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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
Kritik

roughbooks - Riding und Para-Riding

Hamburg

Wie langweilig Bücher sein können fällt erst auf, wenn man eines der seltenen experimentellen Sorte in die Finger bekommt. So eines hat Urs Engelers roughbooks-Reihe der zu Unrecht hierzulande kaum bekannten Laura (Riding) Jackson (1901 – 1991) gewidmet, die zu Recht beachteten Monika Rinck und Christian Filips haben die Texte ins deutsche übergesetzt, eine Auswahl aus Lyrik, Aufsätzen, programmatischen Texten. Ein schräges und mutiges Experiment – eine Entdeckung, ein Spielbuch.

RIding ist Dichterin – eine frühe Moderne - mit einem verrückten Leben, das etwas an ihre Vorgängerin H.D. (Hilda Doolittle) erinnert,  ebenfalls eine Ménage-à-trois – der Ridingschen Doppel-Fenstersturz ist schwer zu toppen. Einer sehr produktiven Jugendphase folgte eine Absage an Lyrik überhaupt, sie betrieb dann vor allem linguistische und essayistische Arbeiten bis zum Lebensende.

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Laura Riding Jackson Photo: T.S. Matthews.
in Deborah Baker, In Extremis: The Life of Laura Riding (NY: Grove Press, 1993)

Filips und Rinck sind Übersetzer - ein Übersetzer sieht ein Gedicht anders als ein Leser. Der Leser liest das Gedicht, liest im Gedicht, liest durch das Gedicht. Der Übersetzer ist mit all den Gedichten konfrontiert, die nicht da sind, die knapp neben dem Gedicht liegen, den spannenden Anklängen, den naheliegenden Wörtern, die es alle nicht, aber nur fast nicht ins Gedicht geschafft haben, er sucht sich eine Wortfolge zusammen, die er zur Übersetzung des Werks kürt, oft bedauernd, vermute ich, denn um viele der abgeschlagenen Bedeutungssplitter ist es schade. Lässt sich nicht ändern? Decisions, my friend?

Warum nicht mal anders. Warum nicht mal aus dem Naheliegenden nehmen, das auch-richtige, das anders-richtige verwenden? Ach was - warum da stehen bleiben? Konsumenten füttern – ist das alles, was Gedichte können? Dieses Sprühen neben dem Text, wem gehört es? Muss man das abstellen, nur weil es nicht mehr Übersetzung des alten Textes ist sondern neu, Gegenwart mit demselben Keim?

So lese ich das Para-Riding: mit den Facetten eines Textes spielen, sie bewegen, sie auf die Zunge legen, am Gaumen reiben und nachspüren, was alles am und um den Text herum sprudelt und flüstert. Nicht mehr übersetzen, sondern rüberholen, überholen, neu machen:

What is to start?
It is to have feet to start with.
What is to end?
It is to have nothing to start again with,
And not to wish.
What is to see?
It is to know in part.
Was ist Starten? Füße haben. Starten.
Enden? Keine Ahnung. Neustart. Bums.
Sehen? Sieh halt hin. Denk dir dein Teil.

Oder „beyond“, in dem Riding mit dem Wortpaar pain und plain spielt: hier wird aus ‚Pain is impossible to describe/ …‘ einerseits das brav  Biedermeiersche  ‚Schmerz ist nicht zu beschreiben‘, aber auch das Para-Ridingsche ‚Scherz lässt sich gut erleiden.‘ Nicht alle der Übertragungen sind so frei, es finden sich genügend ‚klassische‘ Übersetzungen, aber spannender sind die Improvisationen und die Varianten der beiden Autoren zu den Vorlagen.

Zu bedauern ist nur, dass viele der bearbeiteten Originaltexte fehlen, gerade die frecheren, freien und vergnüglicheren Spiele verlangen für mich zwingend nach dem Original, es war gelegentlich nicht deutlich, wo und wie die Abkehr vom unmittelbaren Wortlaut geschieht (ein Ansporn für mich, die Bibliothek zu ergänzen). Insgesamt bleibt das Buch aber eine faszinierender Hinführung zu einer nicht-deutschsprachigen Autorin, die aus den üblichen Übersetzungs-Hügelgräbern einsam hervorragt.

Laura (Riding) Jackson
PARA - RIDING
Übersetzung:
Monika Rinck und Christian Filips
roughbooks
2011 · 190 Seiten · 12,00 Euro

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