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Kritik

„Ich will, dass unsere Herzen offen sind“.

Leslie Jamison setzt sich in ihren anregenden Essays mit dem Vorwurf inszenierten weiblichen Leidens auseinander
Hamburg

Auf der Homepage von Leslie Jamison steht sie sei in Washington geboren und in Los Angeles aufgewachsen, seither habe sie in Iowa, Nicaragua, New Haven und New York gelebt und als Bäckerin, Gastwirtin, Bürokraft, Tutorin und Patienten Darstellerin gearbeitet. Sie schreibt: „Every one of these was a world; they´re still in me.”

Und diesen letzten Satz habe ich im Original zitiert, weil ich meine ihn im ganzen Buch gespürt zu haben, in jedem Essay. Es ist etwas, das Leslie Jamisons Essays ausmacht, dass sie es auf besondere Art und Weise versteht, objektive Beobachtung, gründliche Recherche, „tiefe Neugier“, wie ihr John Jeremiah Sullivan bescheinigt, und eben ihre ganz persönlichen Empfindungen, sich selbst mit aller Verletzbarkeit und ihren Zweifeln, zu verbinden. Und zwar auf sehr fruchtbare Weise. Man teilt als Leser einen Denkprozess, der das Gefühl und die Empfindungen nicht ausklammert.

Die Essays in „Die Empathie – Tests“ sind so angeordnet, dass die weibliche Sicht der Dinge, insbesondere das Verhältnis der Frauen zum Schmerz von Anfang an eine Rolle spielt, auch Leslie Jamison selbst und ihr Körper, ihre ureigenen Leidenserfahrungen sind von Anfang an involviert, dennoch ist der Abstand zunächst größer, die Betrachtungen allgemeiner, Vorarbeiten zu dem, worauf alles letztendlich hinausläuft, nämlich auf die „Große Universaltheorie über den weiblichen Schmerz“. Das klingt größenwahnsinnig und überzogen, aber es liest sich zutiefst aufrichtig und anregend.

Die ersten Essays des Bandes beschreiben die „Empathie Tests“. Eine Zeitlang jobbte Leslie Jamison als Darstellerin von Krankheiten. Sie bekam eine Krankengeschichte und Medizinstudenten mussten eine Diagnose erstellen. Wichtig für eine treffende Diagnose war dabei nicht zuletzt die Einfühlung in die Patienten. Und so oszilliert Jamison selbst in ihrem Essay zwischen fiktiver Krankengeschichte und ihrer eigenen Geschichte. Auf diese Weise gelingt es ihr all die kleinen Fallstricke und Missverständnisse aufzudecken, die erst bei näherem Hinsehen offenbaren, dass die vermeintliche Empathie häufig etwas anderes ist, „Inpathie“ zum Beispiel: „Es war nicht Empathie, sondern eher Inpathie. Ich versetzte mich nicht in ein anderes Leben hinein, sondern importierte dessen Probleme in mein eigenes.“

Sehr anschaulich beschreibt Jamison den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl, der sich darin ausdrückt, dass Mitleid häufig mit einer Distanz einhergeht, mit einem Gefühl der Überlegenheit, während Mitgefühl ein Ergebnis der Einsicht ist, dass der andere uns ähnlich ist. Die Neuropsychologie hat mittlerweile nachweisen können, dass diese Gefühle in unserem Gehirn tatsächlich unterschiedlich verarbeitet werden. Mitleid führt eher zu einem negativen Gefühl, denn wer nur mitleidet, leidet auch selbst, während Mitgefühl dazu führen kann, tatkräftiges Handeln zu aktivieren und auf diese Weise dieselbe Ausgangslage in ein positives Erlebnis verwandeln kann.

Jamison konstatiert, dass Empathie häufig mit Ängstlichkeit zu tun hat. „Ich habe entweder Angst davor, dass ich dieselben Probleme bekomme, die andere Leute schon haben, oder ich habe Angst davor, dass andere mich nicht mehr mögen, wenn ich ihre Probleme nicht zu den meinen mache.“

Dabei sind die Befürchtungen, die Angst, was geschehen könnte, mitunter schmerzhafter, schwerer auszuhalten als die Krankheit, das Symptom, sogar als der Schmerz selbst.

„Körperliche Symptome können Erleichterung mit sich bringen“. Diese Erkenntnis belegt Jamison nachdrücklich indem sie eine seltsame Krankheit, die Morgellons- Krankheit, und insbesondere ein Treffen der von dieser Krankheit betroffenen Menschen beschreibt. Deutlich wird die Ambivalenz, dass weder sie als Beobachterin, noch die betroffenen Menschen selbst wissen, woran sie mehr leiden, an den Symptomen der Krankheit, oder daran, dass es keine klare Diagnose gibt, dass ihr Leiden häufig als Wahn abgetan und nicht ernst genommen wird.

Jamison beschreibt das Wechselspiel zwischen Krankheit und Gefühlen, ihre Essays sind eine Illustration des Satzes von Susan Sontag: „Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, [...] eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken.“

Ein roter Faden durchzieht alle Essays, aber das Repertoire ist ungewöhnlich breit. Von Opfergeschichten über Skurrilitäten wie dem Berkley Marathon und Laz, dem Veranstalter eben jenes Marathons, ein „Mann des Prinzips, ein Mann, der sich der Idee des Schmerzes so radikal verschrieben hat, dass er andere dafür rekrutiert, nach ihm, dem Schmerz zu streben.“ Über haarsträubende Krankheitsbilder und echtes Mitgefühl schreibt sie, und setzt sich damit auseinander, wie wir Gefühle schmähen, sie abwerten, versuchen, sie uns vom Hals zu halten.

„Der Vorwurf des Sentimentalen richtet sich meist gegen unverdiente Emotionen“, schreibt Jamison und vergleicht das Süßliche des Pathos, des Sentimentalen und Melodramtischen mit dem Süßstoff, dessen zufällige Entdeckung sie sehr unterhaltsam beschreibt.

Vielleicht ist Empathie die Fähigkeit, oder vielmehr die Bereitschaft, darauf zu verzichten, um jeden Preis Zusammenhänge herzustellen. Zu ertragen, dass Ursache und Wirkung im Dunklen bleiben, die sichtbaren Bruchstücke nicht zueinander passen, und nichts logisch aus dem anderen folgt, aber dennoch existiert. Dass es Dinge gibt, die es eigentlich nicht geben sollte. Und das alles, obwohl wir Gründe brauchen, um den ausgestellten Gefühlen zu folgen, damit wir Mitgefühl entwickeln können und nicht sofort auf Abstand gehen, uns nicht augenblicklich, unwillkürlich distanzieren.

„Wir mögen uns selbst, wenn wir auf Ungerechtigkeit reagieren. Sie macht es uns leicht, uns für eine Seite zu entscheiden. Sie aktiviert unsere Fähigkeit zum Mitgefühl und zur Wut wie einen Muskel, von dem wir gar nicht wussten, dass wir ihn haben.“

Immer wieder kommt Jamison zu dem Schluss, dass es uns gut tut, dass es Ungerechtigkeit gibt. Dass Schmerz und Leiden dazu dient, dass wir uns gut fühlen, wenn wir uns darüber empören können, wenn wir Mitgefühl mit den Opfern haben und uns dadurch versichern können, dass wir auf der richtigen Seite stehen und das Richtige fühlen. Wir handeln angemessen und gehören zu den Guten.

So plausibel diese These beim ersten Lesen erscheint, ich bin mir nicht sicher, ob sie mich restlos überzeugt.

Andererseits ist der Gedanke an das enge Zusammenspiel von Mitleid, Empathie und Scham bestechend.

Es erklärt nicht zuletzt die Suche nach den Schuldigen, dem Verursacher, dem Sündenbock, die wir brauchen, um mit dem Leid fertig zu werden, die Wut und Verzweiflung auf etwas richten zu können, dass außerhalb von uns selbst liegt.

Vielleicht besteht echtes Mitgefühl, in dieser von der Neuropsychologie bestätigten gesunden und fruchtbaren Form, darin, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die im Bewusstsein gestellt werden, dass wir die fremde Welt des Leidens eines anderen nicht betreten können, dass sie zu fremd ist, wir können sie nicht verstehen, aber wir können zeigen, dass wir sie anerkennen, ernst nehmen und mit den Leidenden fühlen.

Die große Universaltheorie des weiblichen Schmerzes, das Kapitel auf das das ganze Buch hinausläuft, setzt sich explizit mit der Attraktivität weiblichen Leidens die Susan Sontag1 konstatiert hat, auseinander. 

Jamison wünscht sich über Verletzungen sprechen zu können, ohne sich ihrer zu schämen, aber auch ohne sie zu erhöhen, zu glorifizieren.

Eine Vielzahl von Wunden wird beschrieben; Ritzen, Magersucht, Narben, Menstruation. Sehr eindrücklich beschreibt Jamison bei all diesen Phänomenen die Zweidimensionalität des Schmerzes, sein Wirken in zwei Richtungen. „Durchs Einräumen der einen Wunde, entsteht gleich eine weitere: Es schmerzt mich, dies zu berichten.“

Jamison schreibt vom Phänomen der „postverwundeten“ Frau. „Ihr Schmerz hat eine neue Muttersprache, die verschiedene Dialekte kennt: sarkastisch, apathisch, undurchschaubar; cool und clever.“ Sie selbst gehört zu dieser Art Frauen: „Ich stecke in einer Zwickmühle. Ich habe genug vom weiblichen Schmerz, und ich habe genug von Leuten, die genug davon haben.“

In besonderem Maße dem Vorwurf der Melodramatik ausgesetzt, ist der Liebeskummer, oder auch grundloser Schmerz, wobei grundlos sowohl ohne Grund auf den man sich beziehen kann heißt, als auch endlos. „Grundloser Schmerz“, schreibt Jamison, „ist ein Schmerz, dem wir nicht über den Weg trauen. Einen solchen Schmerz halten wir für selbst gewählt oder nur ausgedacht.“ Wir reagieren auf diese Art, um uns einen Schmerz, den wir nicht erklären und „behandeln“ können, vom Leib zu halten.

„Ich glaube nicht, dass Empathie endlich ist“, schreibt Jamison, und für mich ist das der bedeutendste Satz in dem ganzen klugen Buch, weil er offen legt, was bei jeder Ablehnung, Verschmähung und Scham vor Schmerz implizit zugrunde liegt. Dass wir abstufen müssen, bewerten und begrenzen, was unsere Aufmerksamkeit, unsere Hilfe, unser Mitleid verdient und was nicht, weil es Grenzen gibt, weil wir haushalten müssen mit Gefühlen, Aufmerksamkeit und Mitleid. Und deswegen eine wie Jamison brauchen, die ihren Band mit diesen Sätzen enden lässt: „Der Vorwurf des Klischees und der Theatralik bieten unseren verschlossenen Herzen zu viele Alibis, und ich will, dass unsere Herzen offen sind. Da steht es jetzt. Ich will, dass unsere Herzen offen sind. Genau so.“

 

 

  • 1. Jamison schreibt dazu: „Susan Sontag hat die Blütezeit einer „nihilistischen und sentimentalen“ Logik des 19. Jahrhunderts beschrieben, als das weibliche Leid attraktiv wurde: Traurigkeit machte jemanden interessant. Es war ein Zeichen von Vornehmheit, von Sensibiblität, traurig zu sein. Das bedeutet, machtlos zu sein[...] Krankheit wurde zu einer kleidsamen Auffälligkeit, die eine anziehende Verletzlichkeit, eine überlegende Sensibilität symbolisierte und in zunehmendem Maße zum idealen Aussehen der Frauen wurde
Leslie Jamison
Die Empathie-Tests
Über Einfühlung und das Leiden anderer.
übersetzt von Kirsten Riesselmann
Hanser Berlin
2015 · 336 Seiten · 21,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24925-7

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