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Kritik

Erbschaftsangelegenheiten

Léa Cohen über eine moderne Schatzsuche und den guten Unternehmer

Im Unterhaltungsgenre ist die Suche nach dem verlorenen oder verborgenen Schatz ein beliebtes Dauerthema, aus gutem Grund, lassen sich hier doch Abenteuerroman und Thriller gut miteinander verbinden. Manchmal zu gut, wenn dann noch Nazis mitspielen, die in ihrer Gier schnell übertölpelt sind, oder stalinistische Fanatiker, die nicht minder große Simpel sind. Harrison Ford hat hier seine Paraderolle gefunden, und auch Jean Reno war sich nicht zu fein dafür, mit solchen Filmen gutes Geld zu verdienen. Das Publikum will immerhin unterhalten sein, und nicht immer muss die Unterhaltung gut sein, wenns für einen Brüller reicht.

Was aber wenn die gehobene Literatur sich mit solchen Themen beschäftigt? Thriller? Politisch fundiert? Gar psychologisch unterfüttert? Moralisch gediegen? Mit den Themen Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Stalinismus ist jenseits der Kolportage nicht zu spaßen. Und wer sich einigermaßen literarisch seriös mit diesen Themen beschäftigen will, hat nur die Wahl, leise Töne anzuspielen. Zu groß und unvermeidlich die Fettnäpfe. Der falsche Held? Aufpassen. Die falschen Redeweisen? Himmel. Zu viel Nachvollziehbares jenseits des moralischen Limes? Untolerierbar.

Man sieht, Léa Cohen hat sich mit ihrem Roman „Das Calderon Imperium“ keine einfache Ecke ausgesucht, aber wer den Erfolg sucht, darf nicht allzu zimperlich sein. Hauptsache, moralisch ist alles in Ordnung.

Und das ist es in ihrem Roman, ohne Zweifel. Die Geschichte? Eines Kolportageromans würdig. Ein wohlhabender, erfolgreicher und anständiger, ja auch jüdischer bulgarischer Industrieller wird von seinem König, der sich dem nationalsozialistischen Druck Anfang der vierziger Jahre nicht mehr erwehren kann, dazu gezwungen, seine Unternehmen aufzugeben. Statt sich aber aus allen Positionen zurückzuziehen und seine Unternehmen arisieren zu lassen, transferiert er alle Unternehmenswerte auf eine Offshore-Gesellschaft und begeht gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord. Die Verantwortung teilt er insgeheim auf seinen Sohn, zwei seiner Freunde und seinen Prokuristen auf, die jeder für sich nicht handlungsfähig sind. Die Verwaltung seines Vermögens überlässt er Fondsmanagern in den USA. Der bulgarische Staat geht leer aus, was ihn in der protofaschistischen Fassung ebenso wenig Ruhe lässt wie in der Nachkriegsära, als er sich als stalinistisches Regime etabliert.

Die Geschichte reißt die Handlungsbevollmächtigten auseinander. Der Prokurist verschwindet, der Sohn wird hingerichtet, der Anwalt überlebt mehr schlecht als recht im sozialistischen Bulgarien, der dritte Freund, ein sozialistischer Aktivist, der vom Regime kaum attackiert werden kann, geht in den Westen. Und die ganze Zeit versucht der  bulgarische Geheimdienst, an das Vermögen, das ihm entzogen worden ist, zu kommen – was ihm nicht gelingen kann, da die Grundvoraussetzung nicht gegeben ist: Die notwendigen vier Vollmachten kommen nicht mehr zusammen. Geschichte zuende? Nicht für einen Roman.

Nach Jahrzehnten beginnt sie von neuem, als die drei Töchter der drei Freunde und der Sohn des Prokuristen beginnen, die Vollmachten wieder zusammenzuführen. Die Pfründe sind zwar ungleich verteilt, hat doch die Enkelin des alten Industriellen Zugriff auf Teile des Unternehmens. Und auch der Sohn der Prokuristen hat Gelegenheit, das Vermögen um einige hunderttausend Dollar kleiner zu machen.

Aber der große Coup gelingt niemandem, auch nicht den Geheimdienstlern, die – mittlerweile auf eigene Kappe arbeitend – den Vollmachten und ihren Inhabern auf der Spur geblieben sind.

Die Geschichte führt unter anderem in die USA, nach Israel, nach London, in die Schweiz, nach Deutschland. Das kleine provinzielle  Bulgarien wird damit angebunden an die große, weite Welt, was den Märchencharakter des Romans nur noch weiter verstärkt.

Erzählt wird die Geschichte aus der wechselnden Perspektive der vier Handlungsträger, sie arbeitet mit Rückblenden und Querverbindungen, sie unterbricht immer wieder, um nicht zu lange in einer der Binnenerzählungen zu verbleiben (Leser langweilen sich schnell). Cohen macht also alles richtig, und dennoch geht sie keinen Millimeter darüber hinaus. Und nichts ist langweiliger als Sollerfüllung. Die Guten sind die Guten, die Bösen die Bösen, so böse, dass sie manchmal als Gute gelten, was aber dann doch nicht ewig gut geht. Einer der Bösen darf sich am Ende auf die andere Seite schlagen. Und doch – Cohens Roman ist zu sehr den Klischees des Nachkriegs-Thrillers verpflichtet, als dass er wirklich gut werden kann.

Hinzu kommt, dass Cohen wirklich alle Winkel ihrer und der Geschichte ihrer Protagonisten auserzählt. Wir erleben sie als Kinder, Erwachsene und Greise (wenn es soweit kommt), wir erfahren, wie sie fühlen, denken, handeln und sich erinnern. So erbarmungswürdig die Biografien der Söhne sind, so erfolgreich sind ihre Töchter. Sogar der Prokuristensohn, der als Agent des Geheimdienstes arbeitet, kann auf eine aufsteigende Karrierekurve zurückblicken.

Alles wendet sich also irgendwie zum Guten, was nichts anderes heißt, als dass am Ende das Vermögen, das über Jahrzehnte im Verborgenen geblüht hat, an die Erben des Gründers zurückgegeben wird. Die schlimmen Zeiten sind vorbei, nun kann wieder alles gut werden.

Wenn Cohen mit ihrem Märchen nicht überzogen hätte. Und das in allem. Schon zu Beginn der gute, jüdische Industrielle mit dem großen unternehmerischen Geschick – wie wahrscheinlich ist eine solche Gestalt?

Dann der kurzfristige Transfer des Vermögens ins Ausland? Ist das so möglich? Schließlich die Biografien der nachfolgenden Generation, ist das wahrscheinlich? Natürlich ist die Enkelin des Unternehmensgründers eine erfolgreiche Musikerin – Hanno Buddenbrooks hätte sich über dieses Vorbild sicherlich gefreut, wenn er so alt geworden wäre. Aber warum diese Erfolgsgeschichte(n) der nachfolgenden Generation? Geld macht Erfolg, und gutes Geld macht verdienten Erfolg? Ein Blick auf den Ruf von Offshore-Gesellschaften heute würde wohl ein anderes Ergebnis haben: Wer nichts zu verbergen hat, geht auch nicht nach British Virgin Islands, oder?

Auch erzählerisch bleibt Cohen dem Klischee, das heißt hier dem Prinzip Cliffhanger zu sehr verpflichtet. Die Montage kleinerer Textpassagen, die demonstrative Sensibilität bei der Binnensicht ihrer Figuren – Überraschungen sind hier nicht zu erwarten. Alles wird erzählt und Langatmigkeit füllt immerhin Seiten. Das gute Ende, das niemand übel nehmen wird, ist vielleicht doch zu konventionell.

Womit ein angenehm zu lesendes Buch vielleicht doch arg hart  beurteilt ist. Denn das ist Cohens Roman ja schließlich auch, angenehm zu lesen. Mehr aber auch nicht.

Léa Cohen
Das Calderon Imperium
Übersetzung:
Thomas Frahm
Paul Zsolnay
2010 · 384 Seiten
ISBN:
978-3-552054905

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