Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

LICHTUNGEN 145

Hamburg

Manche Geschichten berühren einen, obwohl man sie schon hunderte Male gelesen hat. Bei jeder einzelnen vergisst man alle anderen und erinnert sich an das wenige Eigene, das man in sich trägt. Diese Geschichten sind, als ginge das Licht in einem Zimmer in uns an und wir könnten wieder die Unordnung darin sehen – und all die schönen Gegenstände, die wir gesucht haben und im Dunkeln kaum ertasten konnten. Der Romanausschnitt von Drago Jančar ist ein solcher Text, eine dünne Infusion für das Verblasste, das Lebendige, kulminierend in der Beschreibung einer Nacht, einem Erlebnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Schön auch der Anfangssatz:

Er verirrte sich nach Ottakring.

Die ersten beiden Gedichte von Johan Hess machen noch eine schöne Metapher auf, zwischen Nähe und Fernweh, Tod und Neuanfang, aber alle folgenden sind mir zu clusterhaft, zu schrill, die Sprache bleibt auf ihren eigenen Fassaden stehen, hebt nicht ab.

Ich mag ja alles-wie-gehabt-Prosa nicht. Ich finde, Literatur sollte sich freischwimmen und nicht einfach nur ihre Bahnen drehen. Aber natürlich haben Alltagsgeschichten, das Gewöhnliche und alle unverhohlenen Menschlichkeiten durchaus etwas für sich: Sie entzünden die Dochte alter Kerzen in uns; der Leser ist nicht nur Zuschauer, sondern fühlt sich wie ein heimlicher Protagonist; man bekommt zu spüren, wie sehr sich das Weltliche in Texten spiegeln kann.

… vor allem, wenn das so unverkrampft geschieht wie bei Mascha Dabić, die, ohne falsche Vorspiegelung von Brüchen, nah am Lächerlichen baut. Ihre kurze Erzählung „Bettpredigt“ ist voller eingelöster Klischees und dem üblichen dünnen, bewusstseinsgeschuldeten Widerstand gegen diese Klischees; was den Text aber so großartig macht, ist die Art, wie er mit Details beharrlich seine Situation zeichnet und die Lücken zwischen den Klischees findet, in denen noch ehrlichen Regungen und Gefühle auszumachen sind. So kommt man nicht umhin, die winzigen Dilemmas der Protagonistin im Rahmen einiger größerer Fragen und Zusammenhänge zu betrachten – und die gewöhnlichen Geschichten, sie bilden halt oft die lebendigsten Körper ab.

Wenn Gedichte sich zu sehr versteigen und zu sehr willkürliche Setzung sein wollen, ist das mühsam. Jede Sprache ist letztlich Willkür, aber gerade deshalb ist es so wichtig, ein Arrangement, eine Form zu finden, in der diese Willkür kostbar wird. Michael Hillens erstes Gedicht, leicht pointiert zwar, versteigt sich zu stark. Die folgenden vier sind mir meist zu lapidar, es steckt nicht dieser letzte Funke in ihnen, der das Lapidare unüberwindbar, beispielhaft macht.

Leicht sentimental angehaucht, mit ein paar Wort- und Namensspielchen, kommt die unspektakuläre und nette Jägersgeschichte von Cornelia Travnicek daher, läuft dahin wie der Jäger mit seinem Hund durch den Wald, und endet so unaufgeregt wie die Stille unter den Wipfeln. Nicht viel mehr als das, aber immerhin: famos.

Ein großer Bogen und viele kleine Bögen sind es, die eine Existenz zusammenhalten und ihr eine Brücke über die Wasser des Lebens bauen, bis sie am Ende doch darin versinkt. In der Erzählung „Pfennige“ von Alexandra Grüttner-Wilke geht es um den Rückblick auf ein Leben, ein Erinnerungsknäuel; das bruchstückhafte Alles, das hinter einem Menschen liegt, der alt ist; eine unerhört gelungene Erzählbewegung, in die sowohl das Verweilen wie auch das Schwinden der Lebenselemente eingebettet sind. Mit diesem Ausmalen der Motive setzt der Text tiefe Anknüpfungspunkte. Baut ein Panorama auf kleinstem Raum. Begonnen bei dem Bild mit den Gläsern voller Pfennige, das vielleicht gar nicht notwendig gewesen wäre. Aber auch keineswegs stört.

An Isabelle Breiers Gedichten stört mich, dass sie zu wenig kulminieren. Vor meinem geistigen Auge sind ihre Zeilen wie Kurven, die sich mit verwirrenden 3D-Effekten ineinanderschieben, und obgleich diese wohlgeformten Schablonen ein Thema umreißen, das auf grazile Weise angespielt und abgewogen wird, schwirrt mir meist nur der Kopf. Es bleibt wenig Erkenntnisgewinn. In ihrer ganzen Konstruktion sind diese Gedicht auffällig filigran, aber sie entziehen mir jede kleine Nuance und werfen sie ins brodelnde, bodenlos erscheinende Fabulieren.

Schatten von Riesenmäulern
folgten bald mit mir dem Zirpen
in den nächsten hellhörigen Augenaufschlag

Wie kann man sich selbst noch wahrnehmen im Arbeitsalltag? Verliert man nicht ein Gespür für das Lebendige in sich? Diese Fragen schiebt einem Verena Mermer schmerzlich unter die Fingernägel, wenn sie in ihrer kurzen Erzählung „elefanten häuten“ das gänzlich Gewöhnliche und doch nahezu Unzumutbare des Büroalltags darstellt. Die Bahn, die der Text – vom Aufstehen am Morgen zum Befreiungsschlag am Abend – beschreibt, ist schmal, bildet aber so viele differenzierte Momente des Innewerdens und Außer-sich-Seins ab, dass er den Leser gegen Ende mit einem Hauch von Fülle, von Gewissheit entlässt und tatsächlich ein großes Thema in seinem kleinen Rahmen untergebracht hat.

Ich bin ja durchaus ein Fan der in die Jahre gekommenen Kunst des Erzählens. Vor allem, wenn so unverbindlich und lebensnah erzählt wird, wie im meiner Meinung nach besten Text dieser Lichtungen-Ausgabe: „Tito, die Piaffe und das Einhorn“ (ein Auszug – man kann seinem Autor Christian Moser-Sollmann nur wünschen, dass der Roman eines Tages erscheint). In der Manier eines nicht-larmoyanten Zynismus, der seinen Träger von den Illusionen und dem übertriebenem Aufwand geheilt hat, schiebt sich der Protagonist auf den Bahnen von gut abgestimmten Abschweifungen ins Bild, das eine Bar und ein geregeltes Leben zeigt; letzteres ringt mit seiner Sackgassenstruktur. Der springende Punkt ist natürlich, dass die Gedanken des Erzählers, trotz seiner gegenteiligen Versicherungen, gerade um die Themen kreisen, denen er sich entwachsen glaubt. Gescheiterte Existenzen umgeben ihn, und er denkt über die Dinge nach, die sein Leben ausmachen könnten, von denen er sich aber abgewandt hat. Lieber unscheinbar sein als unglücklich. Lieber Erwartungen, die in den Dingen liegen könnten, von Anfang negieren. Bei all dem wächst einem der Erzähler sehr schnell ans Herz. Die Leichtigkeit, mit der Moser-Sollmann Themen zur Hand nimmt, lässt einen frohgemut, betroffen und nachdenklich mitjonglieren. Man wird bestens unterhalten und die emotionalen Komponenten, die mitschwingen, werden nicht verdrängt, sondern fein getragen. Nun will ich aber den Text nicht weiter vorbelasten.

tagein, tagaus
beginnt ein ich

Es ist verblüffend, wie manchmal schon die erste Zeile eines Gedichtes ausreicht, um unsere Ahnung mit kleinen Gewissheiten zu elektrisieren. Dem ersten Gedicht von Rezka Kanzian folge ich sehr gern; eine Verdichtung geschieht hier, die sehr konsequent und doch erstaunlich ist, so kurz, so knapp, mit vielen Gedankenflächen, die sich auftun. Die anderen Gedichte erscheinen mir etwas zu verspielt, etwas zu freudig, aber vielleicht sind sie – wie viele Gedichte, weshalb man meine Worte zu Lyrik nie zu schwer nehmen sollte – einfach vergeudet an mein erkenntnissuchendes Auge, vor dem wenig Gnade findet, das nicht etwas (für mich) Tieferes herausarbeitet. Aber schön sind diese Gedichte, schön sind sie.

Es folgt ein leicht unverständliches Kuriosum, ein kurzes Spiel mit den Seiten „amüsant“ und „todernst“, das sich mal auf den einen, mal auf den anderen Fuß verlagert. Letztlich ist mir Franz Miklautz Geschichte „Eine Art vorzeitiger Leichenstarre“ allerdings zu ausgefasert; ich ertappe mich dabei, wie ich mehr über meine Irritation nachdenke als über den Inhalt des Textes.

Ohne einen Höhepunkt verfliegt die Erzählung „Hochzeitstag“, was aber im Interesse der Autorin sein dürfte, da es genau um diese Problematik geht: um das Ausbleiben des Besonderen und das penetrante Aufpoppen des zu Erwartenden. Das Klischee, dass Männer die Ignoranten in Ehe-Beziehungen sind, geht Ruth Schmiedberger und dem Text dabei allerdings zu leicht von der Hand.

Es ist zunächst ein semi-unterhaltsamer Aufbau: Man wird konfrontiert mit einem unscheinbar schrägen Vogel namens Mirko und seinen Lebensansichten, der Entfremdung von seiner Umwelt, seinen Listen und seiner Obsession für eine bestimmte Frau. Er teilt ordentlich aus und stellt ein paar Thesen auf. Dann aber geschieht plötzlich ein unerhörter Bruch, der die Erzählung auf eine neue Ebene hebt und das Ganze zu einem Spiel mit Perspektiven macht. Selten habe ich in letzter Zeit einen so kühnen, gleichsam sinnigen und unsinnigen Kippmoment beim Lesen erlebt. Dieser Moment und seine Folgen machen Florian Gantners Text zu einem Erlebnis, das einen zumindest an die Fragilität der erzählerischen Behauptung, des Immanenten Erzählstoffes, erinnern wird und darüber hinaus auch unterhaltsam ist.

Leicht berührend, leicht verbaut, das Eingestehen eines Versuchs und eines Scheiterns: Zunächst scheint mir Marlene Schulz' Erzählung „Pfui, Teufel!“ sehr aufs Formale versessen: Die auf das Erzählte reagierenden Gedanken der Protagonistin sind immer in eckigen Klammern mit-angegeben. Aber gerade diese Struktur balanciert den Text aus, holt das Unverhohlene und Schmerzliche hervor, das die Tochter in Bezug auf ihre altersschwache Mutter empfindet, die immer noch lebt, aber zusehends nur noch existiert. Berührend wird die Erzählung dort, wo die Tochter versucht, die Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit der mütterlichen Existenz aufzubrechen, mit ihr über ihr Leben, ihre Vergangenheit zu sprechen, aus der Mutter einen Menschen zu machen und sie nicht mehr nur als  Last zu empfinden, also: ihre Geschichte aufzuschreiben.

Die Erzählung „Vaters Rückkehr“ von Adil Olluri ist ein weiterer Beweis dafür, dass das Erschütternde, Niederschmetternde, Willkürliche nah an jeder familiären Wirklichkeit liegt und jederzeit einfallen kann. Am Anfang eine Liebeserklärung, mit viel Überschwang, kompromisslos, vollzieht der Text eine Bewegung, die ihn unaufhaltsam in jene schmerzliche Gewissheit biegt, die schon am Anfang vorliegt und der selbst das gesammelte Erinnern nicht entrinnen kann.

Tanja Raichs Erzählung „Besuche“ ist solide Prosa, die Dialoge sind gut getimt, fast zu gut, aber noch natürlich. Das Krankenhausszenario mit Vater, Mutter und Tochter ist glaubwürdig inszeniert bis in die letzte Faser und verfehlt nicht seine Wirkung.

Was Unterschwelliges darin mit-schwelt, kann ich nicht sagen – ich weiß nicht, wann oder wo die Erzählung spielt und kenne mich in serbisch-kroatischer Geschichte nicht gut aus. Aber Marko Kovačs Erzählung „Die Serben waren’s“ besticht durch ansehnliche Präzision und Ökonomie, was sich auch darin zeigt, dass er viele atmosphärische Rand-Details richtig unterzubringen versteht, den Text daran entlang führt. Das Setting ist harmlos: es geht um eine Gruppe Jugendlicher am Strand und ein Feuer in der Ferne. Im Ganzen bleibt der Text letztlich unspektakulär und man hat das Gefühl: gerade durch die Präzision kommt das Erzählte nicht über einen Ansatz hinaus. Dennoch eine nette Lektüre.

Die nächsten vierzehn Seiten sind einem Schreibwerkstattprojekt gewidmet, das bereits zum zweiten Mal stattfand: Lebenswege, eine Kooperation der Lichtungen mit der Lebenshilfe Österreich, bei der Menschen mit Behinderungen zusammen mit Autorinnen und Autoren Texte verfassen. Ein ungeheuer schönes Projekt, dessen Ergebnisse vom Tierkrimi bis zum Herbstgedichte reichen; viele Erzeugnisse haben ihren ganz eigenen Reiz. Es erfüllt einen mit großer Dankbarkeit, dass man diese Texte lesen darf.

Auch die folgenden 18 Seiten mit australischer Lyrik sind eine wunderbare Erfahrung. Ich danke Paul-Henri Campbell, dem Übersetzer und Einleiter, dafür, dass mir die Gedichte so unverbraucht und sinnlich entgegenschwingen, als wären es gar keine Übersetzungen. Vielleicht liegt das an den Gedichten selbst – auch, wenn eine gewisse Diversität auszumachen ist: Viele Gedichte haben einen ähnlichen Fokus, eine ähnliche Atmosphäre, oft ist da eine Bedächtigkeit, etwas Meditatives. Dennoch ist die Auswahl bestechend, und mir ist kein wirklich schwacher Text untergekommen. Ganz im Gegenteil.

Nach dem Teil des Hefts, der der bildenden Kunst gewidmet ist und in dem ein paar interessante Zerlegungen der Materialien Satz, Text und Buch vorgenommen werden, sowie zwei Essays, die ich sehr genossen habe (einer befasst sich mit Grenzen, der andere mit Schein und Sein), endet meine Lektüre und beginnt mein Fazit:

Die Lichtungen weisen eine erfreuliche Vielfalt an Textabteilungen auf. In den meisten Prosatexten geht um gewöhnliche Existenzen, Geschichten und Erlebnisse, und mir gefällt dieser Fokus. In vielen Momenten fühlt man sich abgeholt und mitgenommen, nicht so alleingelassen oder vor den Kopf gestoßen wie bei der Lektüre von manchen Beiträgen in anderen Literaturzeitschriften. Ich habe mich als Leser gut aufgehoben gefüllt, obgleich ich mit allerhand konfrontiert wurde. Natürlich kann man auch diesem Gefühl wiederum misstrauen, sollte man sogar. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass aus den Lichtungen der allerneueste Wind weht, neueste Trends werden hier wohl nicht gesetzt, aber das geht ja auch oft genug nach hinten los. Ich werde diese Ausgabe der Lichtungen noch einige Male aufschlagen, wegen des einen oder anderen gut erzählten Textes, der mich angesprochen hat. Mehr kann man vom Inhalt einer Literaturzeitschrift kaum verlangen.

 

An der Ausgabe beteiligte Autor_innen:
Drago JANČAR,Johan HESS, Mascha DABIĆ, Michael HILLEN, Cornelia TRAVNICEK, Alexandra GRÜTTNER-WILKE, Isabella BREIER, Verena MERMER, Christian MOSER-SOLLMANN,  Rezka KANZIAN,  Franz MIKLAUTZ, Ruth SCHMIEDBERGER, Florian GANTNER, Marlene SCHULZ, Adil OLLURI, Tanja RAICH, Marko KOVAČ, Paul-Henri CAMPBELL.

Lichtungen145/XXXVII. Jg.
Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
Lichtungen
2016 · 10,00 Euro

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