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Kritik

Die Kunst der Verknüpfung

Maja Haderlap erzählt eine Geschichte des Schreibens vor dem Hintergrund der Zweisprachigkeit
Hamburg

 „Alle Schränke und Läden quellen über von gedachten, gehörten und gelebten Geschichten. In diesem Korridor übe ich mich in Unsichtbarkeit, gehe beständig auf und ab, hin und her, befrage einmal die eine, dann die andere Seite. Ich halte mein persönliches Scherbengericht über die Konfliktgeschichte, die meine eigene ist, und übe mich in der Kunst der Verknüpfung. Die Verbindungsbande, die ich um meine Sprachen und Kulturen gezogen habe, sind das Netz, das mich hält und sichert. Manchmal geistern Stimmen und Rufe durch die Abgeschiedenheit und Stille des Korridors, als Nachklang aus Ängsten, Gewalterfahrungen und Befürchtungen, dann wieder werden sie von Echowellen eines geglückten Dialogs gejagt.“

Dieses Zitat aus der Rede Maja Haderlaps für die diesjährigen Bachmanntage ist eine überaus treffende Zusammenfassung dessen, was die Gedichte in „langer transit“ auszeichnet. Diese lebenslängliche Durchreise im Land der Sprache, die für Haderlap mit dem Auszug aus dem Haus der alten Sprache beginnt und schließlich in Rebellion endet.

Aber der Reihe nach. Langer Transit ist der erste Gedichtband, den Maja Haderlap in ihrer zweiten Sprache, also auf Deutsch, geschrieben hat. Erst in der Schule lernte sie, deren Muttersprache slowenisch ist, deutsch zu lesen und zu schreiben. Auch ihre Gedichte schrieb sie lange Zeit in ihrer Muttersprache. Nach dem Erfolg ihres Romans „Engel des Vergessens“, hat sie sich für die deutsche Sprache entschieden. Dass dies keine eindeutige und noch weniger eine einfache Entscheidung gewesen ist, davon handelt dieser Gedichtband.

Es ist der Zwiespalt zwischen Gewinn und Verlust, der die Zweisprachigkeit für Haderlap kennzeichnet. Der Übergang zur neuen Sprache ist eine „Befreiung“ aus den Grenzen der Ursprungssprache:

    „die sprache fesselte mich an die
    welt, indessen sie
    sättigte nicht.“

Viele Jahre nach dem Auszug aus der alten Sprache sitzt die Dichterin da „wie am grund einer altern verstörung“, und erzählt von den Orten, an denen sich ihre Sprache mit anderen Elementen verband, aber auch immer wieder von der Überwältigung durch die Natur, von einem „Ich“, das sich aus Vergangenheit und Zukunft zusammensetzt und davon, wie man „unversehens in den hinterhof der zeit“ treten kann. Ihre Gedichte erzählen von einer Emigration mit schwerwiegendem Gepäck, nämlich dem des Hin- und Hergerissenseins zwischen zwei Sprachen.

Orte stehen für Lebenserfahrungen, Erinnerungen und die sich beständig wiederholende Erfahrung, dass sich feststehend geglaubtes verändert:

    „alles ist rand
    und vergessen und übergang.“

Ganz konkret wird Karantanien genannt, dieses ausgedehnte slawische Fürstentum im heutigen Kärnten. Unter dieser Überschrift finden sich Gedichte, die sich mit der Situation der slowenischen Minderheit in Kärnten beschäftigen. Ein Zyklus ist den slowenischen Königen gewidmet, von denen es in einem der Gedichte heißt:

    „wohin immer wir unsere könige sandten,
    sie kamen als bekehrte fürsten zurück,“

Dem Verlust von Territorium wird die Herrschaft des Wortes entgegensetzt. Das Beharren auf die eigene Sprache bleibt der einzige Teil der Unabhängigkeit, der bewahrt werden konnte:

    „standen die reiter der kleinen nation, in voller
    tracht ihre bewehrte, verwehrte sprache,
    gerüstet für einen verdrießlichen kampf.
    nur ihre befürchtungen hielten das wort.“

Haderlap hat die Gedichte wie eine große Erzählung angeordnet. Nach der Unterwerfung beginnt also der lange transit. Was auf diese Weise geschichtlich vorbereitet wurde, erfährt mit dem Auszug aus dem „haus der alten sprache“ eine persönliche Wendung:

„[...] zuletzt brach
ich auf. das verlassene folgte mir.
es ist am ziel angekommen,
während ich unentwegt kreise.“

Die Sprache ist Heimat, Hort und Schutz, aber auch der Ort, von dem aus die Welt träumend oder wach erobert wird. Und natürlich gibt es diesen Abgrund zwischen den Sprache, den „schwarzen fluss“, über den die Übersetzung Brücken zu spannen versucht. Die Sprache kann die in der Biografie abgelagerten Geschichten und Verletzungen, überwinden, ebenso aber dazu beitragen, dass diese uns einholen:

    [...] ins gegenwärtige, blendende
    drängt sich die schrift. wenn sie stockt,
    zeigt sich ihr alter panzer aus angst.“

Als Lebensesser, kein Ozean, taub und schließlich sogar stumm, öffnet das Gedicht „sprachlos betretene“ Räume im „Haus der Liebe“, bevor abschließend von den Metamorphosen eines Mädchens zur Frau erzählt wird.

Die Gedichte Haderlaps sind persönlich, sie nehmen den Leser mit auf eine Reise durch ihre durch die Zweisprachigkeit bestimmte Biografie und setzen so eindrucksvoll und wirkmächtig, politische Zeichen.

Der lange Transit endet schließlich mit einer Rebellion, einer Auflehnung gegen die Situation in der sich die Angehörigen der slawischen Minderheit in Kärnten befinden. Aus der melancholischen Analyse der Lage erwächst Widerstand:

    „ich bin ein mieses kraut geworden,
    niederträchtig, infam und sehr gewöhnlich.
    das ist das gemeine an meiner gemeinheit.“

Maja Haderlap
langer transit
Wallstein
2014 · 88 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1378-1

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