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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Arischer Wahn in Patagonien

Hamburg

Lucia Puenzos Roman „Wakolda“ beginnt mit einem Erinnerungsbild, das sich festbrennt: „Eine Mixtur aus Natriumchlorid und Magnesiumnitrat, die mit unendlicher Geduld in zwei Augäpfel gespritzt wurde.“ Gerade die wissenschaftliche Distanz, die fehlenden Splatter-Effekte schaffen eine Beklemmung, die auf den nächsten 200 Seiten anhält.

Allein aufgrund derartiger Erinnerungen wird schnell klar, um wen es sich bei Puenzos zu Anfang nur „José“ genannten Romanhelden handelt: Josef Mengele, den Lagerarzt von Auschwitz, der im Rahmen seiner perversen „Studien“ unzählige Menschen quälte und barbarische Experimente vor allem an Kleinwüchsigen und Zwillingen durchführte.

Dass Mengele sich kurz nach Kriegsende nach Argentinien absetzte, wo er teils unter falschen, teils unter seinem richtigen Namen lebte, ist bekannt. Doch was zwischen seiner Flucht aus Buenos Aires im Jahre 1960 bis zum seinem Tod 1979 geschah, liegt weitgehend im Dunkeln.

Die argentinische Autorin und Regisseurin Lucia Puenzo (geboren 1976 in Buenos Aires) fügt nun den zahlreichen literarischen Aufbereitungen des Falls Mengele eine weitere Facette hinzu. Dabei gelingt es ihr weitgehend, der Mystifizierung einer ohnehin zur Legende gewordenen Figur zu entkommen – jedoch nicht der Falle stilistischer und dramaturgischer Klischees.

Fakten und Fiktionen halten sich zunächst die Waage: 1960 flieht José aus Buenos Aires, denn der Mossad ist bereits dem ebenfalls dort untergetauchten Adolf Eichmann auf den Fersen. Auf seiner Reise durch Patagonien lernt José eine argentinische Familie kennen, deren Mitglieder er sofort nach rassehygienischen Kategorien klassifiziert: Den Vater als „brachyzephalen Homo syriacus“, die schwangere Mutter als „dolichozephalen Homo arabicus“. Jedoch hat es ihm insbesondere die zwergwüchsige Tochter Lilith angetan, eine blonde, blauäugige „Mischung aus Nymphe und Kobold“.

Das literarische Wagnis, in das Hirn eines für jeden „normalen“ Menschen undurchschaubaren Monsters hineinzuschlüpfen, ist vermutlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dennoch schafft Puenzo es über weite Strecken, Josés Gedankenwelt plausibel darzustellen. Seine Sichtweise auf die Menschen in seiner Umgebung als potentielle Versuchsobjekte erscheint so schauderhaft wie folgerichtig – wenn auch die Betonung seines „eisigen Lächelns“ und seine Träume vom Führer, der ihm in einem unterirdischen Bunkersystem davonläuft, überzogen und wenig originell daherkommen.

José, der sich als Tierarzt und Anthropologe ausgibt, schließt sich der Familie auf ihrem Weg nach Bariloche an, wo er sich in deren neu eröffneten Pension einquartiert. Die zwölfjährige Lilith ist dem enigmatischen Fremden in lolitahafter Neugier verfallen; doch auch das Vertrauen der Eltern hat José schnell gewonnen. Sein Geld und seine vorgebliche Sorge um das Wohl der Schwangeren und der wachstumsgestörten Pubertierenden tun ihr Übriges.

Schließlich darf der Nazi-Arzt sowohl der Mutter als auch der Tochter Wachstumshormone verabreichen. Als die Mutter dann auch noch Zwillinge zur Welt bringt, wähnt José sich im Paradies: „Jeden Tag bekam er eine neue Gratisdosis des Schauspiels, das er mithilfe von Antibiotika, Hormonen, Sauerstoff und Spritzen lenkte und steuerte wie Gott der Allmächtige.“ Nachdem er den Neugeborenen (vorgeblich) das Leben gerettet hat, steht die Familie vollends in seiner Schuld und Gnade. Somit verfestigt sich auch der Zugriff auf Liliths Körper. Neben dem medizinischen Missbrauch wird im Laufe der Geschichte ein sexueller Missbrauch angedeutet, den Puenzo jedoch merkwürdig in der Schwebe lässt. Liliths Rolle bleibt ambivalent – sie ist zunächst das gutgläubige Opfer, erschrickt an einem gewissen Punkt jedoch vor dem Gedanken an die eigene Komplizenschaft. In dieser Erkenntnis, so ahnt man, kündigt sich das Ende ihrer kindlichen Unschuld an.

Ebenso assoziationsreich (man denke beispielsweise an Patrick Süskinds „Das Parfum“) ist Josés Sicht auf sich selbst als künstlerisch beseelten Schöpfer: „Dichter schreiben auf, was sie sehen, Maler malen es, und ich wiege und messe eben alles aus, was mich interessiert,“ erklärt er dem Mädchen.

In solchen Szenen, die länger in einer Erzählperspektive verweilen, gelingen der Autorin immer wieder vielschichtige Einblicke in die Psyche ihrer Charaktere.

Meist jedoch verlässt sich Puenzo auf eine Art kreisenden Leuchtturmblick, der in abrupten Perspektivwechseln kurze Schlaglichter auf die Gedanken ihrer Protagonisten wirft. Zusammen ergibt dieses Stimmengewirr nicht viel mehr als einen Flickenteppich oberflächlicher Beobachtungen. Hier ein kleines Potpourri aus Gefühlen und Gedanken, die lediglich beschrieben werden, anstatt sie durch Handlungen oder Dialoge zu zeigen:

„José lächelte verächtlich, wirkte dabei jedoch leicht irritiert.“

„Sie kochte vor Wut, verspürte gleichzeitig aber auch Erleichterung.“

„Arko, der sensibler war, als Nora dachte, blieb nicht verborgen, dass seine Begleiterin sich zwar unnahbar gab, aber im Grunde eine gebrochene Frau war.“

Weitaus interessanter wäre es gewesen, hätte Puenzo sich noch tiefer auf die Problematik nonkonformer Körper eingelassen, wie sie es bereits in ihrem großartigen Film „XXY“ getan hat. Die Frage, wer über den Körper einer minderjährigen intersexuellen Person bestimmen darf, weist deutliche Parallelen zu der normierenden Gewalt auf, die an der zwölfjährigen Lilith verübt wird. Als Regisseurin konnte sich Puenzo ganz auf die subtile visuelle Kraft ihrer Bilder verlassen. In ihrem neuen Roman hingegen greift sie immer wieder auf stilistische und dramaturgische Klischees zurück, die sich insbesondere im arg konstruierten Show-Down häufen.

Wirklich ausgearbeitet sind nur wenige Passagen – wie etwa das prägnante Anfangsbild sowie einige Szenen der Annäherung zwischen José und Lilith. Trotz guter Ansätze und einem hohen Anspruch bleibt „Wakolda“ letztendlich eine Ansammlung von Notizen, aus denen der eigentliche Roman erst noch entstehen müsste.

Lucía Puenzo
Wakolda
Aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte
Wagenbach
2012 · 192 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-8031-3246-8

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