Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Schnittmengen und weiße Flächen

8 Autoren - 8 Kunstwerke
Hamburg

Keine Kunst ohne Betrachter. Ein Gemälde ohne jemanden, der es ansieht, ist dasselbe wie ein Buch ohne Leser, erst im Zusammenspiel mit dem Publikum entfaltet sich das Kunstwerk.

Warum also nicht einmal Betrachter und Kunstwerk zusammenführen, hat sich das Literaturhaus Frankfurt gedacht und acht Schriftsteller eingeladen, sich jeweils eines der über 4.500 Werke des Museums für Moderne Kunst auszusuchen, um sich damit auseinander zu setzen. Es zu „betrachten“. Betrachtung nämlich meint etwas anderes als nur ansehen, in diesem Wort ist das „trachten nach etwas“ enthalten, die Überlegung, der Wunsch und Wille, etwas zu finden, herauszufinden.

Source: von zubinski

Auf wie unterschiedliche Weise diese Wortbedeutung eingelöst werden kann, zeigt der Sammelband des Literaturhaus Frankfurt und des Museums für Moderne Kunst, der aus zwei schmalen Bänden besteht, die in einem Pappumschlag vereint werden, auf dem zwei Ringe abgebildet sind, rot, wie das kleine Büchlein, in dem die Kunstwerke abgebildet sind, und blau, wie derjenige in dem die Texte zu eben jenen Werken zu finden sind. An einigen Stellen überschneiden sich die Kreise, an anderen behalten sie ihre Farbe und wieder andere Stellen sind durchsichtig. Das klug gestaltete Cover illustriert somit Vorhaben und Inhalt der „Acht Betrachtungen“. Oder um mit Thomas Pletzinger zu sprechen, der in seiner Betrachtung Tobias Zielony Timm Rautert zitieren lässt: „Ein Bild ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.“

Angenommen haben alle Autoren das Angebot,  gelöst haben sie die Aufgabe auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Helene Hegemann begnügt sich mit einem Mailverkehr, der nur sehr entfernt mit Henrik Olesens Milchtüte zu tun hat.

Bei Thomas von Steinaeckers  Überlegungen zu Fischli/Weiss „Raum unter der Treppe“ schält sich aus einem anfänglichen Chaos ein erster Satz hervor, mit dem der Autor beginnt, die Frage nach dem Arrangement auf immer wieder unterschiedliche Weise zu variieren. So kommt eins zum anderen, die Auswirkungen zum Arrangement, bis schließlich alles wieder im Chaos mündet.

Peggy Mädler stellt Überlegungen zum Ort der Installation von Pippilotti Rists Video „Atmosphere & Instinct“ an und erzählt von Gewohnheiten angesichts des Gewöhnlichen. Die Anordnung ihrer Geschichte ist geschickt gemacht. War es bei Thomas von Steinaecker der Raum, der die Gedanken auslöste, ist es hier der Raum, in dem das Video gezeigt wird, der die Überlegungen anstößt.

Thomas Pletzinger spielt anlässlich Tobias Zielonys Fotografie mit Wahrheit und Fiktion. Von Zielonys Fotografie „Ross“, die Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist, schreibt er: „Um ihn herum herrscht völliges Dunkel, es ist die Kamera, die ihn dort herausholt. Das Licht schont ihn nicht, er schont sich ja selbst nicht. Man hat das Gefühl, dass das Bild etwas sichtbar macht, was Ross selbst erst morgen erkennen wird.“ Geschickt spielt  Pletzinger in seinem Beitrag mit der Schnittmenge zwischen den Medien Fotografie und Literatur.

Judith Schalansky erzählt die Geschichte von Andy Warhols „Most wanted Men No 11.“ und stellt ihr die Geschichte von Sture Bergwall gegenüber. Meist gesucht kann manchmal auch meist begehrt bedeuten.

Leif Randt nimmt Mark Borthwicks „a room with a view“ zum Anlass, um über Freundschaft, Teilen, den Konsum von Cannabis und das Herannahen einer neuen Zeit nachzudenken.

Annika Scheffel wird schließlich in das kleine Bild „The Nightwatcher“ von Francis Alys, auf dem man nicht viel sieht, hineingezogen. „Das meiste, was man auf dem Bild sieht, fehlt.“ Und zu seinem Betrag zur „Falle“ von Andreas Slominski schreibt Sasa Stanisic schließlich: „Er handelt davon, wie das geht, einen Fallensteller zu verstehen. Es geht gut mit Literatur.“

Die Kunstwerke stellen Fallen und die Schriftsteller lassen sich freiwillig einfangen, um mit Geschichten neue Köder auszulegen, die die Leser neugierig machen sollen auf Literatur, auf Kunst und vor allem auf das Zusammenspiel zwischen Betrachter und Kunstwerk.

Allein dadurch, dass hier Kunstwerk und Text in einen Zusammenhang gebracht werden, entspinnt sich auch beim Leser ein Dialog. Aus der Warnung „Bitte nicht anfassen Bedeutsam!“ wird die Lust, sich einzulassen.

Literaturhaus Frankfurt (Hg.) · MMK Museum für moderne Kunst (Hg.)
Acht Betrachtungen
Helene Hegemann, Thomas von Steinaecker, Peggy Mädler, Thomas Pletzinger, Judith Schalansky, Leif Randt, Annika Scheffel, Sasa Stanisic
2013 · 19,80 Euro

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