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Kritik

Österreichische Grimmigkeit

Hamburg

Ein Sprachspieler, ein Wortgewaltiger und Wörterzerleger ist Manfred Chobot, der 1947 geboren wurde und eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht hat. Dabei sind Gedichte einer seiner Schwerpunkte. Drastischen Wortwitz und sexuelle Anspielungen flicht er zusammen mit zarten Passagen von empfindsamen Eindrücken.

„Gefallen gefällt“ lässt schon im Titel eine Vielzahl von Assoziationen zu. Nicht nur die offensichtliche, dass etwas, was gefällt, eben Gefallen erzeugt. Gefällt es, wenn man fällt? Gibt es einen Rausch des Fallens, eine Form der Erlösung, des Gefühls, endlich geht nichts mehr, endlich darf man sich „fallen“ lassen? Oder gefällt es, wenn ein anderer fällt, selbst noch auf einem festen Standpunkt fußend? Um Schadenfreude geht es allerdings nie bei Chobot, der aus einer freudigen oder wütenden Haltung heraus schreibt, sondern um eine Enthüllung von akzeptiertem oder tabuisiertem Gefühl und frei changierenden Gedanken, eigenen und anderen.

Im Assoziationstext „aber sonst nichts“ legt der Autor seine Erfahrungen mit Frauen bloß. 10 Frauen benennt er, alle wollen etwas von ihm: Geld, Sex, Kind, Zuwendung, aber er will nichts als seine Ruhe. Das schreibt ein Mann, der nichts ausgelassen hat, für den erotisches Erleben ein wichtiges lyrisches Element seiner Gedichte ist.

Chobots lyrisches Ich zeigt sich als viriler Kraftmensch. In diversen Metren, in lockerer Form entwickelt er Assoziationen aus Situationen heraus, macht lyrische Bestandsaufnahmen, wie „das getriebe auf trab halten“, schreibt eine „hoffnungslitanei“, eines seiner Aufzählungsgedichte, mit denen er lebensgeschichtlich wichtige Bestandsaufnahmen schafft, ebenfalls in der „angst-ode“.

In Chobots Gedichten findet eine gewisse, durchaus österreichische Grimmigkeit, die schonungsloses Erkennen mit Amüsement verbindet.

Auch Dialektgedichte gehören bei ihm zum Repertoire, da sollte der Leser entweder laut lesen oder am besten den Autor selbst hören. Auch die Form der Widmungsgedichte, die er an Geliebte, verstorbene Kollegen oder bewunderte Personen wie Frieda Kahlo oder Stephen Hawking richtet, gehört zum Chobotschen Oeuvre.  Der bildenden Künstlerin Dorota Sadovska hat er zwei Gedichte gewidmet. Sie hat das Motiv für das Cover des Bandes geschaffen: Eine Hand mit zwei Daumen und zwei Fingern, welche, wie ein kleines Männchen aus Fleisch, irritierend „gefällt“.

Manfred Chobot
Gefallen Gefällt
Lyrik der Gegenwart | Band 21
edition art science
2012 · 104 Seiten · 11,00 Euro
ISBN:
978-3-902864086

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