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Kritik

Keiner will helfen

Der Vater in Russland, die Mutter in Italien. Liliana Corobca erzählt sachlich und anrührend vom Schicksal der Kinder in Moldawien, die alleingelassen werden
Hamburg

Keiner will helfen. Dan, sechs Jahr alt, liegt auf dem Boden, das Hemd hochgezogen, und schreit und weint. Sein dreijähriger Bruder Marcel sieht ihn sich an, bis es ihm langweilig wird. Ein kleiner schwarzer Punkt auf Dans Bauch. Eine Zecke. Die hat Dan früher selbst aus dem Fell der Schafe herausgeholt:

Vater hatte ihm gesagt, wenn man die nicht herausbekommt, saugen sie das ganze Blut des Tieres auf, bis keines mehr übrig bleibt.

Und jetzt hat eine ihn gebissen.

Dan stellte sich vor, wie die hungrige Zecke sein Blut saugen und sich in eine Art großen Ballon verwandeln würde, und er, klein, ausgezehrt, ein Häuflein Knochen, könnte nur noch hilflos mit den Armen und Beinen wedeln, während sich die Zecke in die Luft erheben und schließlich in den Himmel aufsteigen würde. Hunderte, vom Blut der Kinder aufgedunsene Zecken schweben im freundlich heiteren Himmel, und die Kinder weinen, dünn und vertrocknet kleben sie an dem unbarmherzigen Ungeziefer.

Cristina, die große Schwester, traut sich nicht, sie herauszuziehen. Was, wenn sie sie nicht ganz erwischt? Dann würde eine nachwachsen, vielleicht noch größer als die jetzige. Sie läuft ins Dorf, sucht jemanden, der helfen kann. Aber sie findet niemanden. Onkel Vasile antwortet nicht, eine Frau, die Wäsche wäscht, sagt: "Ich entferne keine Zecken." Dann kommt ein Mann mit einem Pferdewagen zum Brunnen, und erklärt sich bereit, die Zecke raus zu ziehen: Mit einem Ruck ist sie draußen, mitsamt Kopf. Er fragt nach ihrem Vater und ihrer Mutter und zieht dann grummelnd davon:

Auch meine ist weggegangen, und die Kinder sind auch gegangen. Ich bin allein geblieben, zum Glück hab ich mein Pferd. Los, Stute, nach Haus mit uns.

Die Szene spielt irgendwo in einem Dorf in Moldawien, wo die zwölfjährige Cristina das Oberhaupt der Familie ist: Der Vater ist in Russland, in einem Bergwerk, die Mutter als Kindermädchen in Italien, beide müssen Geld verdienen, und das geht nicht in diesem bitterarmen Land. Und so müssen die Kinder eben allein zu Hause bleiben, Cristina ist ja fast schon erwachsen. Sie kümmert sich um alles: kocht, wäscht, putzt, füttert die Schweine und Hühner. Schaut nach der zugelaufenen Katze und den frisch geschlüpften Schwalben, die in ihrer Scheune wohnen und die die Katze fressen will. Spielt mit den beiden kleinen Jungs, passt auf sie auf, erzieht sie auch ein bisschen. Manchmal hat sie so viel Arbeit, dass sie selber gar nicht zum Essen kommt. Und zur Schule muss sie ja auch noch. Wo sie allerdings gern hingeht, denn da kann sie noch Kind sein.

Sie sind allein, die Kinder. Alleingelassen von ihren Eltern, die aber auch keine Wahl hatten. Natürlich vermissen sie ihre Eltern, die Geborgenheit und Sicherheit - jetzt müssen sie sich manchmal mit Stöcken unter dem Bett verstecken oder die Türen verbarrikadieren, wenn sie nachts Angst bekommen, vor Gespenstern oder Dieben. Einmal in der Woche telefoniert Cristina mit ihrer Mutter und versucht, tapfer zu wirken, nicht zu weinen. Auch wenn die Situation nichts als trostlos ist, im ganzen Dorf: Da ist der Nachbar, der Sand klaut, um sein Haus fertig zu bauen, da sind andere, die das Obst stehlen, und auch das Geld, das Cristina hat, muss sorgsam versteckt und verwaltet werden: Auch die Großmutter ist kann nicht helfen, weil sie krank und dement ist. .

"Acht Uhr, Zeit zum Weinen", schreibt Cristina einmal. Das ist die einzige Zeit, wo sie ihre Gefühle vor sich selbst zeigen kann. Sonst muss sie stark sein, muss die Mutter ersetzen und den beiden kleinen Jungs die Stütze sein. Sie spielt ihre Rolle gut. So erklärt sie ihren Brüdern und den anderen kleinen Kindern im Dorf, dass es doch eigentlich viel besser ist, wenn die Väter nicht da sind, denn was machen die Väter, die da sind? Sie betrinken sich und schlagen dann die Familie zusammen oder das ganze Haus - was die Kinder wie im Kino miterleben, weil sie sich neugierig vor dem Fenster versammeln und zusehen. Und manchmal kommen tatsächlich blutende Kinder zu Cristina, die sie dann tröstet und verarztet.

Marcel erklärt sie einmal:

Siehst du, Dummerchen, was ein Vater tut? Ein Vater fehlt dir, damit du mit eingeschlagenem Kopf herumlaufen kannst, Blut in der Nase, hungrig und verdroschen, und dich bei den Nachbarn verstecken musst?

So versucht Cristina den Schmerz wegzudrücken, weil er schier nicht auszuhalten ist. Und auch nicht zu ändern. Denn die einzige Gelegenheit, wo die Eltern zurückkämen, wäre, wenn die Großmutter stirbt. Aber das darf man sich ja auch nicht wünschen.

"Der erste Horizont meines Lebens" ist ein bedrückendes Dokument der Einsamkeit und des inneren Schmerzes. Ganz aus Cristinas Perspektive geschrieben, manchmal wie ein Brief an ihre Mutter, manchmal wie ein Bericht, manchmal wie philosophische Essays über den Menschen und seine Not. Manchmal sachlich, manchmal anrührend sentimental, manchmal brutal direkt, aber immer in einer sicheren, geraden Sprache. Immer wieder muss man sich klarmachen, dass die Protagonistin eine Zwölfjährige ist, für die diese Rolle überhaupt nicht passt, weil sie selber noch ein Kind ist, selber noch Schutz und Erziehung braucht.

Der Leser ist wie in einem Wechselbad der Gefühle. Mal genießt er die wunderschönen, sensiblen Naturbeschreibungen und ihre Tagträume, etwa von der Wanderung mit ihrem Vater, wo sie "den ersten Horizont meines Lebens" gesehen hat. Oder sie schreibt von einem Ort der Geborgenheit:

Ich nenne ihn die Insel. Eine Stelle, an der ich mich ins Gras legen und den Himmel betrachte. Dort sehne ich mich nicht nach den Eltern, habe ich keinen Hunger und keine Angst, obwohl ich allein bin.

Er liegt an der Waldspitze, in der Nähe des Weingartens:

Ich trat auf die Lichtung, und alles stand still, vielleicht bin ich in jenem Landschaftskreis verschwunden.

An vielen anderen Stellen gruselt es den Leser, wenn er sieht, wie gewaltsam Cristina sich ihre eigenen Gefühle vom Leib halten muss, um für ihre Brüder da sein zu können. Dann kann sie auch zynisch werden:

Stimmt es, dass dort, in den sehr reichen und entwickelten Ländern, die Kinder für nichts gut sind? Stehen sie nicht ihren Eltern bei, kümmern sie sich nicht um ihre Geschwister, können sie kein Essen zubereiten oder Ziegen melken? Kleine Parasiten im Nacken der Eltern!

Liliana Corobca
Der erste Horizont meines Lebens
Übersetzung:
Ernest Wichner
Zsolnay / Deuticke
2015 · 192 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-552-05732-6

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