen. Er braucht für Frege und Heidegger und Wittgenstein zusammen auch nur sechs Zeilen! Nein, er ist kein Küchenlyriker. Er ist ein Werkstattlyriker: Der Text, aus dem der oben zitierte Satz stammt, heißt »Aus den Erinnerungen eines Hobels«. Ein Hobel kennt Oberfläche. Und wenn er sie entfernt hat, ist darunter: Oberfläche.

Es macht einfach Spaß, Gustafsson zu lesen, selbst wenn es um die Riemannsche Vermutung geht. Die sagt Ihnen was, oder? Bernhard Riemanns Hypothese, daß alle nichttrivialen Nullstellen der Riemannschen Zeta-Funktion den Realteil »½« besitzen. Das setzen wir jetzt mal als bekannt voraus. Gustafsson schreibt dazu in dem Gedicht »Über den Reichtum der bewohnten Welten«, in manchen Welten sei Riemann bestätigt worden, wie in manchen Welten die Dunkelheit von sprechenden Steinen erhellt werde und wie in manchen Welten das Gedicht, das wir gerade lesen, »schon geschrieben und verworfen« wurde. Gustafsson ist eben ein viel zu guter Philosoph, um geschraubt daherzuquatschen.

Langer Einleitung kurzer Sinn: Es geht hier um das Büchlein »Das Feuer und die Töchter«, ein Band mit einer Auswahl der, wie der Hanser-Verlag es nennt, »besten Gedichte aus den letzten Jahren«.

Das ist eigentlich eine Untertreibung. Gustafssons schmaler Band ist ein Schatzkästlein, in dem man den berühmten Dr. Riemann gleich noch einmal findet, außerdem Dr. Einstein und ein paar Angaben dazu, wie sich dessen Raumzeit zu Dr. Gustafssons Volksschulzeit verhält.

Schon Gustafssons Romane zu lesen ist eine Entdeckung; wer das bislang verabsäumt hat, sollte sich mindestens »Wollsachen« und »Die dritte Rochade des Bernard Foy« besorgen. Die Lyrik des Schweden hat, weil konzentrierter, auch eine höherkonzentrierte Leichtigkeit. Und dadurch – das ist nicht paradox – mehr Tiefe.

Durch den Spiegel

Liebste,
so weit voneinander schlafend
teilen wir doch die Nacht.

Und wir träumen einander.
Erwachte ich jetzt,
wäre ich nicht.

Ich träume dich,
die mich träumt.

Wenn ich dich wecke,
werde ich verschwinden.

So einfach ist das. Gustafsson muß keine Verrenkungen machen, um mehrere Ebenen wie einen Hauch über ein paar Zeilen zu verteilen, und dann kann es auch noch jeder verstehen. Und davon gibt es haufenweise in diesen gut 60 Gedichten, in denen Gustafsson einmal nicht vergißt, sich zu erinnern, daß er etwas vergessen hatte, und ein andermal das »kluge Auge« einer Plötze beschreibt, das den Lichtschein einer sehr fernen Sonne nach einer Zwei-Millionen-Jahre-Reise auffängt. Und sie weiß nicht, was sie weiß! Zu allem ist Gustafsson auch noch lustig. Drei Gedichte, die versprechen, »Ansichten der Hölle« zu liefern, erzählen von der Buchmesse, aus der U-Bahn und von einer Wahlkampagne. Den Tonfall, der sich anhört, als würde Gustafsson auf Deutsch schreiben, verdanken wir übrigens der All-time-Gustafsson-Übersetzerin Verena Reichel, die in diesem Fall Unterstützung von Barbara M. Karlson hatte.

Wenn noch jemand ein Weihnachtgeschenk für Leute sucht, die eigentlich keine Lyrik lesen: Hier ist es.

Lars Gustafsson
Das Feuer und die Töchter
Gedichte
Übersetzt aus dem Schwedischen von Verena Reichel, Barbara M. Karlson
Hanser
2014 · 104 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24473-3

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge