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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Postpragmatischer Genuss

Leif Rand erzählt brillant vom zweifelhaften Glück freiwilliger Unfreiheit
Hamburg

Am besten reguliert der Mensch sich selbst. Oder besser noch: verlagert die Selbstregulation ins All, auf dass diese merkwürdige Entzweiung beizeiten vergessen werde.

In Leif Randts drittem Roman „Planet Magnon“ besorgt diese Aufgabe ActualSanity, ein Computershuttle, der unsichtbar über den sechs bewohnten Planeten schwebt und mit seinen Beobachtungen, Auswertungen und finanziellen Zuteilungen die Rahmenbedingungen für ein faires, sorgen- und konfliktfreies Leben schafft. Ideologien, Nationen und Regierungen sind passé; es lebe Big Data!

Wie alle guten Science-Fiction-Romane spielt „Planet Magnon“ zwar in der Zukunft, erzählt jedoch vom Jetzt – nicht umsonst spiegelt der kupferglänzende Planet auf dem edlen Cover das eigene Gesicht.

Der Ich-Erzähler Marten Elliot ist Spitzenfellow des erfolgreichen Dolfin-Kollektivs und gehört somit zur Elite seines Planetensystems. Über weite Strecken der Geschichte verfolgen wir ihn dabei, wie er zusammen mit seinem Co-Fellow Emma Glendale eine interplanetare Werbekampagne zur Rekrutierung neuer Dolfins unternimmt.

Was diese Zukunftswelt ausmacht, ist bereits im Prolog angelegt: Eine Gruppe Juniordolfins fährt per Reisebusshuttle in die Sommerferien auf Planet Cromit; die Jungs trinken Colabier und plaudern über die erhofften Romanzen mit Mädchen anderer Kollektive. Klingt verdächtig nach den Spring-Break-Exzessen amerikanischer College-Kids, oder nicht? „Es bestand keine Uniformpflicht, trotzdem mochten wir es, einheitlich gekleidet zu sein“, berichtet Randt in seinem typisch unterkühlten Stil. Zwang und Gleichmacherei? Total out. Etwas ganz anderes ist es allerdings, sich freiwillig den Codes einer Gruppe zu unterwerfen. Dass sich die einzelnen Kollektive vor allem durch bestimmte Modetrends, Sexpraktiken und Sportarten voneinander unterscheiden, illustriert den absurden Distinktionszirkus, der letztendlich eine totale Konformität kaschiert. Schließlich stehen auch in Prenzlauer Berg Punk-, Gothic- und Businessklamottenläden friedlich vereint zwischen Babybekleidungsgeschäften.

Selbst gruppeninterne Abgrenzungsversuche werden toleriert – das gehört zur vielgerühmten Flexibilität der Dolfins. Dass sich einige Juniors den Trinkspielen entziehen, ist also gar nicht schlimm: „Eine solche Verweigerung kam in jedem Jahrgang vor, das war üblich und auch erwünscht“. Ähnliches gilt für Affären über Kollektivgrenzen hinweg. Schließen macht gerade ihre Fähigkeit, die Impulse anderer Kollektive ins eigene Profil zu übernehmen, die Dolfins so erfolgreich. Dazu gehören selbst zweifelhafte Rituale wie der Verzehr frittierter Fische in großen, fensterlosen Hallen, die sie dem Post-Volta-Kollektiv abgeschaut haben. Ein bisschen Triebabfuhr muss sein – frei nach dem Motto „eklig, aber irgendwie auch geil“, mit dem sich ansonsten ernährungsbewusste Hipster ab und zu dann doch mal fetttriefendes Fast Food reinziehen.

Die hervorstechenden Merkmale der Dolfins heißen Coolness, Flexibilität und Eleganz. Was man auch vom Erzählton behaupten kann. Hätte dieser nüchterne, sich ständig selbst reflektierende Stil nicht bereits zu „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ perfekt gepasst, Randt hätte ihn für Marten Elliot eigens erfinden müssen.

Einerseits wirkt Marten kindlich-naiv und ganz im Jetzt, andererseits denkt er stets die Fremdwahrnehmung bereits mit. So behauptet er an einer Stelle, die Dolfins hätten „ein gesundes Verhältnis zur Blinkschen Naturschutzidylle. […] Wir sind fähig, sie zu genießen, ohne uns in ihr zu verlieren“. Und das sagt eigentlich schon alles aus über die Welt, in der er sich bewegt. Genussfähigkeit bei gleichzeitiger Selbstkontrolle ist sämtlichen Bewohnern des Randt’schen Universums eigen – egal, ob es um Nahrung, Orte, Sex oder Beziehungen geht. Alles ist dem Ideal des „PostPragmaticJoy“ unterworfen, jede menschliche Regung regulieren und objektivieren zu können. Das gilt nicht nur für romantische Beziehungen (unverbindliche Liaisons sind gestattet, langwährende Verbindungen jedoch erst im höheren Alter), sondern auch für an sich unwillentlich ablaufende Körperfunktionen: Dank Teinttabletten, Klimatabletten und „Clearings“ – der Praktik vieler Juniordolfins, sich nach Alkohol- oder Drogenexzessen „ausspülen“ zu lassen.

Es herrscht ein harmonisches Nebeneinander von Wellness und kalkulierter Selbstzerstörung, Zerstreuung und Pflichterfüllung, Selbst- und Fremdwahrnehmung. Eine wahrhaft neoliberale Entgrenzungslogik, die auch das Exzessive bereits mit einkalkuliert. Denn bei so viel Selbstkontrolle (avancierte Dolfins können beispielsweise beliebig ihre Gänsehaut aktivieren und deaktivieren), ist klar umgrenzter Kontrollverlust natürlich unverzichtbar. Wie etwa die Foodfights, bei denen Himbeermilch-Packungen an den Fensterscheiben der Akademie-Kantine zerplatzen. Die Dozenten schmunzeln; insgeheim ist die Rebellion ein ästhetisches Fest. Anpassung ist Widerstand ist Anpassung. Immer wieder schließt sich der Kreis. Genau wie die 14. Straße, die aus der Dolfin-Hochburg Blossom City zwar hinausführt, doch nur, um in die Blossom Suburbs und die Blossom Extras zu führen und dann, in einer weiten Schleife, wieder in die Stadt zurück. Eine schönere Metapher für eine in sich geschlossene Gesellschaft ohne konstitutives Außen hätte Randt kaum finden können.

Dann allerdings drängt sich plötzlich doch ein Außen in die heile Welt. Auf einige Kollektive werden Anschläge mit Ketasolfin verübt – eine Substanz, die schwach dosiert Wankelmut und Nostalgie hervorruft, in höheren Dosen Lähmung oder Panik. Zugleich melden sich die Hanks zu Wort, ein neu formiertes Kollektiv, das vehement ein Recht auf Schmerz zurückfordert. Denn, so wird einem allmählich klar, es gibt da doch etwas im Planetenverband, das verboten, oder zumindest nicht gern gesehen ist: Sehnsucht, Liebeskummer, Nostalgie, Hingabe. All jene Regungen eben, die sich nicht einfach „ausspülen“ oder wegrationalisieren lassen. Die, nehmen sie überhand, die kollektiven Arbeitsabläufe und die individuellen Selbstoptimierungsprozesse empfindlich stören würden.

Aber – wer möchte schon freiwillig unglücklich sein?

Marten und Emma begeben sich auf eine Mission, genau dies herauszufinden. Die Reise führt sie auf den Müllplaneten Toadstool, zum „Machtzentrum der gebrochenen Herzen“. Kein Zufall, dass die  Hanks sich ausgerechnet auf dem verseuchten Planeten, den sonst niemand freiwillig betritt, etabliert haben. Toadstool ist das, was Slavoj Žižek in „The Pervert’s Guide to Cinema“ als Badewannenabfluss oder Toilettenschüssel bezeichnet: Der Nicht-Ort, an den all das verbannt wird, was wir nicht kontrollieren können – Exkremente, Abfall, Begierden, Rachefantasien, Schuldgefühle.

Während in „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ nur eine leise Ironie an der unterkühlten Oberfläche kratzte und so eine gewisse Distanz zwischen Autor und Erzählstimme eröffnete, wird in „Planet Magnon“ den Zweifeln am eigenen schmerzlosen Im-Fluss-Sein ein konkretes Gesicht gegeben. Oder vielmehr eine Tigermaske, denn eine solche trägt die Anführerin der Hanks. Diese Personifizierung enttäuscht zunächst ein wenig, löste doch gerade die flirrende, nicht greifbare Irritation über die allzu perfekte Welt von CobyCounty das größte Unbehagen aus.

Ganz so leicht macht Randt es sich dann aber doch nicht. Denn auch das kritische Außen, so scheint es, kann für die eigenen Zwecke verwertet werden. Wenn man es sich recht überlegt, haben die Anschläge der Hanks mit ihren charakteristisch minzgrünen Gasen von Anfang an mehr an Kunstperformances im öffentlichen Raum als an bösartige Terrorattacken erinnert. Und überhaupt: Hätte ActualSanity die Rebellion nicht unterbinden müssen? Vielleicht, so suggeriert das letzte Kapitel, repräsentieren die Hanks wieder nur einen kurzen, von der Kontrollinstanz wohlwollend geduldeten Aufstand, der letztendlich den Status Quo festigt.

Leif Randt
Planet Magnon
Kiepenheuer & Witsch
2015 · 304 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04720-2

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