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Kritik

Mittendrin in Traum und Sprache

Manfred Chobots Reflexionen werden zur Erzählung

„Unglücklicherweise haben die meisten Leute so interessante Träume, aber so eine uninteressante Arbeit“, sagt der französische Zeichner Roland Topor im Vorwort zu seinen „Masochisten“ (Kiepenhauer und Witsch, Köln 1970), und fügt hinzu, im Bett – wohl noch immer der beste Platz zum Arbeiten – träumend, dass er es als das größte Unglück des Menschen erachte, wenn die Wirklichkeit nur dem entspräche, was man von ihr wisse. Mit Arbeiten meint Topor das Träumen, jene Fähigkeit „kreativer Faulheit“, die weit entfernt vom Stumpfsinn alltäglicher Arbeits- und Lebensverrichtung, in einem kreativen Prozess als Recherchearbeit für seine hintergründig-skurrilen und zutiefst moralischen Zeichnungen oder Texte dient. Es gehört zum Wesen künstlerischer Arbeit, auch Träume zu nutzen, sich ihrer Sprache, ihrer anarchischen Erscheinungsformen, ihrer Paradoxien zu bedienen, und mit Hilfe ihrer, jeglicher Vernunft widersprechenden Logik, die in den Tiefen des Unbewussten verborgenen Anteile der Seele, aber auch die Verdrängungen, die Wünsche und Sehnsüchte des Träumenden widerzuspiegeln.

Ganz gleich, ob der Traum als göttliche Emanation gepriesen, als dämonisch verteufelt oder bloß als Trugbild abgetan worden ist, auf die Menschen übte er zu jeder Zeit Beklemmung und Faszination aus. Ob ein Traum erregt oder bedrückt, ob er verstört oder entlastet, dem Träumen kann sich niemand entziehen.

Mit Sigmund Freud erfährt das Traumgeschehen einen Bedeutungswandel. Als die „via regia“ zum Unbewussten oder später vom Gestalttherapeuten Fritz Perls noch treffender als die „via regia zur Integration“ bezeichnet, wird der Traum als durch die Tiefen der Psyche geführtes Gefühl, Bild, Sprache und Ausdruck, voll archetypischer Symbole und Visionen verstanden. Die „andere Seite“, die Schattenseite des Menschen, das Verdrängte und Projizierte wird mit seiner Hilfe ins Bewusstsein geholt und integriert.

Traumarbeit ist ein hermeneutischer Prozess. 1909 erscheint Alfred Kubins „Die andere Seite“, ein Roman, der die Verheißungen eines Traumreiches beschreibt. Jahre vor der Entstehung des Faschismus und Nationalsozialismus erschaut Kubin ein Bild der „Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit von charismatischer Herrschaft über gläubige Anhänger“. Seine „Prophetie“ charakterisiert die sensible Fähigkeit, die Wirklichkeit als Ganzes, auch mit den sich abzeichnenden Schrecknissen, wahr zu nehmen, die Zeichen seiner Zeit zu erkennen, die Ansprüche auf Wahrheit zu bezweifeln, zu hinterfragen und den Prozess und dessen Ergebnisse abzubilden. Kubins Traum hat schließlich eine sehr deutliche Botschaft. Er warnt vor der Zerstörung der Persönlichkeit durch Desintegration, vor der Projektion des eigenen Schattens, und vor dem Absolut setzen des so „gereinigten“ Selbst.
Die Botschaft Kubins ist im Lärm der Massenbewegungen untergegangen. Der „Traum“ der totalitären Führer wurde zum kollektiven Alptraum. Die für Fortschritt gehaltenen und vergotteten Visionen vom neuen Menschen besonders heller und „heiler“ Art dienten bekanntlich der eigenen Entlastung, allerdings um den Preis der Menschenverachtung und Menschenvernichtung.

Welche Botschaften tragen aber nun die von Manfred Chobot über Jahre hinweg gesammelten Traum- und Nachtbilder eigener und fremder Herkunft in der 2011 bei Sonderzahl erschienenen Erzählung „Der Tag beginnt in der Nacht“?
Dass es in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Verunsicherung und Verrohung immer auch Zeichen der Freiheit, Solidarität und Mitmenschlichkeit gibt, setzt eine Hoffnung auf das Träumen. Das kann man dieser Geschichte voraussetzen.

Der Ich-Erzähler kommt heim, von wo auch immer, kehrt zurück in sein „psychisches Haus“, in die Wohnung, die gerade renoviert wird. Als Ausgangspunkt einer Reise in das weite Land der Seele begibt er sich in guter Wiener Tradition auf eine Landpartie mit allerliebsten Freunden und noch lieberen Feinden, alle ein bisserl verrückt, lebensfroh da und abgrundtief verzweifelt dort, mit der Parole auf den Lippen: „Die Wirklichkeit wird jetzt ausprobiert“. Es entwickelt sich ein traumhaftes Spiel. Der Vorhang geht auf, aber was sich entfaltet, erhebt keinen Anspruch auf großes Theater. Wenngleich auf der Szene großes Getue und Geschrei herrscht - ein Theater halt, wie man in Wien so zu sagen pflegt, es ist Stehgreif beim Tschauner oder staubiges Praterkasperltheater, hinterfotzig und genialisch heiße Luft, um sich nicht der eigenen Einfalt und Nichtigkeit gewahr werden zu müssen, dazu seicht, in einer Maßlosigkeit der Übertreibung, und im ständigen und raschen Wechsel der Identitäten in einer Geisterbahn der Emotionen und Gefühle - stellt sich nicht der Fahrgast, sondern der Schausteller die Frage: Wo steige ich ein, in diesen Traum? Ein Wurschtel in der Achterbahn, der aufschreit, zum Mitmachen aufruft und schon längst mitten drin ist, hat diese Fahrt in den Abgrund gebucht, aber nie und nimmer ganz hinunter. An den Nerven kitzeln, ein wenig, an den Nervensträngen ziehen, die Falltür klemmt. In so ein Wägelchen, einem Hunt für die Fahrt in die Tiefe steigt niemand allein. Das ICH – in seinen personalen Aspekten ein Sänger, Kriminaler, Autor, Detektiv, Schwuler, Tunte, Liebehaberer, der atheistische Gott allein weiß, in welches Gewand er sich noch schmeißt - reist mit Hannah durch ein Labyrinth von Eindrücken und Gefühlen, in der zweiten Reihe sein alter Ego Hans Carl (HC) und Jolande, die Nachbarin Agathe mit der möglicherweise sich doch bekennenden Lesbe Beate. Aber wer weiß das schon so genau. „Rouge oder noir“/(S.33).

Im Grunde vermag keiner der Protagonisten zu erkennen, wie er in diesen sich immer schneller drehenden Wirbel ständig wechselnder Orte und immer neuer Personen hinein gerät - und wenn er will, vielleicht auch wieder heraus findet -, was ihn dort umtreibt im ständigen Verkleiden, ins Schlüpfen neuer Rollen und Abstecken neuer Orte. Es erwartet einen jedoch keine apokalyptische Höllenfahrt von der Intensität eines Hieronymus Bosch, eher ein Seelenstrip im „Hinterhof des Lebens“/78, mit der Intention, doch nicht alles enthüllen zu wollen. Stattdessen suchen die zum Hinschauen Verdammten ihre Nacktheit wieder mit neuen Träumen zu bedecken. Wenn in diesem flirrenden Irrsinn kaum etwas an Erinnerung haften bleibt, kommt schließlich doch der Verdacht auf, dass man mehr Eindrücke mitnimmt, als man glaubt, wahrzunehmen.
Und da begegnen sie dann dem Leser die verdrängten, teils zusammengesetzten, oftmals aber auch nur platten eindimensionalen Abdrücke seines eigenen psychischen Geschehens, der Hausmeister, die Nachbarin, Vater Mutter, tot oder lebendig, der Zuschauer in Rokokokleidung, die Prostituierte, Herr König und der Bundeskanzler, der Papst nackt auf der Yacht von Onassis - mag sein, weil es das Wortspiel will oder gar der Wunschtraum auftaucht, mit heiliger Hand, als apart Gekleideter, verstohlen onanieren zu wollen - Heli, die Queen, Schnurrbärtchen und PIAF, der Beerenfarmer und Blumenzüchter, schließlich auch der Modelleisenbahnbauer mit Gemahlin. Archetypisches Personal im zeitgeistigen Outfit. Heller, Gulden und Kreuzer dazu antimodern: „Das Ungeziefer hält uns ordentlich in Schach. Spielen wir eine Partie.“/(S.48)

Alles zerfällt und setzt sich neu wieder zusammen, wo immer der Leser zusteigt, es entsteht ein neuer Traum. In der Gleichzeitigkeit ist die Parallelität um einen Augenblick verschoben: in Bukarest in der neuen Wohnung, beim Festessen im Museum des Plastiks, als Absteigekampf in Buddy´s Cafe, ob in Spittal an der Drau, ob in Klagenfurt, wer findet dort schon das Puff. Im Hinterzimmer des italienischen Delikatessenladens in der Carneby Street kommt der letzte Anstoß zu einer Verschwörung: „Vorsicht ist die Mutter des Nachthemds“/(S.53). Der Kalauer als bedeutungsvolle, aber verschlüsselte Botschaft. „Der Fußgänger stellt sich vor: wie es wäre, wenn – und sogleich ergreift er mit Auto und Freundin die Ausflugsgelegenheit. Außer Sichtweite kommt es erfolgreich zu einer koitalen Annäherung: Wer weiß, ob es morgen noch geht. („Besser aufschieben als absitzen“, murmelt er und besinnt sich seiner Haftverpflichtung.)“/(S.49)

Dann kommt es doch anders als im „Traum“, eine Realität des Vernünftigen wird hergestellt, das „`Ende der Vorstellung´, sagt Hannah, dreh das Licht auf […] Das Ende des Traums?
[...] Ist es doch nichts weiter als eine Videovorführung. Klick klick Krieg. Projizierte Bilder werden an die Wand geworfen. Klick klick Krieg. Schüsse in der Stadt, zwischen Mauerschluchten Krieg. Partisanenkrieg. Guerillakrieg. Klick klick Krieg. Schütze sucht Deckung schießt rennt. Klick klick Krieg. Auf der Leinwand mischen sich Bilder aus Wildwestfilmen und dem Bürgerkrieg. Klick klick klick. Atempause. Klick klick klick. Ende der Kassette. KLICK!! Zappenduster.“/(S.46)
Fast wäre die Traumreise, dem Ort der Sehnsucht des träumenden Autors, seinem verlorenen Paradies, am Mond gestoppt worden. Aber: Nichts lässt sich wirklich festlegen.

Manfred Chobot nennt seine Geschichte eine „Erzählung in Träumen“. Der Text, der ständig zwischen den Realitäten wechselt, ist nicht einfach eine Abfolge von mehr oder weniger Stimmung gebenden Träumen ohne Handlungsfortgang. Als poetisches Mittel sind die Träume verantwortlich für Atmosphäre und Spannung der Erzählung, für Aktion und Reaktion ihrer Personen, aber auch für die reflexiven Funktionen, die zur Erhellung und Spiegelung der Seelenlage des Träumenden beitragen. Wenn Chobot in der Erzählung mit seinen Träumen den Leser trügt, schmeichelt, verwirrt, er seine Protagonisten anweisen, warnen und Vergeltung ankündigen lässt, aber auch Situationen ironisiert, indem er es dem Leser durch die ständige Manipulation seiner Figuren vorzeigt, wie anders, ja oft fragil die als real wahrgenommene Wirklichkeit ist, greift er mit ihnen in das Geschehen ein, lenkt Personen und treibt das Verhalten der Betroffenen an oder aber lähmt sie bis zum Äußersten. Die damit korrespondierende, perspektivische Funktion kann in diesem schillernden Traumgeschehen der Erzählung als vorwegnehmender Bewältigungsprozess die handelnden Personen – damit auch Autor und Leser - in die mehr oder weniger offenstehenden Lebensmöglichkeiten einüben. Der Leser hat für die Traumarbeit einen „gleichermaßen witzig-absurden und poetischen Text [vor sich], in dem Traum- und Schreibverfahren fast zur Deckung gebracht werden“/(Klappentext). Eine Reflexion über den Traum in der poetischen Sprache des Traumes. Was will er noch mehr, der Träumer? Mittendrin.

Manfred Chobot
Der Tag beginnt in der Nacht
Sonderzahl
2011 · 120 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-854493464

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