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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Unbestimmt

Hamburg

Das ist nicht die feine englische Art, würde meine Mutter sagen, wenn sie läse, dass ich im ersten Satz der Rezension das Scheitern des Vorhabens einer Rezension eingestehen muss. Klar, man könnte das Buch zurückgeben und jemand anderes könnte sich daran versuchen. Aber das kommt nun auch nicht mehr in die Tüte. Zu lange habe ich darüber gebrütet und versucht, mir einen Reim darauf zu machen. Und es hat, das muss ich zugeben, ja auch Spaß gemacht.  Ist es nicht auch eine Qualität, dass ein Buch mich so lange beschäftigen kann (2 Monate, nicht ausschließlich natürlich), ohne dass es zu einer finalen Beurteilung gekommen ist?

Nur was man nicht gefunden hat
Trägt man mit sich weiter: Hierin
Gleichen, wie schon Heraklit
Wußte, Gedanken
Den Läusen.

So lautet es im Text Nachdenken. Und dieser Text changiert, wie einige andere Texte im Band auch, zwischen Sinnspruch und Gedicht. Man merkt es am Vers Wußte. Gedanken, der im Grunde ja gar kein Vers ist, sondern Gedanke.

Ich gebe zu, ich bin kein lyrischer Reinheitsapostel und habe zuweilen meine Freude an derartigen Zwitterwesen. Und ich habe zuweilen Freude an einer fast cowboyhaften Intellektualität, die sich nicht zu schade ist, auch mal schnell und aus der Hüfte zu schießen. Dabei geht sie natürlich die Gefahr ein, das Ziel zuweilen zu verfehlen:

Nicht immer Fritzle, selten eher
An den Saum Gefahr ein Fädlein Herz genäht.

So endet der Text: Es treten noch auf Goya unds Fritzle

Und ich gebe weiter zu, mit dem schwäbischen Duktus nicht immer einverstanden zu sein.

Was jedoch hatte mich geritten, mir dieses Buch zur Rezension zu bestellen. Ich hatte vom Autor noch nie etwas gehört, allein der Titel hätte mich eigentlich abschrecken müssen. Vielleicht hat er es auch getan, aber derart, dass ich in Schockstarre dennoch nach diesem Buch gegriffen habe. Das ist Dialektik, höre ich meine früheren Klassenkameraden sagen und lachen. Das ist paradox, sagt mein innerer Philosophielehrer. Wahrscheinlich hat es von beiden etwas, denn ich fühlte mich bei Gruhlers Gedichten vom ersten Augenblick an auf eine sehr merkwürdige Art angezogen.

Ein Gedicht des Bandes heißt:

Guten Morgen Anmut, Schönheit, Hass

Es endet mit folgendem Zweizeiler:

Und tust mit Blicken
Als hätten die etwas von Katégorie

Wo kommt der Akzent über dem e her? Es ist nicht so, dass er mir unplausibel gewesen wäre. Der Akzent ist dem Deutschen fremd. Und vielleicht ist es ja genau das. Dass man sich Fremdheit erhofft durch dieses Zeichen. Schönheit, die sich aus einer gewissen Exotik ergibt. Vielleicht ist es aber auch nur ein Druckfehler. Aber nein, welcher Zufall wäre das, an diesem Ort, an dieser Stelle und in diesem Wort. Ist doch Kategorie der Unterschied ums Ganze. Kunst unterscheidet sich vom Sinnspruch doch gerade dadurch, dass sie das Konkrete nicht kategorial einzwängt.

Und so geht es mir durch das ganze Buch hindurch. Ich misstraue meinem Urteil oder ich habe verlernt, meinem Urteil zu trauen.

Ich hatte von Gruhler bislang noch nichts gehört oder gelesen. Der 1950 in Rottweil geborene Autor hat auch nicht allzu viel veröffentlicht. Allerdings ist der mir vorliegende im Tübinger Verlag erschienene Band Das Grün der Geier nichtsdestotrotz recht umfangreich und enthält Gedichte aus den letzten Jahrzehnten.

Gruhler, scheint es, ist Gelegenheitsarbeiter und zwar in jeder Hinsicht. Das heißt —  er arbeitet, wenn sich die Gelegenheit ergibt, für Geld, aber auch an seinen Gedichten, die ja, wie wir alle wissen, kaum Geld einbringen. Und so stellt sich bei der Lektüre ein gewisser Bezug zur Beatpoetry her. Das macht die Texte etwas fern, aber auch verlockend.

Manfred Hans Gruhler
Das Grün der Geier
Klöpfer & Meyer
2012 · 264 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-863510312

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