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Erinnerungen an Kupfercreme, Johannes Frank, Felix Scheinberger
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Erinnerungen an Kupfercreme, Johannes Frank, Felix Scheinberger
Kritik

Zeichnet, zeichnet, sonst sind wir verloren

Karikaturist Luz hat den Anschlag auf Charlie Hebdo durch Zufall überlebt. In „Katharsis“ verarbeitet er sein Trauma in Wort und Bild
Hamburg

Geburtstagsblues und Routine: Für Renald Luzier, genannt Luz, war der 7. Januar immer ein Tag gewesen, an dem nie irgendetwas passiert. Im Rückblick ist es bitterste Ironie, dass er sich bei seiner Analytikerin am Vorabend seines 43. Geburtstages just darüber beklagt. Am Morgen des 7. Januar 2015  verspätet sich der langjährige Karikaturist des Satiremagazins Charlie Hebdo und entgeht knapp dem Terroranschlag, der 12 Menschen das Leben kostete.

Weitere Menschen werden im Raum Paris kaltblütig getötet; die westliche Welt scheint für einen Moment stillzustehen. Bilder von Millionen von Demonstranten in Paris gehen um die Welt. Und natürlich das Titelbild, eine Zeichnung aus Luz‘ Feder. „Tout est pardonné“ (Alles ist vergeben) prangt auf grünem Hintergrund, darunter ein weinender Mohammed, ein Schild mit den Worten „Je suis Charlie“ in den Händen. Die „grüne Ausgabe“ geht weltweit knapp acht Millionen Mal über den Ladentisch. Die Solidarität mit dem kleinen Satireblatt ist überwältigend, dabei war die Redaktion nicht zum ersten Mal Zielscheibe von Islamisten. Bereits 2011 wurde ein Bombenanschlag auf die Redaktion verübt, bei dem niemand verletzt wurde.

Wenn nun auch viele Personen des öffentlichen Lebens sich solidarisch zeigen, so wissen doch die wenigsten, was es heißt, die Angst als täglichen Begleiter mit zur Arbeit zu nehmen, in den Park, ins Café. Luz ist einer dieser Menschen. Der alte Affe Angst wächst sich nach dem 7. Januar für ihn zu einem Monstrum aus, das er nicht mehr zu bezwingen weiß. Mit den Mohammed-Karikaturen hört er auf. Er ist es leid, die Persönlichkeit interessiert ihn nicht mehr. Im Mai 2015 verlässt er schließlich die Redaktion von Charlie Hebdo, aus „persönlichen Gründen“. Zeichnen kann er nicht mehr, die Finger versagen ihm die Mitarbeit.

Sein Band „Katharsis“ ist das Ergebnis einer Selbsttherapie, „die Geschichte eines Wiedersehens zweier guter Freunde, die sich eines Tages beinahe nie wieder begegnet wären“. Die Rede ist vom Zeichnen, das Luz am selben Tag verlor wie seine Freunde und Kollegen. Der bei Fischer erschienene Band erinnert nur stellenweise an die Karikaturen von vorher. Seit dem 7. Januar breitet sich auf seinen Zeichnungen - wie in seinen Wachträumen - blutrote Farbe aus. Er sieht rot, wenn er seine Partnerin beim Duschen betrachtet und wenn sie ihm ein Ständchen singt. Manchmal malt er sich sogar selbst in dieser Farbe, die stets laut ist, unruhig, und einem entgegenschreit.  Ansonsten sind  die Zeichnungen fast ausschließlich schwarz-weiß, so auch die Strichmännchen, die er am Abend des 7. Januar bei der Zeugenbefragung am Sitz der Pariser Kriminalpolizei scharenweise zeichnet. „Ehrlich gesagt, hab ich nicht viel gesehen …“, sagt Luz dem Beamten, doch die Männchen mit den weit aufgerissenen Augen sprechen eine andere Sprache.

Sein ganzer Körper revoltiert, seine Gliedmaßen führen auf einmal ein seltsames Eigenleben: Die rechte Hand, auch sie mit riesigen Kulleraugen, verkrampft sich zur Faust. Und ein weiterer Fremdkörper meldet sich zu Wort: sein Kloß im Bauch, „das aufgeblasene Michelinmännchen [s]einer Verwirrung darüber, ein Überlebender auf Lebenszeit zu sein.“ Luz tauft ihn Ginette.

So einiges hat der 1972 geborene Luz mit dem Luz gemein, dem 2015 noch einmal das Leben geschenkt wurde: Die Selbstironie und die Lust zu provozieren sind ihm nicht abhandengekommen. In „Katharsis“ schlägt der ihm eigene Sarkasmus stellenweise in Zynismus um, in den sich bodenlose Traurigkeit und Ehrlichkeit mischen. Einen Beileidsbekundenden entlarvt er als „Vampir“, der ihn mit seinem Ego derart erdrückt, dass der Cartoonist als bloßes Strichmännchen zurückbleibt.

Überhaupt ist „Katharsis“ nicht nur Seelenreinigung, sondern auch ein traurig-wütender Rundumschlag: Luz teilt aus gegen Leibwächter, die jegliches Privatleben verunmöglichen und vor denen kein Entkommen ist; gegen die Medien, die sich wie Geier auf ihn stürzen; gegen muslimische Fundamentalisten, die selbst in einem Tintenklecks eine Karikatur des Propheten erkennen wollen. Nur ein Sujet vermeidet er: Luz zeichnet keinen der Menschen, die er bei dem Attentat verloren hat. Beim vermeintlichen Zwiegespräch mit dem getöteten Freund und Kollegen Charb an dessen Grab ertappt er sich dabei, wie er mit sich selber redet. Unfähig, ins Leben zurückzufinden, von Schuldgefühlen und Wahnvorstellungen geplagt, zeichnet er sein Cartoon - Alter Ego als fragile Figur. Oft ist er auf den Bildern nackt, und den Naturgewalten oder düsteren Hirngespinsten ausgeliefert.

Luz‘ Zeichnungen haben eine alptraumähnliche Qualität, sind jetzt künstlerischer, ästhetischer, erscheinen aber auch spontaner. Der Karikaturist wollte weder ein Konzeptalbum kreieren, noch eine Dokumentation, und ganz sicher kein Manifest für die Charlie-Solidaritätsbewegung, die die überlebenden Redaktionsmitglieder zugleich bewegte und befremdete. Der Band ist nicht mehr und nicht weniger als das, was sein Titel suggeriert: ein Versuch, die eigenen Dämonen auszutreiben, die in Luz‘ Fall vermummt sind und Kalaschnikows tragen. An der Art, wie er diesen Exorzismus durchführt und sein Innenleben offenlegt, ist nichts Verkrampftes. Luz erlaubt sich, müde und traurig zu sein – auch und gerade in den Szenen, in denen er den Sex mit seiner Frau aufs Papier bringt. Zeichnen und körperliche Nähe sind für ihn Möglichkeiten, sich an das Leben zu klammern.

Allein die Bereitschaft zum totalen Seelenstriptease muss man dem französischen Zeichner hoch anrechnen. Zur Lektürepflicht wird  Luz‘ Album aber vor allem dadurch, dass es eins erkennen lässt: Terroranschläge hinterlassen weit mehr Opfer als die Getöteten. Von Presse und Politik wird die Symbolik des Terrorakts zerredet, dabei ist ein Attentat für Angehörige und Überlebende aber immer zuerst ein Angriff auf Menschenleben. Renald Luzier vermittelt diese Botschaft wie kein Zweiter, indem er verkopft-abstrakten Trauerreden etwas Starkes entgegensetzt: Körperlichkeit, Ehrlichkeit, Gefühl. Wer Charlie verstehen will, kommt um „Katharsis“ nicht herum.

Luz
Katharsis
Aus dem Französischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
S. Fischer
2015 · 128 Seiten · 16,99 Euro
ISBN:
978-3-10-002498-5

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