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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Alpenüberquerung – ein Lebensweg

Hamburg

Eine große Wanderung, die Nachzeichnung eines Lebenswegs in Zyklen, der vertikale Einblicke in Facetten des Lebens vermittelt durch Motive und Topoi aus der Geistes- und Kunstgeschichte ist der im November 2016 in der Reihe Lyrikedition 2000 publizierte Band von Ludwig Steinherr in jedem Fall.

In neun Einzelzyklen auf 198 Seiten wird eine topische Reise unternommen, auch eine Reise in die Welt der Sprache, der Metaphorik. Die Landkarte persönlicher Erinnerung entfaltet sich in ästhetischen Miniaturen und hat den Anspruch, die chronologische Erzählung eines individuellen Lebenswegs mittels poetischer Form und ihrer Vertikalität mit wichtigen Momenten des kulturellen Gedächtnisses zu verbinden.

Auch aus der vermeintlichen Banalität alltäglicher Termine beim Frisör oder beim Zahnarzt heraus glücken Ausblicke, Ausbrüche in die Vertikale einer poetologischen Betrachtung.

Die Gedichte wirken wie Bilder in einem Album der Erinnerung, die sich mit klassischen Motiven überlagern und überblenden.

Das Verbindende dieses Gedichtgeflechts erscheint immer wieder die Landschaft, die Reise, die durchaus schon als Oberbegriff fungieren könnte. Viele Erlebnisse sind darunter zu subsummieren. Von der ersten Auslandsreise des Jungen, über wichtige Reisen im Leben (wie beispielsweise die obligatorische Hochzeitsreise), also auch imaginäre Reisen in die Mythologie wie auch in sexuelle Phantasien, lassen die Gedichte wie Stationen auf der Lebensreise erscheinen. Andererseits werden Lebensereignisse wie die Geburt des eigenen Kindes, der Tod der Mutter, Körperlicher Verschleiß, Hochzeitsreise symbolisch aufgeladen durch Parallelisierungen mit Motiven und Erzählungen aus Kunst, Mythos und Religion.

Das als poetologisch zu deutende Gedicht Landkartenzunge, das ebenfalls auf die Metaphorik des Titels als Lebensreise rekurriert, verortet sich im Zuge eines Zahnarztbesuchs als Reflexion auf das Erinnern und gleichzeitig auf Vermögen bzw. Unvermögen, diese Landkarte auf der Zunge nach außen zu stülpen, wirklich auszubreiten, abzubilden. Dieses Wort löst auch eine Sprachkrise aus und rechtfertigt gleichermaßen mit jedem neuen Gedicht den Versuch, sich diesem Auszudrückenden doch sprachlich anzunähern.

"Landkartenzunge, sagt der Zahnarzt beiläufig
und jetzt erst vor dem Spiegel sehe ich:
ja, meine Zunge ist eine Karte
eine der alten Karten auf der man die Namen
nicht lesen kann –
Ich sehe Gebirge und Ströme und Wälder und Wüsten
ich sehe einen einzigen großen Urkontinent
dessen vage Ränder ins schäumende Urmeer zerfransen"

Landkartenzunge, S. 19

Der Topos der Zunge, ein Ort der Sprache und auch der Körpererinnerungen setzen einen vertikalen Moment bis in die Tiefe des Urmeers, des Mythos und der Erdentstehung aus, eine sprachlose Botschaft des Herzens, das von diesen Mysterien, der Verbindung von individueller Geschichte und Entstehung der Welt nur stammeln kann.

Diese Vertikale scheint in den Gedichten innerhalb einer breiten horizontalen narrativen Erzählung, dem großen Bogen, den die Zyklen spannen, immer wieder auf. Die Kindheit, als prähistorisch bezeichnet, parallelisiert im ersten Teilzyklus Geburt der Farben ähnlich wie im Gedicht Landkartenzunge Erdgeschichte und persönliche Lebensstationen. 

Im Zyklus Whispering Gallery wird die Hochzeitsreise zur Kulturreise, Besuche der Londoner Sehenswürdigkeiten, auch ein Besuch eines japanischen No-Theaters zum Anlass von Betrachtung und Reflexionen über die Konstellation und Charakteristik der Ehe.

"Und plötzlich – zwischen Bad und Flur –
stehen wir auf einer Bühne –
Tragen No-Masken, die zu klein sind
für unsere Gesichter, uns einzwängen
und doch völlig verstecken –
Keine klassischen Masken
Masken des Augenblicks –
die uns trotzdem ihr Spiel aufzwingen –
Spielen wir Mann und Frau
oder zwei Dämonen?"

No-Theater, spät nachts, S. 39

Das No-Theater und damit der Verweis auf japanische Ästhetik und Theatertraditionen bleibt an dieser Stelle nur ein Anlass für Betrachtung über die Beziehung, verhandelt nur an der narrativen Oberfläche des Zu-Sagenden das Maskenspiel, das Theater selbst. Dieser auch sehr klassische Vergleich des Lebens mit der Bühne, das Theatereske des Lebens wird im vorigen Gedicht Beim Aussortieren urlalter Kleider schon thematisiert.

Hier vermittelt sich zwar ein semantischer Zusammenhang, dennoch verlieren die Gedichte durch das Zitieren an der Oberfläche an poetischer Kraft. Die Reflexion scheint am Augenblick des Verweisens stehenzubleiben, sodass in den Gedichten viele interessante Referenzen und Verweise, die eine tiefe Auseinandersetzung auch in der Sprache provozieren, auftauchen, aber keine Konzentration erfahren. Die Verwandlungen werden innersprachlich nicht vollzogen, sondern angesprochen. Das Heranziehen von Kunstformen und Kunstwerken wirkt vielerorts im Gedicht wie ein Beistellen, ein Anreichern der eigentlichen Lebensstationen.

So auch das Gedicht Seltenes Motiv, ein Gedicht anlässlich der Geburt des eigenen Kindes parallelisiert die Geburt Jesu und damit auch die Rolle des Vaters, Josefs, der im Grunde innerhalb religiöser Darstellungen in der Kunstgeschichte entweder selbst nur beigestellt wird, da er innerhalb der Heiligen Familie ausgeschlossen scheint oder zur Untätigkeit verdammt häufig als eine Darstellung des melancholischen Charakters innerhalb der Darstellungstradition gilt. Seltenst hält er selbst auf tradierten Gemälden das Kind. Darum erscheint es als seltenes Motiv und wird hier genannt.

"Weit seltener als die Madonna –
der Heilige Josef der das Jesuskind trägt – und doch
trug ich dich tagelang auf meinen Armen"

Seltenes Motiv, S. 49

Anstatt diese Umkehrung des melancholischen Josef hier weiter zu vertiefen, wird im Gedicht eine weitere Parallele angezeigt:

Die Verbrechen des Herodes werden mit aktuellen Kriegsverbrechen an anderen Orten der Welt parallelisiert, sodass die Zeiten ineinanderfließen.

In diesem prägenden und vertikalen Moment, der Irdisches und Überirdisches ineinander schaltet, wirkt die Verantwortung und auch Ohnmacht des Vaters, der sein Kind beschützen will, als Mittelpunkt des Gedichts.

Sie erzählen Geschichten aus der Perspektive des lyrischen Ichs heraus, beschreiben und erklären, wodurch sie an vielen Stellen prosaisch wirken. Dennoch erinnern sie daran, dass das Festhalten von flüchtig Situativem im Verbund mit Lebenserinnerungen steht, und es sich in diesem Band hinüberrettet, die Verschränkung von Kunst und Leben. 

Die Frage von Raum und Zeit, von Ortswechseln und Epochen spiegeln sich in diesen Lebenserinnerungen. Diese Ineinanderblendungen von Mikro- und Makrobedeutungen sind das strukturelle Leitmotiv dieser Texte.

Dennoch erscheinen die Gedichte nicht als Sammlung, als chronologisch entstanden, sondern thematisch zusammengestellt, von einem Punkt, einer Warte aus betrachtet. 

Diese Topoi enden im letzten Zyklus beim Tod der Mutter. An dieser Stelle erscheint die Alpenüberquerung nicht nur als Lebensweg, sondern auch als Letzte Reise vom Diesseits ins Jenseits, sodass sich kataphorisch die Gedichte noch einmal lesen lassen als Zeugnis von Erinnerung und Leben reflektiert auch am Leben der Mutter. Dieses Ereignis scheint genau jener Punkt zu sein, auf den die Gedichte im Band zulaufen, wenn man das titelgebende Gedicht Alpenüberquerung vor dem Hintergrund des bisher Gelesenen liest:

"Nun bist du tot -
Verschwunden aus dieser Welt -
Und ich fahre m Zug über die Alpen –
Schnee stürzt mir entgegen
Schnee über Schnee
Wie damals als Hannibal
mit seinen Elefanten über diese Pässe zog –
Sterben ist phantastisch
Unwirklich wie Elefanten
die über ein Gebirge steigen
schwankend und mächtig
[...]

Da warst du schon weit fort
und deine Stirn schon fremd
wie eine Elefantenstirn
und kalt wie Gletschereis."

Alpenüberquerung, S. 185

Der zunächst gängige Vergleich der Alpenüberquerung Hannibals führt, obgleich erste Assoziation eines kulturellen Gedächtnisses, zu einer angedeuteten Parallele von Reise und Gedächtnis, vermittelt durch die Elefanten, einem Elefantengedächtnis, das im Grunde unergründlich bleibt.

Auch durch das Nacherzählen dieser Stationen, die sich mit allerlei Topoi aus Bildender Kunst, Theater, Religion und Landschaften bis hin zur Erdgeschichte anreichern, lässt sich jedoch das Mystische Selbst im Unbenannten, Unangezeigten nicht beschreiben, obgleich über das Mystische, Geheimnisvolle gesprochen wird.

Im letzten Gedicht des Teilzyklus Blaue Feder wird wie als ein Trost und eine vorläufige Konklusion der Ereignisse und Antizipationen genau dies, von den Umständen, dem Ensemble, hier in doppeltem Sinne gemeint, subsummiert:

"Die Kaffeetasse weiß es – der Korbstuhl –
die kahlen Äste, draußen um rauhreif erstarrt – die zitternde Fahne
über dem eisigen Parkplatz – die Balkone die leuchtenden Dachfirste
der Käfer der über den brüchigen Fensterrahmen kriecht –
[...]

sie alle- alle wissen es –
und wissen es für mich –
während ich nur reglos am Fenster stehe
und lausche und nicht weiß
woher diese namenlose Freude kommt
und wohin sie mich trägt

 

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, S. 190

Die Gedichte spannen einen großen Bogen, also den Bogen, wenn man von gr. bios (Bogen, Leben) ausgeht, in mehrfachem Sinne. Der Band entfaltet Lebensereignisse mithilfe von Adaptionen und Parallelisierungen aus Motiven und Topoi der Kunstgeschichte, der Musik, der Religion und des Mythos und läuft durch ein ganzes Leben, in seinen prägenden Momenten wie der Geburt eines Kindes oder den Tod der Mutter, über Reisen und Eindrücke, bis hin zu zunächst banal erscheinenden alltäglichen Terminen. Diese Momente, vom Standpunkt, vom Situativen heraus betrachtet, führen an jeder Stelle in die geheimnisvolle Verbindung zwischen Realer Zeit und Mythischer Zeit, können Ausgangspunkt bedeutungsvoller Gedanken werden. Die Gedichte wirken oft wie Bilder einer Ausstellung und bleiben dennoch Gedankengedichte, die das Poetische Moment an einigen Stellen aufscheinen lassen.

 

 

Ludwig Steinherr
Alpenüberquerung
Allitera
2016 · 204 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-86906-945-6

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