Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
x
schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Im Hals stecken geblieben

Nicht selten bleibt einem das Lachen im Halse stecken. So geht es dem Leser bei den meisten Texten von Lutz Rathenow, die der Berliner Autor in seinem neuen Lyrikband versammelt. „Gelächter, sortiert“ enthält Gedichte, deren Entstehungszeiten bis August 1989 zurückreichen, wie sich an den vereinzelt angegebenen Daten ablesen lässt. Rathenows Lachen ist oft sarkastisch, gelegentlich fällt es sogar bitter aus: „ Wir sind nicht unsterblich, lachte der Nichtfreund / und wippte sich in die Tiefe / und flog und winkte und knallte / nicht auf das Schmuckpflaster“. Und wenn jemand ausgelacht wird, dann ist es der Staat. Zumeist handelt sich es um einen Nachhall seiner Erlebnisse in der DDR, in der Rathenow 1952 in Jena geboren und später mehrfach verhaftet wurde. Aber auch der wiedervereinigte Staat bekommt in den politisch angehauchten Gedichten sein Fett weg.

Das Buch ist in vier Abschnitte untergliedert, ohne dass unterschiedliche thematische Schwerpunkte deutlich hervortreten. Reisegedichte sind beispielsweise in allen Abschnitten enthalten. Der dritte Teil besteht allerdings aus älteren Gedichten, die bereits 1994 im Band „Oder was schwimmt da im Auge“ erschienen sind. Rathenows Stil hat sich kaum verändert. Seine Sprache ist immer noch klar und direkt, sie verwendet fast keine Fremdworte, von einigen englischen Einsprengseln abgesehen, und kaum Metaphern. Und doch gelingt es ihm mit einfachen Wendungen und Verfremdungen, den Leser zum Nachdenken und nochmaligen Lesen anzuregen.

Hartz 25

Aus Kostengründen, ab 1.1.2023 –
Zusammenlegung von – der Grund
aller Kosten sind die Kosten. Mensch,
was der rostet. Und mäkelt herum
an seiner Suppe – die Vereinigung
von Pflegeeinrichtungen und Friedhöfen.
Ein Kostenfaktorenminderungsgebot.
Anzustreben sei die Unterbringung
bestattungsnah.

Lutz Rathenow, der 1982 in der Bundesrepublik mit seinem ersten Gedichtband „Zangengeburt“ bekannt wurde, hat sich in den letzten Jahren zu einem literarischen Tausendsassa gemausert: neben Lyrik publiziert er Glossen, Kinderbücher, Satiren, Kolumnen, fungiert als Redakteur der Zeitschrift „liberal“ und hat jüngst unter dem Titel „Im Land des Kohls“ ein eigenwilliges Kinderbuch für Erwachsene erneut auf den Markt gebracht (edition buntehunde, Regensburg 2008).

Stark sind seine Texte – lyrische Prosa verbirgt sich auch unter ihnen – dort, wo sie Geschichte und Gegenwart in einem persönlichen Erlebnis wie in einem Brennspiegel verdichten. So heißt es anlässlich eines Besuchs von Hitlers Bergfestung: „Wo ein Wille ist, säumen ihn Leichen. / Hier aber arbeiteten sie freiwillig, bezahlt. /… Geröll. Einer muss alles ordnen, bewegen. / Behauen. Dachte einer und dachte weiter / im Text: Auch Steine verdienen kein Mitleid.“

Besonders positiv herauszustellen ist zudem die Ausstattung des Buches. Verleger Ralf Liebe findet mit seiner verdienstvollen, neuen Reihe „Edition Die 1000“, die sowohl Lyrik als auch Prosa umfasst, zurück zur wohlfeilen Buchausgabe: in blauem Leinen gebunden mit ordentlichen Vorsatzpapier und einem originellen Schutzumschlag, transparent, doch farbig bedruckt und auf der Rückseite nummeriert. Ärgerlich sind lediglich ein paar Druckfehler im Buchblock, die sich durch ein sorgfältigeres Lektorat leicht hätten vermeiden lassen. Aber es wäre doch gelacht, wenn sich die 1000 Exemplare dieses Gedichtbandes nicht schnell verkauften.

Lutz Rathenow
Gelächter, sortiert
Ralf Liebe
2008 · 111 Seiten
ISBN:
978-3-935221597

Fixpoetry 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge