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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Kritik

Schonungslos

Lisa Kränzlers zweiter Roman „Nachhinein“
Hamburg

Demütigungen, Armut, Missbrauch: Lisa Kränzlers zweiter Roman „Nachhinein“ ist ein schonungsloses Buch, aus dem es kein Entrinnen gibt. Vor kurzem erschien es im Berliner Verbrecherverlag. Ein Auszug aus dem Roman wurde im letzten Jahr mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb geehrt. In diesem Jahr stand der Roman auf der Liste zum Preis der Leipziger Buchmesse. Zwei junge Mädchen, die eine aus gutbetuchten Verhältnissen, die andere nicht, verbindet eine merkwürdige, sadistische Freundschaft. Die beginnt schon im Kindergarten. Wenn die eine nicht spurt, wird beim Pferd-und-Reiter-Spiel mit „zügelndem Ruck“ gezüchtigt. Das jedoch nur ungern. Denn „der wie ein ersticktes Husten klingende Abwürgeton, den du im Moment der Maßregelung von dir gibst, klingt unangenehm unfein. Ein solches Geräusch ziemt sich nicht für edle Tiere.“

Die Privilegierten und die Unterprivilegierten. Die 30jährige Autorin sieht das entschieden schwarzweiß, die Schubladen fliegen auf und zu. Da stehen die armen Arbeiter- und Ausländerkinder, die am Wochenende vor einem „Teller Nudeln mit Ketchup“ sitzen und sich anschließend mit den Augen „wie Hundeschnauzen in die grelle, vollgestopfte Bildschirmwelt“ wühlen. Auf der anderen Seite die Bürgerlichen mit ihren mittelständischen Betrieben, ihren Spanienurlauben und mit Eltern, die ihren klavierspielenden Kindern laut aus Reiseführern vorlesen. Dazu dann noch die passenden Namen: JasminCelineJustine und LottaLuisaLuzia. Man weiß sofort, wer von den beiden Protagonistinnen hier vor dem Nudelteller hockt.

Und während LottaLuisaLuzia ihre Pubertät lebt und beim Jugend musiziert Wettbewerb teilnimmt, wird JasminCelineJustine von ihrem Vater missbraucht. „Ist Schlafens-, ist Wachens-, ist Sterbenszeit? Die Vögel würden verrückt werden. Sie blinzelt. Woher die Helligkeit? (...) Für Augenschließen und Schwärze fehlt ihr der Mut.“ An einem anderen Tag zwingt JasminCelineJustines Vater seine Tochter in einen beinah durchsichtigen Badeanzug und lässt sie vor seinen Kumpels „in der von staubigen Butzenscheiben verdüsterten Stube“ tanzen.  Manchmal kann man das Buch kaum ertragen. Als LottaLuisaLuzia vom Missbrauch ihrer Freundin erfährt, bleibt sie jedoch tatenlos und stumm und geht nach Hause. „Dankbar stürze ich mich auf mein kaltes Abendessen. Sogleich verstummen die Fragen. Ich höre nichts mehr, bin Kauen und Schlucken, Fleisch und Gemüse sind meine Wahrheit.“ Doch auch LottaLuisaLuzia ist nicht das glückliche Kind, das man vielleicht aufgrund ihres familiären Backgrounds vermuten würde. Vielmehr sind ihre ständig über den Schreibtisch gebeugten Eltern wenig präsent, legt sich LottaLuisaLuzia einen egoistischen Panzer zu und versteht Beziehungen in erster Linie als Bindungen, in den es nur um den persönlichen Vorteil geht. Anteilnahme und Empathie kennt sie nicht. Doch gibt es leider auch keine Lösung. Beide Mädchen sind ausgeliefert, jede scheint in ihrem Schicksal gefangen zu sein. Beiden bleibt offensichtlich nur die Flucht in ihr jeweiliges, der sozialen Schicht stereotyp entsprechendes Hobby: die eine übt wie wild am Piano, die andere taucht ab in die Computer-Ballerspiele-Welt. Wenn es etwas Zwischenmenschliches gibt, ist es emotionslos oder gemein. „Zwischen Asphalt und Bläue erstrecken sich Räume voll Nichts. Da ist kein Halt, kein Hort, kein Gefühl.“

Lisa Kränzler schreibt einen beeindruckenden Coming-off-Age Roman, der nicht nur von erwachender Sexualität erzählt, von Körpern, Unsicherheit und Ausflügen ins Ferienlager. Es ist auch ein Roman über Armut, Ohnmacht und die Ungerechtigkeit der Welt. Diese hochaktuellen Themen literarisch anzupacken, erfordert Mut. Die Freiburger Autorin hat eine Menge davon.

Lisa Kränzler
Nachhinein
Verbrecher
2012 · 272 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-943167160

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