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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Das Ende der ausgeflippten Traum-Elfchen

Laurie Pennys feministisches Manifest vereint Witz und Zorn
Hamburg

Gender-Mainstreaming und Diversity Management? Da kann Laurie Penny nur mit den Augen rollen. Denn mit derlei Anbiederungen des (Post-) Feminismus an neoliberale Verhältnisse hat die 28-jährige Autorin und Bloggerin nun wirklich nichts am Hut. Wie schon ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch „Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus“ will auch ihr Folgewerk „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ vor allem aufrütteln und provozieren. Sie selbst bezeichnet ihr neues Buch als „Polemik, gestützt auf Studien, Erfahrungen und Jahre des Schreibens und des politischen Agitierens in der queeren und feministischen Szene in Großbritannien, den USA und im Netz“.

Dass Penny ihre Gender-Theorie draufhat, beweist die lange Literaturliste, in der von bell hooks über Gilles Deleuze bis hin zu Naomi Wolf alle für den Third Wave Feminism wichtigen Stimmen  vertreten sind. Doch bringt sie ihr enormes Hintergrundwissen so sparsam und gezielt ein, dass sich „Unsagbare Dinge“ an keiner Stelle wie eine im Elfenbeinturm zurechtgefeilte Aneinanderreihung von Worthülsen liest.

Auch schafft Penny es, Privates auf eine Weise zu politisieren, die nicht nach peinlicher Selbstentblößung klingt. Dabei geht es hier durchaus ans Eingemachte, wie z.B. ihre Berichte aus einer psychiatrischen Einrichtung für essgestörte Frauen. Mit zynischen Worten entlarvt Penny, wie diese Art der Selbstzerstörung Teil des vorherrschenden Schönheits- und Coolness-Ideals geworden ist: abgemagert und auf Koks, „die hauchdünne transzendente Schönheit einer jungen Frau, die reich genug ist, um sich im Falle eines Zusammenbruchs eines Unterstützungssystems gewiss sein zu können“. Noch erschreckender liest sich allerdings, wie die Klinik im Kleinen wiederholt, was die Gesellschaft tagtäglich vormacht. So zielte die Behandlung nicht etwa darauf ab, sich im eigenen Körper wieder wohl zu fühlen, sondern, möglichst reibungslos in die Rolle des angepassten heterosexuellen Mädchens hineinzuwachsen. Sprich: Wer anfing, sich zu schminken und für Jungs aufzutakeln, wurde für genesen erklärt.

Kaum als geheilt in die Erwachsenenwelt entlassen, wartete bereits das nächste Desaster: der Börsencrash. Anschaulich beschreibt Penny, wie die Finanzkrise vor allem die jungen Männer ihrer Generation um ihre Träume brachte. Frauen hingegen wurde nie Macht und Bequemlichkeit versprochen. Besser gewappnet gegen Enttäuschung und Ausbeutung, fühlen sie sich nun dafür verantwortlich, ihre „verlorenen Jungs“ – als Geliebte, Freundinnen, Schwestern – moralisch und emotional wieder aufzurichten. Was absolut nichts bringt, so Penny: „Wir können die Welt nicht Mann für Mann retten“. Nicht nur, dass die aufopfernden „Manic Pixie Dream Girls“, zu denen sich Penny selbst einst zählte, die Fehler ihrer Mütter und Großmütter wiederholen. Individuelle Hilfestellungen, bei denen die Fürsorge und Kommunikationsleistung wieder an den Frauen hängenbleibt, stützten nur den Status Quo.

Vieles von dem, was Penny anprangert, ist natürlich nicht neu. Doch nach Jahren des antifeministischen Backlashs und der Rückkehr eines kruden Biologismus sind viele Missstände, über die in den 1970er Jahren offen gesprochen werden durfte, tatsächlich wieder zu „unsagbaren Dingen“ geworden. Und Penny legt den Finger in die Wunde. Der Mainstream-Feminismus, fasst sie sarkastisch zusammen, richtet sich vor allem an weiße, heterosexuelle Mittelstandsfrauen und beschränkt sich auf Konsens-Kampagnen à la „mehr Frauen in die Vorstände“, die dem neoliberalen System der Selbstausbeutung und des exponentiell wachsenden Konsums huldigen. Dem zur Seite stehen heuchlerische Feldzüge gegen Pornografie, Prostitution und bauchfreie T-Shirts.

Zur angeblichen „Sexualisierung“ junger Mädchen bezieht die Autorin in ihrem Kapitel über die „Vergewaltigungskultur“ ganz klar Stellung: Indem Mädchen und Frauen eingeimpft wird, permanent Angst haben zu müssen vor übergriffigen männlichen Raubtieren, werden sie zum einen in ihrer Opferrolle gehalten und für unmündig erklärt, zum anderen wird der allgegenwärtige Sexismus unangetastet gelassen. Die wohlmeinenden Ratschläge besorgter Erziehungsberechtigter, nicht zu viel zu trinken, sich nicht zu sexy zu kleiden, lieber nicht zu provozieren und sich nicht in bestimmten Gegenden aufzuhalten, nehmen jungen Mädchen zugleich Handlungsmacht und Einfluss. Oder auch einfach nur die Chance, sich auszuprobieren und Spaß zu haben, wie es ihren männlichen Altersgenossen schließlich auch zugestanden wird.

Der Zorn über all diese fortbestehenden Unterdrückungsmechanismen bricht sich bei Penny nicht in dogmatischer Verbitterung Bahn, sondern in einer Eloquenz und einem Denktempo, vor denen man nur den Hut ziehen kann. Sie schreibt so geistreich und ironisch zugespitzt, dass man über manche Absurdität unseres sexistischen Alltags einfach lachen muss – auch wenn die Thematik alles andere als lustig ist.

Neuen Input liefern insbesondere ihre Ausführungen zum „Cybersexismus“, mit dem sich Penny als langjährige und überaus erfolgreiche Bloggerin bestens auskennt. Zum einen verweist sie auf das Internet als globale Spielwiese, auf der sich junge Mädchen und Queers über Geschlechtergrenzen und körperliche Merkmale hinweg austoben und vernetzen können – eine großartige Chance, die Penny rasch aufgriff und für sich und ihre MitstreiterInnen zu nutzen wusste. Schnell kam jedoch die Erkenntnis, dass Frauen, die im Netz Raum einnehmen oder sich gar erlauben, eine politische Meinung zu vertreten, oftmals mit unglaublich sexistischen und gewaltvollen Hasstiraden niedergeschrien werden. Zensur kann nicht die Lösung sein, so Penny, da es nicht möglich sei, radikale Ziele mit konservativen Mitteln zu erreichen. Was dringend ansteht, sei ein strukturelles Umdenken.

Und damit wären wir auch schon beim Knackpunkt: Was tun? Alle paar Seiten ruft Penny nach umwälzenden Veränderungen, nach Meuterei und Revolution. Einen simpel umsetzbaren Masterplan zur Weltverbesserung liefert „Unsagbare Dinge“ natürlich nicht mit – doch das hat wohl auch keiner erwartet. Immerhin: Penny glaubt fest an die Macht der ausgestoßenen Communities und deren Stimmen, die langsam aber sicher an Einfluss gewinnen.

In einem ZEIT-Interview verriet die Autorin neulich, als nächstes einen Science-Fiction-Roman schreiben zu wollen. Ob Utopie oder Dystopie werde sich noch zeigen. Wir sind gespannt.

 

Laurie Penny
Unsagbare Dinge
Sex, Lügen und Revolution
Aus dem Englischen von Anne Emmert. Deutsche Erstausgabe
Edition Nautilus
2015 · 288 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-89401-817-7

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