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Kritik

Vom warmen, pastellhellen Gelb bis zum Grabesschwarz der todessehnsüchtigen Träume.

Manuele Fior adaptiert meisterhaft Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else".
Hamburg

"Hier bin ich, Schuft", sagt sie in den Saal hinein und schaut dabei Herrn von Dorsday an, der hinter dem Klavier steht. Und dann streift sie ihr schwarzes langes Kleid von den Schultern und steht nackt da, mit aufgerichtetem Haupt. Und starrt ihn an, den Herrn von Dorsday.

Fräulein Else, avant-verlag 2017

Dreißigtausend Gulden soll er ihrem Vater leihen, sonst geht er bankrott, er hat Geld veruntreut, und die ganze Familie ist ruiniert. Nur sie, die 19-jährige, hübsche Else, kann ihn retten, hat ihre Mutter geschrieben. Sie soll den alten, reichen Kunsthändler bitten, sofort die Geldanweisung zu telegrafieren, und er verspricht auch, es zu tun. Aber er hat eine Bedingung, er will sie nackt sehen: "Mein Zimmer liegt im gleichen Stockwerk wie das Ihre, Else. Nummer fünfundsechzig, leicht zu merken. Nichts anderes verlange ich von Ihnen, als eine Viertelstunde in Andacht vor Ihrer Schönheit. Aber wenn es Ihnen aus irgendeinem Grunde nicht passt, ich habe kaum fünf Minuten weit von unserem Hotel eine Lichtung im Walde entdeckt. Das Sternenlicht wird sie herrlich kleiden."

Else ist empört: "Der Schuft will mich nackt sehen", denkt sie. "Das möchte mancher, klingender Schuft, ich bin schön, wenn ich nackt bin. Nie und nimmer. Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, Papa, du musst dich umbringen." Ja, wenn es wenigstens der schöne Filou wäre, der im selben Kurhotel wohnt wie sie: "Vor dir würde ich mich mit Wonne ausziehen. Aber ich verkaufe mich nicht. Ich schenke mich her." Aber dann überlegt sie weiter. Natürlich wusste ihr Vater, dass Herr von Dorsday dafür eine Gegenleistung will. Und natürlich wird er sich nicht verhaften lassen, er wird sich wirklich umbringen, und sie ist dann Schuld gewesen. Hin und her überlegt sie, was sie tun soll. Ihren Vater und ihre Familie retten? Oder ihre Würde und ihre Autonomie? Dann kommt noch ein Telegramm von zu Hause: Fünfzig-, nicht dreißigtausend werden gebraucht. Und sofort denkt sie, dass Herr von Dorsday sagt: "Für fünfzig müsste ich entsprechend mehr fordern, Fräulein."

"Fräulein Else" von Arthur Schnitzler ist eine Novelle, die bei ihrem Erscheinen 1924 einiges Aufsehen erregt hat, stilistisch und inhaltlich. In einer Vermischung von innerem Monolog und äußerer Beschreibung erzählt Schnitzler ganz aus Elses Sicht ihre Verwirrung und ihre Entschlüsse, ihr Zweifeln und ihre Verzweiflung. In Andeutungen zeigt er ihre Todessehnsucht und ihre Depression, aber auch ihre Koketterie und ihren Hochmut: Immer wieder macht sie sich über die anderen Hotelgäste lustig, wertet sie ab, stellt sich über sie. Gleichzeitig flirtet sie mit Männern, unter anderem mit dem italienischen "Filou", dem sie begegnet, dem sie Blicke zuwirft, von dem sie träumt. Und einmal steht sie gar vor dem Fenster und streichelt sich, während auf dem See vor dem Hotel zwei Männer in einem Boot sitzen und sie genau beobachten - und sie tut so, als wenn sie es nicht bemerken würde: "Luder will ich sein, nicht Dirne", sagt sie einmal, sexuell selbstbestimmt. Und sie träumt vom Veronal, das sie gewohnheitsmäßig benutzt, sehnt sich nach einem tiefen Schlaf, der sie aus ihrem Dilemma, ja aus ihrem ganzen elenden Leben erlöst, das sie in Abhängigkeit von ihrer Familie führen muss.

Manuele Fior hat in seiner graphic novel eine gelungene Literaturadaption geschaffen, indem er den inneren Monolog mit der äußeren Handlung verschränkt, sodass sie gleichzeitig ablaufen. Und auch die inneren Monologe, statt sie als Gedankenspiel zu lassen, werden in äußere Handlung übersetzt: Da sehen wir Else auf dem Bett liegen, und Herr von Dorsday liegt ihr zu Füßen, streift dann ihren Rock hoch. Wir sehen nach ihrem imaginierten Tod die Trauerfeier für sie, die erschütterten Trauernden, und auch hier, neben ihren Eltern, Herrn von Dorsday, der sagt: "Ich habe ihr ja auch die erste Schande erweisen. Oh, es war der Mühe wert. Ich habe noch nie so einen schönen Körper gesehen."

Mit einem leichten Gestus stellt Fior seine Personen vor, die blonde Else, ihren lippenbärtigen Cousin Paul, der mit ihr flirtet und zudem eine halb offene Affäre mit der verheirateten Cissy hat, den gewichtigen Herrn von Dorsday mit seinem Monokel, das manchmal funkelt wie ein Scheinwerfer. Lässt uns die Atmosphäre in diesem Hotel mitempfinden, den mondänen Charme. Spielt mit dem Zoom, mit dem er ganz nah an die Personen heranfährt, mit dem harten Schnitt, mit dem er den prüfend-scharfen Blick von Dorsday mit Elses leicht versteinertem Starren und dem besorgt-nahen Annähern von Paul eng zusammenschneidet. Mal sind die Personen klar und einfach gezeichnet, dann beginnen sie sich aufzulösen, sich zu fratzenhaften Masken zu verzerren, werden zu bedrohlichen und beängstigenden Alptraumfiguren und Monstren.

Fräulein Else, avant-verlag 2017

Auch die Farben, in denen Fior seine panels illuminiert, sind erhellend: vom warmen, pastellhellen Gelb des Kurhotels und in ihren Träumen von einer Heirat nach Italien und den düstergelben Farben in Elses Zimmer bis zu ihren todessehnsüchtigen Träumen in einem Grabesschwarz, in dem Else dann sich auflöst und verschwindet - stets passt die Farbgebung zu Elses Gemütszustand und illustriert ihn genau.

Dadurch wird die Novelle, die in Schnitzlers genauer und kraftvoll bildhafter Sprache schon ein Genuss ist, noch dynamischer, ihr Fluss trägt den Leser bis an das ambivalente Ende, bei dem man nicht weiß, ob Else wirklich stirbt, durch zu viel Veronal, oder ob es nur ein Fiebertraum ist, in dem sie phantasiert. Meisterhaft überträgt Fior die psychologischen Spannung in Else in eine gelungene Text-Bild-Farb-Collage.

Mit leichten Anklängen an die Kunst des fin de siècle ist die graphic novel auch eine Hommage an die Zeit und an die Kunst Schnitzlers, der mit "Leutnant Gustl" und "Fräulein Else" nicht nur die psychoanalytischen Erkenntnisse von Sigmund Freud aufgriff, sondern auch literarisch den inneren Monolog ins Bewusstsein der deutschen Leser rückte, der von Virginia Woolf und James Joyce längst zum Stilmittel der Moderne gemacht worden war.

Fräulein Else, avant-verlag 2017

Manuele Fior
Fräulein Else
Nach der Novelle von Arthur Schnitzler
Zeichnung: Manuele Fior; Übersetzung aus dem Französischen von Maximilian Lenz.
avant-verlag
2017 · 96 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-945034-43-9

Fixpoetry 2017
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