Anzeige
Beitragsbanner_mosaik_Niklas L. Niskate_Entwicklung der Knoten
x
Beitragsbanner_mosaik_Niklas L. Niskate_Entwicklung der Knoten
Kritik

Ein Überleben jenseits der Zitate

Lutz Steinbrück schreibt vom Fluchtpunkt. Und je nach dem, wie man es betrachtet. Es gibt einen Punkt, nach dem man flüchtet und dieser Punkt birgt neue Perspektiven, er ist das Ausweichzentrum, der Sammelplatz der Träume, der Fluchtpunkt, aber es gibt auch den Punkt, durch den das Fluchten, das Einmessen, das Ordnen, das Orientieren geleistet werden muß, von dem aus der Blick geht nach irgendwohin. Die erste Betrachtungsweise beinhaltet, daß die Gegenwart keine Gültigkeit erlangt, sie ist nicht der Ort, an dem wir das Hoffen einstellen könnten und sie hat nichts parat, aus dem man nicht noch in eine andere Schau flüchten wollte. In der zweiten ist sie Gegenstand in dem Sinne, daß von ihr aus und gleichsam durch sie hindurch das Andere, das Zukünftige „erschaut“ wird. Von ihr aus und durch sie hindurch  Nicht einfach von ihr weg.

Lutz Steinbrücks jetzt erschienener, schmaler Gedichtband „Fluchtpunkt:Perspektiven“ sorgt sich um jene Gegenwart, aus der es zu flüchten lohnt, die niemand mehr genau anschauen will. Entweder sie wird mit Behauptungen zugestellt, ja geradezu vollgeschüttet mit angeblichen Unausweichlichkeiten, oder sie wird esoterisch ins Nirvana der Bedeutungslosigkeit exportiert. Immer fehlt, was ihr naturgemäß und eigentlich zukommt, das Offene, die Möglichkeit, Ort aller Perspektiven zu sein. Kaum eine Gegenwart war so bar jeder verwirklichbaren Utopie wie die heutige. „Klar ist dieser Tisch / in diesem Blick / genau dieser Tisch“ – alles ist genau vordefiniert und nirgendwo ist mehr Raum und Luft, alles ist so klar, daß einem schon übel wird von soviel behaupteter Klarheit aus dem „Weisheitsregister“. Die Gegenwart ist smooth und bedienerfreundlich, „und nicht vergessen einen Klickzum Glück“ (wenn man Bedienerwünsche auf manuellen Komfort reduziert – schon in der Art der Bedienbarkeit unserer Alltagswelt sind wir durchdefiniert). Und sie ist dennoch ein Gefängnis: „...du atmest ein in diesem Karton / durch Luftlöcher, wenigstens das.“

Lutz Steinbrück hat Gedichte geschrieben, die hinschauen und anfassen, ihre eigene Fassung suchen, während sie betrachten, was da passiert. Und die benennen, was krumm und schief in unserer Welt daherkommt hinter all dem Schein. Nicht nur „täglich diese Art von Kammerflimmern // über den Äther....“, sondern auch das kaum Faßbare, das in die Untergründe hinein Wirkende. Vielerlei Untergrund durchzieht die urbane Realität, das Gejole der neurechten Jugend, der ans Fensterglas der U-Bahn gepresste Schwanz, es sind „Nahaufnahmen“ der „Mimikry“ (wie zwei Gedichttitel heißen).  „Auf kein Testbild ist Verlaß“ – die Realität sieht doch anders aus und zertrümmert die tieferen Wünsche, substituiert sie, um mit billigen Ausreden die Menschen bei Launen zu halten.

Es ist grausam dorthin zu blicken – die Welt so zu nehmen, wie sie ist, es bleibt nur die Flucht in andere Perspektiven - wer sich aus der Perspektivlosigkeit der Gegenwart befreien will, rettet sich nach irgendwohin. Eigene Realitäten wuchern, nicht alle gesund. „....es geht / um ein Überleben jenseits der Zitate.“ Es geht darum, alles noch einmal in Frage zu stellen, jedes Vordefinierte, abgepackte, durchdeklinierte Sein zu ersetzen. Es geht darum, nicht mehr in individuelle Perspektiven flüchten zu müssen, sondern die Gegenwart wieder zulassen zu können, ohne zu ersticken an all dem Widersinn. Die Gedichte von Lutz Steinbrück zu lesen bedeutet, sich all diesem auszusetzen, das Enorme der Ambivalenz zu erspüren, das unser Jetzt besetzt. Die kunstvolle Zweitwelt der Lyrik ist ihm ein Mittel, der heutigen Realität Spuren von Wahrhaftigkeit abzutrotzen, eigene Namen zu haben für Widersinn und Unwelt in der Form des Gedichts. Lyrik ist ihm kein experimenteller Selbstzweck – dennoch ist seine Sprache voller Raffinesse und seine Gedichte leben aus einer überlegten Struktur. Sie sind Orientierungslinien, Wurfseile, Lote. An ihnen entwickelt er Erzählungen, aus denen Fragen aufscheinen. Die Welt wimmelt ja von Beantwortern – gäbe es nur mehr solche Fragesteller, auch und gerade in der modernen Lyrik.

Lutz Steinbrück
Fluchtpunkt Perspektiven
Illustration: Katharina Berndt
Lunardi
2008 · 84 Seiten
ISBN:
978-3-940572356

Fixpoetry 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge