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Kritik

Geografie des Unglaublichen

Manfred Chobot schreibt 71 Weltgeschichten
Hamburg

„Mich piekst ein Ameisenbär“ heißt das neue Buch von Manfred Chobot. In Wirklichkeit muss auch ein Ameisenbär schauen, wo er bleibt, denn bricht er in einen Termitenbau ein, kann er nur kurz  und heftig zuschlagen, wenn er nicht riskieren will, dass sich seine Lieblingsspeise zur Wehr setzt.

Aber gleichgültig wer hier wen piekst, Manfred Chobot sticht mit seinen Geschichten in viele gängige Vorstellungen und holt so manche absurde Verhaltensweise der Zeitgenossen an die Oberfläche. Dabei ist es unwichtig, ob die „Weltgeschichten“ in einer „deutschen Kleinstadt“, in Hawaii, Österreich oder irgendwo anders spielen, weil Absurdistan geografisch nicht zu lokalisieren ist.

Um diesen Landstrich zu erforschen, muss allerdings viel gereist werden. Da gibt es den „ungewöhnlichen Weltreisenden“, der erfolgreich ohne Geld unterwegs ist oder der Leser lernt die Einsamkeit eines Reiseleiters kennen. Manfred Chobot beschreibt wahnwitzige Formalitäten bei der Einreise nach Israel und in die USA: „ Bei der Ankunft am New Yorker Flughafen John F. Kennedy wurde Dr. Hans (Johann) Greiwart verhaftet. Indem er seine Finger am Erkennungsorakel gerieben hatte, war seine Identität bekannt geworden.“ Das Betreten der USA war für den Oberarzt unmöglich geworden, weil er als Student ohne Arbeitserlaubnis gejobbt hatte. Aber auch in Europa gibt es wachsame Grenzpolizisten, wenn es um potentiell verdächtige Subjekte geht, wie es auf dem Gelände des Bildhauers Franz zu sein scheint. „Zuerst hatte er sie aufgefordert, stehen zu bleiben, schließlich hatte er schon etliche illegale Grenzgänger aufgegriffen, die sich aus irgendwelchen Ländern ohne irgendwelche Papiere von Schleppern über die Grenze hatten bringen lassen, um sodann einen Asylantrag zu stellen.“ Natürlich kann es sich in einer Geschichte von Chobot nicht um wirkliche Illegale handeln, sondern die Polizisten haben nur zwei Holzfiguren des Bildhauers erschossen.

Aber diese Art von Geschichten sind typisch für den Autor. Genüsslich und unterhaltsam beschreibt er lakonisch die Neurosen unserer Gesellschaft und zeigt, wie im Grunde schon unspektakuläre und witzige Situationen Bürokratie und Beamte an ihre Grenzen bringen. Dabei kommentiert er das Geschehen nicht, sondern lässt die Akteure für sich sprechen.

So auch in „Flugsicherheit und vier Koffer“, als eine Frau sich spontan überlegt, beim Umsteigen in eine andere Maschine nicht weiterzufliegen, ihre Koffer aber in der Maschine zu lassen, weil ihr Ehemann sie am Ende der Reise mitnehmen wird. Oder wenn es heißt „Boarding is finished“, aber ein Hamster aus seinem Käfig entwischt ist, was eine Notlandung und den Weitertransport mit Bussen zur Folge hat.

Gern nimmt er die Schnäppchenjägerei (oder mehr noch die Gier) der Zeitgenossen ins Visier. Da hat jemand noch das richtige Gefühl: „Lass die Finger davon! Spiel bloß nicht mit!“ Aber natürlich lässt sich der Protagonist zu einem „Bali-Spiel“ verführen, bei dem er alles verliert. Oder: „Dkfm. Ferdinand reiste mit Freunden, alle 50 plus bis plusplus, zum Skifahren in die Schweiz“ und kauft dort illegal Schweizer Uhren.

Sehr unterhaltsam ist die Geschichte „Gewinnbenachrichtigung“. „Herr Juan Morato, ein Mitarbeiter von Banco Caja Madrid Spanien“, teilt jemandem, den wir nur als „Glückspilz“ kennenlernen, in einer vertraulichen Mail den Gewinn von 8,2 Millionen Euro mit. Allerdings bringt der neugebackene Millionär mehrere Mails von unterschiedlichen Absendern, die alle Geld und Gewinne versprechen, durcheinander. Folglich stellt er am Ende ziemlich konfus fest: „Sobald ich wieder festen Boden unter meinen Füßen verspüre, schicke ich eine benachrichtigte Postkarte an den Havarie-Kommissar zur Befestigung. Mitsamt meiner Visa Card von der Europäischen Zentralbank. Bin ich doch hierzulande EUler nach Code T System®, ganz klar. Notifizieren Sie mich!

Auch die Geschichte „Schnäppchen“ passt in diese Kategorie. Sie handelt allerdings nicht von Privatpersonen, sondern von einer europäischen Regierung, die ihre staatseigenen Unternehmen, unter anderem ein Motoren-Werk, verkaufen will. „Ein Investor aus Übersee zeigte Interesse.“ Es werden die Verhandlungen beschrieben, mehrmals von  dem Satz begleitet: „Es gilt die Unschuldsvermutung.“ Überhaupt wird Chobot umso unerbittlicher je mehr sich die Geschichte mit konkreter Politik beschäftigt. „Privat ist geil!“, beginnt der „Regierungsverkauf“, in der von Privatisierung und von Neoliberalismus die Rede ist. Es geht um die „Freiheit zu telefonieren, zu frankieren, zu konsumieren.“ Dass dabei Sozialministerium, Umwelt- und Gesundheitsministerium abgeschafft werden, versteht sich sozusagen von selbst.

Da ist es fast beruhigend, dass Manfred Chobot uns in der letzten Geschichte noch einmal einen ganz normalen „Mann des Jahres“ vorstellt, der alle seine Urkunden und Trophäen, nicht mit seinen Fähigkeiten, sondern mit Geld erworben hat.

Es ist eine vergnügliche Weltreise, zu der uns der Autor mitnimmt und deren Stationen er uns augenzwinkernd vorführt.

Manfred Chobot
Mich piekst ein Ameisenbär
Löcker
2013 · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-85409-688-7

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