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Kritik

Der Mensch ohne Revolte

Lukas Bärfuss erzählt in „Koala“ vom Selbstmord seines Bruders, der Flucht in die Arbeit und der Angst vorm Tod
Hamburg

Der Umschlag hat einen Preis verdient. Da liegt ein Koala, auf dem Rücken, in perspektivischer Verkürzung, man sieht nur die Schnauze mit dem geöffneten Maul und den scharfen Zähnen darin, die vier Pfoten mit den langen Krallen, der Rest des Tiers, Hals, Rumpf, Gliedmaßen, ist wie in Schnee versunken, gesunken in das Innere des Buchs, das so heißt wie das Tier, „Koala“. Es ist eine dieser feinen, jedes Haar, jede Hautfalte akribisch wiedergebenden Zeichnungen, die die Botaniker und Zoologen im 19. Jahrhundert anfertigten, die die individuellen Merkmale zu den typischen der Art und Gattung zusammenfassten, besser studierbar als auf Fotos. Beim Koala faszinieren vor allem die Pfoten. An den vorderen gibt es zwei Daumen und drei Finger, an den hinteren einen Daumen und vier Finger, wobei die mittleren beiden zusammengewachsen sind, so dass die Doppelkralle eine natürliche Pinzette bildet, mit der das Tier die Zecken, von denen es heimgesucht wird, entfernen kann. Der Kontrast zwischen den langen scharfen Krallen und den weich und warm wirkenden Sohlen, die wie bei uns Menschen ein einzigartiges Muster aus Falten (Lebenslinien) und Papillaren zeigen, zieht in den Bann. So sinnlich wirkt beides. Anziehung und Abwehr. Und darüber der wie schlafend nach hinten gesunkene Kopf. Oder der eines Toten. Und was zuerst die Assoziation mit Schnee aufrief, diese Leere vom Hals bis zum Schwanz, wird jetzt sein Leichentuch. Mantegnas toter Christus in der Pinacoteca Brera.

Um einen Toten geht es auch in dem Roman von Lukas Bärfuss. Um einen Toten. Und um den Tod. Um Bärfuss’ Bruder, der Selbstmord begangen hat. Und dessen Suizid Bärfuss fragen lässt, wer er war, dieser Bruder, der den Spitznamen Koala trug, wie er gelebt hat, weshalb er sich das Leben nahm, was das ist, das Leben, das fremde, das eigene, was der Tod. Warum jemand, sein Bruder, das eine willentlich gegen das andere tauschte, und was es ist, dass die anderen weitermachen lässt, was es ist, was ihn, Lukas Bärfuss, antreibt.

Der Tod des Bruders reißt ein Loch. Und gefüllt wird dieses Loch mit Worten. So wie einer, der Tischler ist, vielleicht anfängt, manisch Bretter zu hobeln oder Stühle zu bauen; und ein Läufer rennt und rennt und rennt, gegen alle Gebote eines vernünftigen Trainings. Um zu Tode erschöpft, aber immer noch lebendig zu sein. Um den Fragen, den kreisenden Gedanken zu entkommen.

Bärfuss hat als Fluchtmöglichkeit die Sprache. Er entkommt den Schuldgefühlen, Vorwürfen, Fragen nur, indem er sie aufschreibt. Das Kreisen im Kopf in einen linearen Text verwandelt. So stehen sie in dem Buch, die Fragen, die sich jeder stellt, der Gleiches erlebt hat. Ob ihm schon immer etwas anzusehen, anzumerken war, dem Bruder, eine Krankheit zum Tode. Ob sein Leben zwangsläufig auf den Suizid zulief.

Und da kommt ihm dieser Name, Kosename, zupass: Koala. Dem Bruder bei einem brutalen Pfadfinderinitiationsritus verliehen. Sein Totemtier. Bärfuss erzählt davon, als wäre er dabei gewesen, als hätte er in seinem Bruder gesteckt. Woher auf einmal die auktoriale Perspektive, fragt man sich als Leser, folgt ihm unwillig. Und er bindet uns nun den Bären auf, der Bruder habe sein Totemtier, den Koala, der wie das Faultier, durch nährstoffarme Nahrung gezwungen, energiesparend auf seinem Baum hockt und zwanzig Stunden am Tag schläft, ein extremer Einzelgänger und fast immer allein ist, so sehr verinnerlicht, das daraus alles Weitere folgte: die Verweigerung gegenüber der Leistungsgesellschaft, die Absonderung von den anderen, die Drogensucht. Er verdreht damit nicht nur die evolutionäre Anpassung des Tiers zu einem Charakter, er behauptet auch eine Kausalität bei seinem Bruder, zwischen Name und Sein, die allein sein Konstrukt ist. Das ist legitim. Aber nicht überzeugend. Ein Erzählen in Varianten oder im Konjunktiv hätte der Sache gut getan.

Stattdessen folgt eine lange, lange Geschichte von der Evolution der Beuteltier-Art, über ihren Erstkontakt durch Menschen, die Ureinwohner der australischen Platte, bis hin zur Kolonialisierung des Kontinents durch europäische Sträflinge und Soldaten, die das Tier irgendwann in seiner Eukalyptusbaumwipfelhöhe bemerkten und, seines Pelzes wegen, der Ausrottung entgegentrieben, bis es als australisches Maskottchen zu Ruhm und unter Naturschutz kam. Das ist ein Exkurs, der nur über den Namen und die große Klammer, Leben und Tod, mit dem Selbstmord des Bruders zusammenhängt. Und sich mäßig liest, spielt sich das Ganze doch in Panorama-Sicht ab, so fern, dass es einen als Leser sehr, sehr kalt lässt. Ein Totentanz. Als dessen letztes Glied, dann, am Ende des Buches, der Bruder wieder in den Blick kommt, als einer, der dem ewigen Vorwärts und Voran, dem Höher, Schneller, Weiter die Gefolgschaft versagt hat. Der die Arbeit verweigerte.

Bärfuss’ Roman ist ein Anti-Camus. Dessen hundertster Geburtstag wurde gerade groß gefeiert, aber seine Philosophie fast schon vergessen. Camus’ Existentialismus, der lehrt, die Bejahung des Lebens gerade aus seiner Sinnlosigkeit, die Freiheit aus dem Absurden der Existenz zu gewinnen, fern aller metaphysischen, ästhetischen, religiösen Tröstungen, ist gegen die scheinbare Ausflucht Selbstmord gerichtet. Und der Koala wäre, wie Bärfuss ihn erzählt, ein Anhänger Camus’, einer, der, trotz des Wissens ums Sterbenmüssen, lebt und unermüdlich, wie Sisyphos, seinen Stein wälzt. Der Bruder war kein Koala. Der Bruder war etwas anderes. Was – werden wir nie wissen.

Denn im Roman geht es letztlich nur am Rande um den toten Bruder. Und viel mehr darum, was dessen Suizid bei Bärfuss ausgelöst hat. Der sehr viel erzählt. Gerade weil, angesichts eines Selbstmords, nichts zu erzählen ist. Nichts als: wer, wann, wo, auf welche Weise. Fakten, überprüfbar. Alles andere, so viele Lebenszeugen, Gutachten, Aufzeichnungen, Abschiedsbriefe, Fotos, Erinnerungen sich auch finden lassen, ist: Spekulation.

Was aber Bärfuss darüber denkt, was er empfindet, was er fragt, wonach er sucht, davon lässt sich erzählen. Und davon erzählt er auch. Sehr kühl. Aus großer Distanz. Akribisch wie die Zeichnung auf dem Umschlag. Aber ohne deren Anziehungskraft.

Lukas Bärfuss
Koala
Wallstein
2014 · 184 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-0653-0

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