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Kritik

„Die Realität der anderen ist nicht die meine“

Hamburg

Gemeinsam mit „Kruso“, dem zum Buchpreis nominierten Titel von Lutz Seiler, ist LICHTFANG von Lisa Kränzler bei Suhrkamp im Herbstprogramm erschienen. Im Schatten des Spitzentitels ringt der Roman der 32-jährigen Autorin um Aufmerksamkeit. Dabei ist die dritte Veröffentlichung der 3sat-Preis-Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2012 es wert, wahrgenommen zu werden.

Lilith und Rufus sind Kränzlers Protagonisten, zwischen denen sie kapitelweise hin und herspringt. Beide stehen kurz vor dem Abitur. Ihr Kosmos ist die Schule, das Zuhause, der kritische Spiegel im Badezimmer, das Basketballfeld und der Unterschlupf zum Malen. Durch das Teleskop der Pubertät sehen sie sich und ihr Wirken zu groß und zu kritisch. Den Fragen, die das aufwirft, begegnen sie auf verschiedene Weise.

Lilith will verschwinden, sie will keine Zukunft. Ihre Utopie ist, „so viel fleischlichen Ballast wie möglich abzuwerfen“. Gerade steht ihr Gewicht bei 49,8. 49,7 wären besser. Sie kotzt, wenn es sein muss. Rufus dagegen macht Pläne, will durchkommen, gute Noten und später Astrophysik studieren.

Und auch sonst sind sie verschieden. Rufus beruhigen feste Entitäten. Zahlen, die „den strengen Gesetzen der Logik gehorchen, die beweisbar, berechenbar und – gottlob – absolut asexuell sind.“. Lilith dagegen bekommt Schwierigkeiten, sobald es über den Zehner hinausgeht und will gleich die Schule abbrechen. Sie malt lieber. Rufus hat Kunst abgewählt. Im Orientierungsseminar schreiben sie auf einen Zettel: Rufus:„durchkommen“, Lilith: „Ausweg finden und gehen“.

Ihre Begegnungen wiegen mindestens genauso schwer, wenn nicht noch schwerer als alles andere. Die Größe und Bedeutungsschwere, die alleine eine Umarmung für sie hat, lastet auf ihnen. Sie sind geprägt von der Sorge, dass der andere nur nicht wahrnimmt, wie unvollkommen sie sind.

Die Unvollkommenheit beginnt beim Äußeren. Mit dem Spiegel kämpfen sie beide. Liliths Spiegel ist ihr Feind. „Kalt, ungnädig, prüfend und präzise wie das Skalpell eines Chirurgen tastet er ihre Züge ab.“

Rufus Spiegel ist nicht besser, entblößt ihn. Wenn er hineinsieht, sieht er „Hauer, scharfe Schneide- und Mahlinstrumente. Sein Gesicht ist mit Zähnen bewaffnet. Besonders sympathisch sieht das nicht aus.“„Er will den virtuellen Rufus, diese künstliche, kalte Kreatur, die ihm das Glas an den Kopf wirft wie eine dreiste Behauptung, nicht sehen; will nichts zu tun haben mit dieser seelenlosen Simulation, die mit dem, was er, der reale Rufus, fühlt, sieht, denkt und zu sein glaubt, in keiner Weise übereinstimmt.“

Aber Lilith und Rufus ziehen einander magisch an. Das führt zu Problemen:

Gefühle wollte Rufus nie, denn „man kann den Tag auch ohne Gefühle einigermaßen sinnvoll gestalten“. Lilith spricht in Bezug auf ihre an Rufus adressierte Zuwendung von „Leichtsinnsfehler(n)“. Es muss sich um „Kurzschlüsse, die ihren Verstand ausfallen lassen“ handeln. „Ich liebe dich. Diesen Satz hat sie bislang nur in Notwehr eingesetzt.“ und „Dass sie ihn liebt, macht es nicht leichter. Dass sie es sagt, noch weniger.“

Im Unterdruck, der sich im Spannungsfeld von Zögern und Aufeinanderzufallen ergibt, scheint nur noch extremes Wahrnehmen und Handeln möglich:

„>>Ich liebe dich<<.“

Es kommt aus Liliths Mund geschossen, bringt Mauern zum Einsturz und lässt nichts übrig als zweimal nackte Angst, die sich aneinanderklammert.“

Kurz vor dem ersten Kuss verbarrikadieren sie sich: „Hier kommt keiner mehr rein, so viel ist sicher.“ Sie wollen es so. Als es dann passiert, will es keiner gewesen sein.

Pathos und Humor fallen in der Sprache, die Lisa Kränzler für ihre beiden Protagonisten findet, ineinander. Die fantasievolle, gewichtige Sprache ist schwer wie die Gefühlswucht und ihrer beider übergroße Wahrnehmungen, die Rufus und Lilith zu erdrücken drohen. Es ist gut, dass sich hier eine Autorin traut, mit ihrer Sprache absolut zu sein.

Es gibt nur ein Problem für Rufus:

„Sie wollen keine Zeugen, keine Kommentatoren, keine Mitwisser. Sie wollen nur sich, sonst niemanden, versichern sie einander.“

Doch das heißt auch, dass Lilith offiziell noch andere treffen darf. Was wenn die gepriesene Absolutheit insgeheim in ihr Gegenteil verkehrt wird?

Temporeich erzählt Kränzler von ihren Protagonisten, die nicht still halten können, die unentwegt von einem Licht geblendet zu sein scheinen, das die Reflexion ihres Tuns ist, das vor den Augen flimmert und heiß hinter der Stirn steht. Lilith vor allem bräuchte jemanden, der auf sie aufpasst. Aber das kann Rufus nicht.

Die personale Perspektive wird gegen Ende des Romans zur Ich-Perspektive. Die Deutungshoheit gehört nun Lilith. Die Drehzahl ihres Gefühlsvakuums, das sie einschließt, hat sich erhöht. Ihr Zustand ist fragil. Der Perspektivwechsel birgt Schwierigkeiten hinsichtlich der Binnenlogik des Romans, aber darüber lässt sich hinwegsehen.

„Mein Körper ist ein Fass voll Furcht. Ich muss dem ein Ende machen, muss die Kontrolle zurückerlangen, bevor mein Brustkorb zerbirst.“

So wie es ausgeht, trägt das Existenzielle nicht mehr den Schutzmantel des Pubertären.

Beiden haben sie am Ende geschafft, was sie im Orientierungskurs auf ihre Zettel schrieben.

Rufus: „durchkommen“.
Lilith: „Ausweg finden und gehen.“

Lisa Kränzlers LICHTFANG ist zu wünschen, dass in diesem Herbst nicht zu große Schatten anderer Publikationen auf den Roman fallen und er gebührend wahrgenommen wird.

 

Lisa Kränzler
Lichtfang
Suhrkamp
2014 · 175 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42445-2

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