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Kritik

Wo Schatten ist, ist auch Licht

Hamburg

In seinem Essay Musils langer Schatten nimmt Leopold Federmair sich eines Schriftstellers an, der für einen essayistischen Zugang prädestiniert scheint: zum einen als dessen Theoretiker, berühmt seine Wendung, daß der „Essay […] nicht bloß Wissenschaft in Pantoffeln ist”; zum anderen aber eben auch darum, weil seinem Werk etwas Ironisch-Experimentelles eignet, ganz im Unterschied zu etwa Thomas Manns vorbildlicher Projektierung und dann Verwirklichung seiner Texte.

Doch nicht nur Musil widmet Federmair sich, sondern auch dessen Schatten – wie wäre die Gegenwart mit Musil zu denken, wie hilfreich ist, was dessen Texte lehren, der Intelligenz des 21. Jahrhunderts?

Das Ergebnis ist ein ungemein fesselnder Band, kenntnisreich, brillant formuliert – und streitbar, ohne Ungerechtigkeit kommt keine Seite aus, doch jede davon hat Witz und ist begründet.

Analysiert wird vieles, so, warum in Musils Kakanien die Kinder absent seien, ob der Held des Manns ohne Eigenschaften ein „Ekel” sei, ob der Roman nicht selbst der Held sei, das denkend entfaltete Wesen des Manns ohne Eigenschaften also, ob Eigenschaftslosigkeit den „liquide(n) User”, der sein Entscheiden bagatellisierend sich realisiert, indem er sich irrealisiert, zu beschreiben helfe, wie Schreibszenen vorzustellen seien, … wobei, und das ist die große Kunst des Essays, sich daraus immer wieder Konstellationen ergeben, die Musil und durch Musil die Welt erhellen.

Kakanische Gespenster sind so die User, die es gar nicht mehr geben mag:

„Möglich, daß alle diese unzähligen User gar nicht existieren. Sie sind nur Namen, Zahlen, Konten, Gespenster. Vielleicht haben sie einmal […] existiert; jetzt nicht mehr.”

Fetischismen sind Federmair dabei völlig fremd, die Frage, wieso zuweilen „merkwürdig aufgedonnert” wirke, was Musil schreibt, mußte einmal gestellt werden – die Antwort erst so möglich, die Musils Poetik und Anliegen klar faßt. Nur der Wille, der so „auch […] Hemmungen gestaltete”, wäre philologisch.

Etwas verstiegen sind die Versuche, Musil als Kritiker Robert Walsers und Franz Kafkas, deren Qualitäten er früh erkannte, sowie Rainer Maria Rilkes beschreibend zu einer Charakterisierung vor allem des Dritten gelangen zu wollen, bei dessen „Verflochtensein” noch auf Adorno zu kommen, Gott, Mystik, Zeit… Da sind die Pantoffeln zu nah, während gemütlich assoziiert wird, ein Mangel an Schärfe, den kleinbürgerliche Provokation („Ecce homo, liebet das Arschloch!”) ebensowenig wettmacht, wie die Rede von „Adorno mit seiner bequemen Ausrede, es gebe kein richtiges Leben im falschen.” Wirklich zu trüben vermögen solche Passagen, die weniger beeindrucken, Lesevergnügen und Gesamteindruck aber kaum.

Musils Texte sind längst nicht erschöpfend behandelt, sie blieben und bleiben spannend und erfordern den philosophischen Kommentar, und zwar offenbar immer mehr; darauf reagiert Federmair begrüßenswert, auch zeigend, inwiefern diese Spannung Qualität ist, inwiefern Musil also mit seinem langen Schatten auch und noch mehr ein Licht auf das wirft, was wir und unsere Zeit sein mögen. Musil ist immer wieder zu lesen, die Lektüre von Federmairs Buch gleichfalls zu empfehlen.

Leopold Federmair
Musils langer Schatten
Klever Verlag
2016 · 210 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-08-3

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