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 Annäherungen  Sieben Essays zu W.G.Sebald, Vandenhoek und Ruprecht Verlage (Böhlau)
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 Annäherungen  Sieben Essays zu W.G.Sebald, Vandenhoek und Ruprecht Verlage (Böhlau)
Kritik

Aphrodite im Angebot

Neros Gesang und das Getuschel lichtbeschwipster Engel
Hamburg

Flüstergalerie ist der mittlerweile 15. Gedichtband des überaus produktiven Münchner Lyrikers Ludwig Steinherr und liest sich auch wie ein Spaziergang durch eine Galerie, wie z.B. der Alten Pinakothek seiner Heimatstadt. Nur dass die Bilder hier Stimmen haben, und man ihrem Wispern und Raunen die alten Tür- und Treppenanekdoten der Menschheitsgeschichte ablauschen kann.

Aber Ludwig Steinherr hat nicht nur eine Vorliebe für Ekphraseis, für italienische Renaissancemalerei, Madonnen und Mädchen auf Vermeer-Bildern; ein konstanter, von feiner Gelehrsamkeit und pointiertem Witz getragener Antikenbezug zieht sich durch den Band und ein Reigen mythischen und christlichen Personals platzt immer wieder unvermittelt in unsere Gegenwart herein: da stöckeln plötzlich Nymphen an einer römischen Tankstelle vorüber, oder eine Obstverkäuferin gerät am Marktstand plötzlich in mystische Verzückung und reicht mit stigmatisierten Händen Äpfel. Der Fundus, aus dem Steinherr schöpft, ist reich: griechischer Mythos, Neues Testament, mittelalterliche Scholastik; Geschichte, Philosophie, Malerei. Und das alles wird, wie auf einer Palette von Hieronymus Bosch oder in Dantes Tattooshop, bunt, aber nicht willkürlich zusammengemixt, sodass man in einem Gedicht auch Mafia und Mänaden in einem Atemzug finden kann:

Mögliche Methoden mir das Leben zu nehmen

Caravaggios Medusa einen Nachmittag lang
in die Augen starren
und dabei versteinern -

Eine Prise Schnupftabak von Caterina de´ Medici annehmen
die mir beim Niesen das Genick bricht

Einen Rundbrief an Mafia, CIA und die Mänaden:
Ich weiß alles!

Einen Pfirsichkern so lange im Mund halten
bis daraus ein Baum wächst
der mit seinen Ästen meine Schädelkuppel sprengt

Zwischen zwei Spiegel treten
und in ihrer blicklosen Ewigkeit
allmählich verschwinden

So viel Espresso trinken
daß mir beim Anblick deiner linken Kniekehle
das Herz stillsteht

Steinherrs Antiken- und Kunstbezug ist ein überaus sinnlicher, epikureischer. Die marmorne Aphrodite/ auf ihrem Sockel bietet dem Betrachter ihren eisigen Körper feil, insofern es ihn nicht stört, dass ihr Kopf/ in der Hutschachtel liegt/ in der Platon ihn versteckt hat. Den die Gute aber auch gar nicht braucht, denn der Liebesdiskurs in diesen Gedichten ist ein alles andere als platonischer, ein erdig-sinnlich-leiblicher. Und auch der metaphysische Diskurs, der in diesen Gedichten geführt wird, ist kein theoretischer.

Spitzfindige scholastische Diskussionen oder Besserwisserei wie z.B. die altbekannte Streitfrage, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen, werden parodiert in der Frage Wie viele Anführungszeichen verträgt ein Satz/ bevor er sich in Luft auflöst? Thomas von Aquins große Krise von 1273, durch die er gezwungen war das Abfassen seiner Summa theologica abzubrechen, wird auf ein schlimmes Hellhörigkeitsleiden zurückgeführt. Der Gelehrte, rasend vom Getuschel lichtbeschwipster Engel, Hunnengeschrei und Straßenbahnklingeln, Kinderlachen und dem Räuspern der Madonna, setzt, schweißüberströmt und zum neunhundertneunundneunzigsten Mal/ zu dem Wort Gnade andem dadurch natürlich eine ganz neue Konnotation im Werkkontext zugeschrieben wird: als Ausdruck schlichter menschlicher Verzweiflung, anstatt elaborierter Gedankenarbeit.

Gott bzw. das Göttliche oder das Ganze, das er durchwirkt (und hier hört man den Hegel trapsen, über den Steinherr promoviert hat), ist in diesen Gedichten ein Fakt, der, je mehr man sich müht nicht an ihn zu denken, oder zu glauben, umso präsenter wird, das ist als wollte man mitten im Platzregen/ nicht an Platzregen denken.

Die Begegnung mit ihm findet für das lyrische Ich immer in den Begegnungen mit den kleinsten, den unscheinbaren und verletzlichen Kreaturen statt: in dem Blick eines aus dem Nest gefallenen Vogels, oder den zappelnden Beinchen eines Käfers, die für einen Augenblick ein Gefühl von Ewigkeit aufblitzen lassen.

Eine weitere Konstante im Band bildet daher – und kaum verwunderlich – die Ewige Stadt. Sie bietet etwas, dass auch in Steinherrs Dichtung wie aus der Zeit gefallen scheint: eine monumentale Perspektive. Man könnte diese Perspektive in Zeiten der Postpostmoderne zunächst für antiquiert halten, bei genauere Betrachtung bietet sie aber auch etwas sehr Erfrischendes: sie setzt dem hypertrophen Individualismus unserer Zeit und vor allem der jüngeren Dichtergeneration, die scheinbar nur noch neurotisch um sich selbst und ihr kleinen Wehwehchen zu kreisen vermag, eine heilsame und selbstironische Weitschau entgegen. So z.B. wenn in dem Gedicht Römische Notiz das von Kopfschmerzen geplagte lyrische Ich in einer Kirche in seiner Jackentasche nach Aspirin kramt, während ihm ein gemeißelter Heiliger Bartholomäus zu seiner Beschämung die abgezogene, bluttriefende Haut entgegenstreckt.

Klein und bescheiden fühlt sich dieses Ich in der Stadt Rom, Ich, der ich Ihrer Größe/ nicht gewachsen bin und kann sich gerade dadurch den kindlichen Blick des Staunens bewahren, der nicht müde wird über die Wiederbelebung der alten Mythen gleichsam die Welt wieder neu zu verzaubern.

Dabei ist Ludwig Steinherr ein kontrollierter Dichter. Die angestrebte Wiederverzauberung der Welt, die der Philosoph Vittorio Hösle in seinem kenntnisreichen und sehr anschaulichen Nachwort konstatiert, wird mit den Mitteln der Ratio vollzogen. Mythe und Mystik, all das spielt sich im Licht der Vernunft ab, liegt offen und durchschaubar da. So leuchtet und funkelt es in diesen Texten an vielerlei Stellen in einem warmen, weichen Licht und selbst wo es dunkelt, wird der leidende Gekreuzigte in dem Gedicht Gotischer Kruzifixus zu einem Klippenspringer/ der Luft holt/ in seinen gegeißelten Brustkorb –// Er reißt die durchbohrten Hände empor/ zum Sprung – // In welchen Abgrund in welchen Pazifik/ will er sich stürzen?//Da sind nur seine eigenen/ weit aufgerissenen Augen. Aber er springt nicht.

Und auch Ludwig Steinherr springt nicht, sondern verbleibt auf dem sicheren Boden aus Verstand und Ironie, der den apollinischen Lichtraum von dem dionysischen Schattenreich trennt. So vermisst man manchmal etwas die Tiefenwirkung und erfreut sich dennoch an so vielen gelungenen concetti, wie z.B. einem einsamen, in einer leeren Wohnung zurückgelassenen Kätzchen, das plötzlich mit menschlicher Stimme (…) den atemlos/ lauschenden Tischen und Stühlen/ schreckliche Wunder prophezeit, so wie man auch Steinherrs Kapriolen und Wundergeschichten mit Vergnügen und gespannter Aufmerksamkeit lauscht.

Ludwig Steinherr
Flüstergalerie
Lyrikedition 2000
2013 · 140 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-86906-553-3

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