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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Es geht mir randmäßig

Raffinierte Gothic-Groteske mit einer Prise Zeitgeistkritik
Hamburg

„Kaspers Freundin“ ist, nach klassischen Maßstäben, ein sehr, sehr schlechter Roman. Oder vielmehr: Überhaupt kein Roman. Ein durchgängiger Erzählstrang ist nicht erkennbar, die Charaktere bieten kaum Identifikationspotential, und ihre Handlungen sind alles andere als psychologisch glaubwürdig. Nichtsdestotrotz – oder vielleicht gerade deswegen – ist Luise Boeges Debütroman eine wunderbare literarische Entdeckung. Überdies liefert die 1985 in Würzburg geborene Autorin den besten Beweis dafür, dass AbsolventInnen des Leipziger Literaturinstituts auch Interessanteres produzieren können als gefällige Juroren-Prosa.

Vordergründig verfolgt Boege eine ähnliche Thematik wie ihre Mainstream-kompatibleren Kolleginnen Annika Scheffel („Ben“) oder Katharina Hartwell („Das Fremde Meer“): Identitätskrisen und heterosexuelle Paarbildungen von schluffigen, leicht neurotischen, aber doch irgendwie liebenswerten Twenty-Somethings mit blühender Fantasie und einem Hang zu tragisch-romantischer Phantastik. Jedoch biegt sich dieser erste Eindruck beim Lesen rasch ins Düster-Groteske, und die sprunghafte Handlung verlangt dem Leser von Seite zu Seite mehr ab.

Die Vorgeschichte, so berichtet das erste Kurzkapitel, besteht im Wesentlichen darin, dass Kasper und seine Freundin beschließen, einander nie wiederzusehen. „Das ist nun wirklich ein sehr guter Plan, und es verspricht auch, ein guter, ganz aufrechter Herbst zu werden, mit guten eigenen Köpfen und eigenen klaren Gedanken und klaren eigenen Blicken auf die Welt, und so weiter.“ Über weite Strecken orientiert sich Boeges simple, fast kindliche Sprache am Alltagsduktus eines Einzelgängers, der in seinem Zimmer umhertigert und zu sich selbst murmelt. So wie es Kasper tut, nachdem er das abgelegene, halb verfallene Haus seines Großvaters bezogen hat und sich dort einen Winter lang in grenzautistischer Manier einigelt. „Kasper sitzt in der Dämmerung auf der Chaiselongue seines toten Großvaters und wartet uninteressiert auf die Dunkelheit.“

Abgesehen von der Merkwürdigkeit, dass ein junger Mann, ganz ohne sich mit irgendwelchen Kommunikations- oder Berieselungsgeräten zu befassen, stundenlang auf einem Möbelstück verbringt, auf dem sein Großvater eine Weile lang tot herumlag, klingt dieser Satz ziemlich unspektakulär. Und gerade diese Schlichtheit lenkt alle Aufmerksamkeit auf die zunächst deplatziert wirkenden Adjektive, die Boeges Sätze oftmals ins Absurde oder Unheimliche kippen lassen.

Tatsächlich ist das Böse schon im Anmarsch: in Gestalt eines violetten Herrn mit Glatze, schwarzen Zähnen und einer Vorliebe für exzentrische Hemden. Auch wenn das Wort „Vampir“ kein einziges Mal fällt, so ist die Aufforderung des nächtlichen Besuchers „Sie müssen mich schon hereinbitten!“ für Kenner des Horror-Genres ein „dead giveaway“.

Allerdings hat es der violette Herr vorerst nicht auf Kaspers Kehle abgesehen, sondern bloß auf dessen Geige. „Er sitzt mager am bequemeren Teil der Chaiselongue und zieht hingebungsvoll an einer Zigarette.“ Boeges zunächst gewöhnungsbedürftige Überfülle an Adjektiven, kapiert man langsam, trägt ganz entscheidend zum Rhythmus und Tonfall der Geschichte bei. Nur selten wirken ihre Bilder schief; vielmehr erzeugen sie eine überraschende Sinnlichkeit, wie sie etwa in Versenkungszuständen entsteht, in denen man meint, Musik sehen oder Farben riechen zu können. An anderen Stellen spielt die Autorin mit Klischees aus Schauernovellen und Schundromanen, gibt Füllwörtern und überflüssigen Attributen einen so exponierten Raum, dass sie überhaupt erst auffallen. Wie etwa hier: „Das Energiespar-Rondell lässt die Glatze des violetten Herrn heiter blitzen.“

Kasper jedenfalls – mittellos, ohne Familienanbindung oder festen Job – verkauft dem ominösen Fremden schließlich sein geliebtes Instrument gegen sehr gute Bezahlung. Unklar bleibt, ob er mit diesem Deal seine Erinnerungen, seine Seele oder gar sein ganzes Ich veräußert. Die Geige jedenfalls verkörpert „die verdammte Vergangenheit und den ganzen Mist“. Und wir ahnen, dass nun das Unheil seinen Lauf nimmt.

Erst einmal jedoch erfahren wir, was unterdessen mit Kaspers Freundin – die im Übrigen während des gesamten Buches namenlos bleibt – geschehen ist.

Auch sie ist ein eher lebensuntüchtiger Charakter – soeben wurde sie exmatrikuliert und aus ihrer Krankenkasse geworfen – zudem jedoch auch noch impulsiv und gewaltbereit, weshalb sie gerade eine Therapie absolviert. Neben der wunderbar überzeichneten Therapeutin kommt außerdem der moderne Vampirjäger Joseph ins Spiel, der sich im nun leer stehenden Zimmer der Wohnung von Kaspers Freundin einnistet. Die beiden beginnen ein Verhältnis; mehr noch: Kaspers Freundin behauptet ziemlich schnell, Joseph zu lieben. Weit mehr als Kasper entspricht dieser dem klassischen Versorger-Typ, der sich um seine Geliebte kümmert, Geld für zwei verdient, und zudem seine kreisrunden Teller mit ebenso perfekt kreisrunden Gurken- und Tomatenscheiben auszulegen pflegt, was Kaspers Freundin enorm beruhigend findet.

Die Liebe kommt, nebenbei bemerkt, bei Boege zwar impulsgesteuert, aber nicht besonders leidenschaftlich daher. Sie ist vielmehr geprägt von pragmatischen Erwägungen oder momentanen Einsamkeitszuständen, und artet dennoch manchmal aus in Abhängigkeiten und gefährliche Symbiosen. Wie im wahren Leben eben. Wie ebenfalls so oft im wahren Leben, sehen sich Kasper und seine Freundin entgegen aller guten Vorsätze irgendwann doch wieder. Und, wie es ebenfalls so oft geschieht, beginnt das Wiedersehen mit einer Lüge. Sie erzählt Kasper nichts von ihrer Liaison mit Joseph, und Joseph nichts von ihrem Treffen mit Kasper. Und als sie sich für Kasper entscheidet und zu ihm zieht, fällt ihr die Trennung von Joseph offensichtlich nicht allzu schwer. „Interessiert mich nicht! Interessiert mich eh nicht so sehr!“

Womit Boege ein so treffendes wie sarkastisches Bild serieller Monogamie zeichnet, die verlangt, stets das Neue, Aktuelle für das Höchste und Beste zu halten. Oder – um mit Konrad Adenauer und Karl Lagerfeld zu sprechen: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“

In unseren (zwangs)flexibilisierten Zeiten, in denen sich die neoliberale Verwertungslogik auch auf Körper und zwischenmenschliche Beziehungen ausdehnt, nimmt man sich eben, was den eigenen Marktwert in eben diesem Moment zu steigern oder zu stabilisieren verspricht. Kaspers Freundin verkörpert diese Logik auf naive, anscheinend völlig unbewusste Weise. Dabei hilft ungemein, dass sie vergangene Schmerzen, überhaupt alles Unangenehme, wie auf Knopfdruck vergessen kann.

Oder sind dies die Auswirkungen der „Galoppierende Anämische Depression“, die neuerdings immer mehr einsame Menschen heimsucht? Zuerst, so berichten die Medien, wird ihnen das Liebste abgeknöpft, dann langsam aber sicher das Genick aufgeweicht. Zwar ist es Kasper, der seine Geige verkauft hat, doch schon bald kommt der Blutsauger erneut vorbei mit violettem Wein, den im Folgenden vor allem Kaspers Freundin konsumieren wird. Immer häufiger werdende Rausch- und Betäubungszustände gehen einher mit einem allmählichen Verstummen zwischen den beiden, einer Verkapselung im Innen. „Es ist irgendwie gruselig zwischen ihnen, seit der violette Wein im Spiel ist, aber sie sagen sich das natürlich nicht.“

Boege stochert tief in Verdrängungsmechanismen und ungesunden Paardynamiken und nimmt sich selbst erfrischend unernst dabei. Schon allein die bizarren Dialogszenen, die gelegentlichen Ausflüge in billige Theaterklischees, inklusive unerwarteter Ohnmachten und Tür-auf-Tür-zu-Spielchen, sorgen dafür, dass „Kaspers Freundin“ an keiner Stelle zum schwermütigen Beziehungs- und Drogendrama gerät. Kleine Highlights sind beispielsweise eine Fernsehsendung, in der es um die kulinarische Zubereitung vom Aussterben bedrohter Tiere geht, ein blasphemischer Witz des violetten Herrn, der sich über viereinhalb Seiten erstreckt, oder die Besuche eines obskuren Vereins, der für die Wiedereinführung der Hohenzollernmonarchie plädiert.

Trotz aller Absurdität bietet „Kaspers Freundin“ immer wieder Anknüpfungspunkte für eine psychologisch motivierte Gesellschaftskritik. Boege benutzt dafür eine Symbolik, die viel Raum für Spekulationen öffnet, jedoch nie vollständig zu entschlüsseln ist: allen voran das (alp-)traumhafte Haus des verstorbenen Großvaters, die Geige, der violette Herr und die ominöse Krankheit, die er verbreitet.

Kasper und Kaspers Freundin fühlen sich zunehmend „leichenhaft“, befinden sich in wechselhaften Zuständen irgendwo zwischen Leben und Tod. Innere Leere, durchbrochen von gelegentlichen Anfällen rasender Sehnsucht und/oder Zerstörungslust – ist das vielleicht auch eine Zeitgeistdiagnose? Ihre aussichtslose Hingabe an das Ideal der romantischen Liebe als Rettungsanker zumindest stimmt ziemlich nachdenklich. „Wir müssen uns einfach darauf einstellen. Du musst mir sagen, dass du mich liebst, du musst mir sagen, dass wir Hand in Hand ins süße Licht und so weiter, und es tut mir leid, ich muss dich nochmal beißen, so funktioniert es, ich weiß, dass es so funktioniert.“

Luise Boege
Kaspers Freundin
Reinecke & Voß
232 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-942901-13-0

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