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Kritik

Einer, der sich vom Wesentlichen berühren lässt

„Der deutsche Essay-Stil zeigt eine konfektionierte humanistische und soziologische Bildung auf, die welk ist und matt wie ihre Träger.“, konstatierte Tucholsky alias Ignaz Wrobel 1931 in der Weltbühne. Das haben wir hinter uns. Der Essay heute hat viele unterschiedliche Gesichter und ist ein wunderbar genutztes Instrument sich an Themen zu versuchen, von denen man meint, daß sie nicht nur einen selbst etwas angehen, ohne gleich ein wissenschaftlich fundiertes Werk darüber verfassen zu müssen. Selbstverständlich gibt es noch immer genug Geschwafel auf der Welt, und dann kommt es heute nochmals gesteigert belesen und gelehrt daher, aber es gibt auch den Versuch hinzuschauen und Wirkgeschichte zu lesen, der nicht an wissenschaftliche Disziplin zu koppeln ist, weil diese ihn tatsächlich behinderte. Das Anreißen und Heranzoomen, Ausschnitt beleuchten und Blickwinkel testen gehört in unser modernes Bewußtsein viel mehr als das Endgültige und Letztmögliche. Aus der Komplexität herausgegriffene Aspekträume öffnen sich weit und flackern unter ihrem möglichen Sinn. Wer das Flackern verhindern will, hat keine Ahnung vom Feuer.

Manfred Chobot läßt es flackern. Er durchforstet und lädt dann zur Aufzeigung. In seinem jüngst erschienenen Band „Blinder Passagier nach Petersburg“ versammeln sich Essays und Interviews, die er in den letzten Jahren als Auftragsarbeiten für Zeitschriften, Bücher und Rundfunk angegangen war und hier erstmals ein spannendes Miteinander eingehen. Er stellt uns vergessene Autoren vor wie Franz Jung und Arthur Holitscher, zu früh gestorbene zeitgenössische wie Christian Loidl, führt Interviews mit Künstlern und Schriftstellern und Kunstverbundenen wie Jorge Semprún, dem Fluxus-Künstler Wolf Vostell oder Dr. Leo Navratil (dem Förderer bspw. des unter dem Pseudonym „Alexander“ schreibend bekanntgewordenen, als schizophren hospitalisierten Ernst Herbecks). Und er weiß wovon er schreibt, hat viele der Künstler und Autoren gut gekannt oder war ihnen in Freundschaft verbunden (was stets sehr dezent und ganz unaufgeregt und ohne jeglichen Weihrauch beschrieben ist). Und zumindest hat er die Autoren, um die es ihm geht, gelesen. Was selbstverständlich klingt, aber längst nicht ist.

Chobot weiß sowieso vieles und denkt vieles zusammen. Es flackert und ist lebendig in ihm. Das Verborgene ist ihm nicht fremd, auch wenn er es nicht ausspricht, findet es genug Raum sich so zu zeigen, wie es ist: als Papier unter dem Ausrufezeichen. Wenn Chobot schildert, labelt er nicht, sondern wirkt organische Gefüge aus Fakten und Hintergrund zusammen, ohne daß das eine das andere übertönt. Lebendig und bedacht zugleich. Im Leben verlaufen sich die Linien und sehen von außen aus wie Gekritzel. Wenn Chobot sich Dinge anschaut, verlangsamt er den Strich bis die Bewegung der Linie von sich aus wieder sinnreich wird und begründet. Manfred Chobot ist einer, der sich vom Wesentlichen berühren lässt und dem ein gesunder Spürsinn für das Menschliche auch nicht in den Abseitigkeiten abhanden geht.

Ein Band, in dem man hunderte Anregungen findet, aufgehobenes Leben und spannend erzählte Gegenwart, die sich als Kunst niederschlägt. Wie es Chobot gelingt bspw. das außerordentliche Leben von Franz Jung samt seiner diffizilen inneren Einnordung auf nur ca. 40 Seiten mit Hilfe von Zitaten und biographischen Details so zu erzählen, daß jemand, der Jung nicht kannte, nun orientiert und womöglich an Vertiefungen durchaus interessiert ist (fern aller germanistischen Pulerei), das ist eine wirkliche Freude.

Manfred Chobot · Manfred Chobot
Blinder Passagier nach Petersburg
edition lex liszt 12
2009 · 264 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-901757907

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