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Kritik

Berlin-Warschau und Retour

Lothar Quinkensteins "mitteleuropäische zeit" in der Lyrikedition 2000
Hamburg

Eines der kürzeren Gedichte in diesem Band geht so:

WELCHES DER RINDENBOOTE 
dir zuschwimmt aus meßkirch 
welches aus seteniai

denke daran 
wenn die sehnsucht sich rührt 
nach jeglichem panta rhei

Formal hebt sich dieser Text mit wenigen anderen vom Rest des Bandes ab, ist viel ernster und epigrammhafter. Doch inhaltlich ist in ihm ein Programm umrissen, dem der Großteil von "mitteleuropäische zeit" folgt, und meine Schwierigkeit bei der Rezeption des Bandes ist an ihm gut bezeichenbar.

Meßkirch und Seteniai sind die respektiven Geburtsorte von Martin Heidegger und Czesław Miłosz; Symbolfiguren für sehr genau bestimmte Positionen innerhalb ihrer jeweiligen Literaturen, deren Nennung für Kenner der Materie(n) einen ganzen Rattenschwanz an Implikationen und Stories nach sich zieht, Fragen von Literaturkanon und Nationalidentität. Für Nichtkenner ist zumindest erkennbar, dass diese "Rindenboote" - wir lesen sie als "urwüchsige Vehikel im Strom (der Zeit)", "Kinderspielzeug zum Erlernen von Strömungsverhalten" usw. - aus verschiedenen Richtungen kommen, eins aus Deutschland, eins aus Polen (letzteres ist so simpel nicht; heute gehört das Dörfchen Seteniai zu Litauen, damals gehörte es zu Russland). Beide Boote schwimmen dem Textsubjekt zu, also müssen sich die Bächlein, auf denen sie treiben, irgendwo ausser Sicht vereinigt haben (ausser Sicht, weil ihre Zugehörigkeit zumindest uns Lesern nicht mehr zuordenbar ist) ... Ahhh, Metapher für die jüngere europäische Geschichte, denken wir, Fall des Vorhangs zwischen Ost und West und so weiter, aber es nagt daneben auch ganz prosaisch an uns: Dass irgendwo zwischen Baden-Württemberg und dem Kreis Kaunas vermutlich eine kontinentale Wasserscheide sein wird, dass die schöne Metapher also sachlich Unmögliches beschreibt; oder aber - sollte sich erweisen, dass es diesen Ort tatsächlich gibt, da ein Rindenboot aus Südwest und eines aus Nordost theoretisch zusammenfinden könnten - dass da eine Insiderpointe für Geologen und Freunde des europäischen Wasserwegenetzes vorliegt, der wir kaum werden folgen können. Um also an den Punkt zu gelangen, da die zwei unschuldigen Schiffchen, beladen mit allerhand unsichtbarer ideologiegeschichtlicher Fracht, uns als Mahnung dienen - "Wenn Dich der Wunsch überkommt, alles laufen, treiben, fließen zu lassen, bedenke, in welche Richtung dann die Schiffchen (der Ideologie)..." oder so - müssen wir mehrere Schichten Bildungsgut entweder schon parat haben oder googeln.

Das Programm, das hier zu finden ist und den ganzen Band durchzieht wie die Kajakwanderwege die polnische Platte: Verwerfungen in der "mitteleuropäische(n) zeit",  Fragen von Identität, Modi des "Weitermachens" gerade im Angesicht der letzten sagen wir achtzig Jahre Geschichte; die Frage, wie die Last dieser Geschichte uns ins Dasein suppt, zum einen in Hinblick auf schlichten Lebensvollzug, auf das Weitermachen des Alltags, zum anderen in Hinblick aufs Literarische. Dieses Programm ist nicht das Uninteressanteste, und die Art, wie Lothar Quinkenstein es umsetzt, hat durchaus Gewicht. Die Referenzfiguren, Landschaften, Sachverhalte, an denen er sich abarbeitet, sind klug gewählt; die mörderische Historie des mitteleuropäischen Antisemitismus und seiner Tiefendimensionen gerät nie ganz ausser Sicht, ebensowenig ihr gegenüber die Herschreibungslinien der Aufklärung...

Aber wie gesagt: An dem Rindenboot-Text wird nicht nur das Programm des Bandes leicht fasslich, sondern auch die Schwierigkeit, die seine Rezeption (mir) bereitet. Ich habe es schon ansatzweise vorexerziert: Ohne die, wie gesagt, im Einzelnen klug gewählten Referenzgrössen parat zu haben, kommt man in diesen Gedichten nicht weit. Wohlverstanden: Nichts gegen inhaltlich anspruchsvolle, anspielungsreiche Gedichte, die der Leserin zu kauen geben; nichts gegen literarische Rätsel, deren Bedeutung sich jedesmal ändert, wenn wir eine weitere Schichte tiefer ins Material gegraben haben. Aber dieser spezielle Band setzt einfach zu viel Verschiedenes voraus: Kenntnis der deutschen Literatur- und Diskursgeschichte der letzten zweihundert Jahre (zweihundert statt der vorher genannten achtzig, weil zum Beispiel ein Gedicht "TÜBINGEN, HEUTE" heisst, in Anspielung auf eine Celan-Stelle, die ihrerseits Hölderlin im Blick hat), Eckdaten zur polnischen Literatur, ein bisschen Kunstgeschichte, Wissen um die Wirkungsstätten diverser Nachkriegsintellektueller ...

Textstellen wie die oben zitierte, bei der der durchschnittliche Abgänger eines deutschsprachigen Gymnasiums zumindest noch das Heidegger-Kaff erahnt - überhaupt die vielen Ortsangaben - wecken das ständige Misstrauen allen diesen Texten gegenüber, das je "Wesentliche" überlesen zu haben, das angespielte Zitat nicht erkannt zu haben oder die mit einem Landstrich verknüpfte geistesgeschichtliche Anekdote nicht zu kennen (so sitzt man dann und googelt jeden erwähnten Ort, verliert sich in tangentiellen Wikipedia-Einträgen) ... Mit solchem Misstrauen geht der ungünstige Eindruck einher, diese Texte wären wohl hauptsächlich fürs Zerpflücken im Seminar geschrieben. Es hilft überraschenderweise wenig, dass der Verfasser sich dieser möglichen Leseweise bewusst zu sein scheint, da er sie in mindestens einem Text, "MUTTER ERDE", freundlich-sanft veräppelt - dort geht es übrigens, auch so ein Themenfeld, über das man durchaus Bescheid wissen kann, um die Rezeptionsgeschichte von Paul Celan, gespiegelt in der individuellen Aneignung der Celan-Texte durch den frisch herangewachsenen Angehörigen der Counterculture (wie gesagt, klug gewählt sind die Themen und Zusammenhänge Quinkensteins sehr wohl).

Nicht allen Texten hier wird das geschilderte Vorurteil gerecht. Wir erkennen die anderen oft, nicht immer, am Motiv des Schulhofs. In diesen Texten geht es um Jugend, Aufbruch, Orientierung in der Welt, wie sie sich darbietet, zwischen Augenschein und Bildungskanon (welchen beiden Polen gemeinsam ist, dass sie durch die genannten Schrecknisse der letzten achtzig Jahre nicht unbeeinflusst sind).

Adorno, passenderweise, spricht irgendwo vom "Künstlerirrtum, die Philosophie, die der Autor ins Gebilde pumpt, sei dessen metaphysischer Gehalt". Quinkenstein "pumpt" viel Philosophie in seine "mitteleuropäische zeit", weshalb es zunächst naheliegt, zu glauben, er sitze auch diesem Irrtum auf. Es verlangt ein bisschen Geduld mit seinen Gedichten, hierin eines Besseren belehrt zu werden; Geduld, die durchaus belohnt wird.

Lothar Quinkenstein · Florian Voß (Hg.)
mitteleuropäische zeit
Lyrik Edition 2000
2016 · 72 Seiten · 9,50 Euro
ISBN:
978-3-86906-851-0

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