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außer.dem Literaturzeitschrift
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Kritik

Zwischen Verfolgung und Versöhnung

Trieder und Skowronski haben eine gelungene Dokumentation aus berührenden Lebensgeschichten und sorgfältig recherchierten Zeitzeugnissen zusammengestellt.
Hamburg

Auf der einen Seite werden die Zeitzeugen, die vom dritten Reich, von Verfolgung und Vernichtung sprechen können, immer weniger, andererseits hört man jetzt immer häufiger, dass diese Zeit, das Hitlerregime und alles, was damit zusammenhängt, nun lange genug zurückliegt, keine Bedeutung mehr hat für unsere Gegenwart. Also genau der richtige Zeitpunkt von Lebensbedingungen und Lebensläufen aus dieser Zeit zu erzählen. Von ein paar jungen polnischen Widerstandskämpferinnen und einer Gefängnisaufseherin und ihrer Tochter, die aus rein humanistischen Gründen eine subtile Art von Widerstand geleistet haben.

2003 schrieb Maria Kacprzyk einen Brief an die Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle, um zu erfahren, wo ihre Freundin Krystyna Wituska hingerichtet und begraben wurde. Lars Skowronski, der im Rahmen einer Ausstellung eine Gedenktafel über Krystyna vorbereitet, las den Brief und nahm Kontakt zu Maria auf. Als er sie bat, ihre Erinnerungen festzuhalten, schrieb sie 120 Seiten. Simone Trieder las Auszüge aus dieser Chronik. Kurz darauf fuhren sie und Skowronski nach Danzig zu Maria. Der Grundstock für das Buch, das jetzt unter dem Titel „Zelle Nr. 18“ vom Kleeblatt der drei jungen Polinnen Krystyna, Maria und Lena erzählt, war gelegt.

Die drei Frauen, die für die Untergrundorganisation Armia Krajowa tätig waren, waren in Polen verhaftet und dann nach Deutschland gebracht worden. Im Spätsommer 1943 warteten sie in der Zelle 18 der Haftanstalt Berlin Moabit auf ihre Verurteilung. Eine der Aufseherinnen, die dort arbeiten, nannten die Frauen „Sonnenschein“. Sonnenschein hieß Hedwig Grimpe, sie arbeitete zwangsverpflichtet als Aufseherin in Moabit und hatte die jungen Frauen schnell ins Herz geschlossen, insbesondere Krystyna war für sie wie eine Tochter. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht Hedwig Grimpe, den Polinnen den Aufenthalt im Gefängnis so erträglich wie möglich zu machen, häufig bringt sie selbstgekochtes Essen mit, organisiert Zigaretten und Seife, und – vielleicht am wichtigsten für die Frauen – sie hilft ihnen Briefe und Kassiber an der Aufsicht vorbei zu schmuggeln. Hedwig hat eine 16jährige Tochter, die eine Brieffreundschaft mit den Polinnen beginnt. Ihr schreiben die drei, wie sie von Mittwoch zu Mittwoch in der Angst vor einer Verlegung in die Todeszelle nach Plötzensee leben, aber auch den Alltag im Gefängnis schildern sie in ihren Briefen, die Langeweile, den Hunger und die Willkür bei der Rechtssprechung, die Solidarität unter den Gefangenen und die Tiefe der Freundschaft, die vermutlich nur in derartigen Situationen möglich ist. Helga wird die intime Vertraute für die Geschichten der Inhaftierten.

Skowronski und Trieder zeichnen die Lebensgeschichten der Frauen nach, neben den Berichten über den Gefängnisalltag, über Verhöre und Folter, sowie die unterschiedlichen Strategien, mit denen sich die Frauen zu verteidigen versuchen, erfährt der Leser vom Leben im besetzten Polen, von den Beweggründen der Frauen im Widerstand zu arbeiten, von ihren Familien und einer Liebe zum Vaterland aus der ein unglaublicher Mut erwächst.

Lena und Maria überleben, Krystyna wird hingerichtet.

Den Todeskandidatinnen wird mitunter erlaubt die Nacht mit Mitgefangenen in einer Zelle zu verbringen. Dann singen sie. „Maria notierte Auszüge aus den Liedern dieser Nacht. In ihnen drückten sich ihre Liebe zu Polen aus, der Schmerz über das Leiden des Volkes, aber auch der ungebrochene Kampfeswille und der Glaube an Gott. Genau diese Melange der Gefühle ist es wohl, die Außenstehende sprachlos macht und die für sie kaum nachzuempfinden sind.“

Maria hat für Skowronski und Trieder den Kontakt zu Olga hergestellt, einer weiteren inhaftierten polnischen Untergrundkämpferin. Die Autoren führten mehrere Gespräche mit der inzwischen 90jährigen, die in Paris lebt. „Ich habe zu diesem Gespräch nur deshalb ja gesagt, weil ich drei Freundinnen, mit denen ich im Gefängnis war, verloren habe, und die Erinnerung an sie ist etwas, das bleibt“, sagt die alte Dame.

Während des Gesprächs in Paris fragten die Autoren Olga, warum eine junge Frau das macht (sie meinten die Arbeit im Widerstand), das war doch gefährlich. Olga antwortete: „Solche Fragen können nur freie Menschen stellen, die nie im Gefängnis gesessen haben.“

Trieder und Skowronski ist zu verdanken, dass die Erinnerung an diese bemerkenswerten Frauen jetzt weitere Kreise ziehen kann, dass auch „freie Menschen“ von ihnen erfahren. Nicht zuletzt haben sie mit Zelle Nr. 18 ein Buch vom Trotzdem geschrieben. Davon wie Freundschaften und Menschlichkeit in den dunkelsten Zeiten überleben können. Darüber, dass es etwas gibt, dass Hass und Ideologie überwindet, weil es stärker ist.

Einer der roten Fäden, die mich am meisten berührt haben, gerade weil ich es kaum nachvollziehen kann, ist der fehlende Hass der jungen polnischen Frauen, ihre Fähigkeit in einer derart bedrängten und lebensbedrohlichen Situation immer noch zwischen einer Ideologie und einzelnen Menschen unterscheiden zu können. 

Am traurigsten war die Erkenntnis, dass es auch für die Überlebenden kein Happy End gegeben hat. Nach der Inhaftierung, nach dem erlittenen Unrecht und dem Tod vieler geliebter Menschen, war für keine der Frauen ein „normales“, „glückliches“ Leben mehr möglich.

Lars Skowronski · Simone Trieder
Zelle Nr. 18
Eine Geschichte von Mut und Freundschaft
78 Abb.
be.bra Verlag
2014 · 224 Seiten · 19,95 Euro

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