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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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Kritik

RAUS!

Zu Mara Genschel gibt es jetzt Material – das man lieber links liegen lassen sollte. Um stattdessen mit ihren Lyrikproduktionsverfahren die Stadt als Referenzfläche zu erobern
Hamburg

Der Band „Mara Genschel Material“ wird eröffnet von einem Vorwort des Herausgebers und Verlegers des Bandes Bertram Reinecke, überschrieben „Den Literaturbetrieb schwänzen“.

Vielleicht sollte man damit beginnen, was dieser Titel aufruft. Erst einmal stellt sich natürlich die Assoziation „Schule schwänzen“ ein, ganz einfach, weil das Verb „schwänzen“ eigentlich nur in Bezug auf Schule und Schulähnliches – Uni-Vorlesungen, Sprachkurse – Verwendung findet. Diese Verbindung ist sogar so eng, dass man das, was da geschwänzt wird, auch weglassen könnte, das Objekt stellt sich von selbst ein. Sagt jemand, der nicht älter als 16 ist, ich habe heute geschwänzt, braucht die Frage, was? nicht zu folgen. Die Schule, was sonst!

Da entzieht sich jemand einer Zwangsveranstaltung und macht sich stattdessen einen schönen Tag. Bei Truffaut, in „Sie küssten und sie schlugen ihn“, kann man sehen, wie herrlich sich solche schulfernen Stunden verbringen lassen, mit Herumschlendern, mit einem Kinobesuch, mit dem Stöbern in einem Plattenladen, mit Träumen, mit dem Beobachten der Erwachsenen, die geschäftig sind, arbeiten, einkaufen, ihre eigenen kleinen Geheimnisse haben. Erst gegen Abend oder zu der Zeit, zu der man zu Hause zu sein hat, trübt sich die Stimmung. Jetzt heißt es, sich nichts anmerken lassen, eine Ausrede erfinden, um etwas für die Eltern und am nächsten Tag für die Lehrer parat zu haben. Und schon mischt sich Angst vor Entdeckung und Bestrafung in die letzten köstlichen Augenblicke der Freiheit.

Bei einem Kind, einem Heranwachsenden, die sich nicht selbst gehören, beständig in Abhängigkeiten zu Bezugspersonen leben, die sie nicht selbst gewählt haben und denen sie nicht entgehen können, ist das Schwänzen ein subversiver Akt, der das Erziehungssystem herausfordert. Da setzt einer seinen subjektiven Freiheits- als Verweigerungssinn gegen die Zwangsbeglückung durch Algebra, Latein und Länderkunde, gegen die Banknachbarn und Pausenhofkameraden, die brav der allgemeinen Pflicht folgen. Und natürlich wird solches Verhalten öffentlich bestraft von den Autoritäten, heimlich bewundert von den feigen Mitzöglingen. Was aber, wenn einer einer Sache fernbleibt, zu der ihn keine Pflicht ruft und kein Zwang abkommandiert? Das hieße, die Ferien schwänzen, den Sonntag, die leeren Nachmittagsstunden, die Freiheit, das zu tun, was einem gefällt. Und sei es: nichts zu tun.

So ähnlich verhält es sich mit dem Literaturbetrieb. Er ist keine Armee, zu der die Schreibenden einberufen werden. Auflagenhöhe, Renommee des Verlags, Vorschüsse und Honorare erlauben ein mehr oder weniger angenehmes, angesehenes Autorenleben, aber sie sind nicht Voraussetzung oder Bedingung einer Schriftstellerexistenz. Im digitalen Zeitalter steht es jedem frei, seine Texte selbst zu publizieren, wenn nicht in gedruckter Form, dann in Blogs oder als E-Paper.

Dass die Reichweite nur in Ausnahmefällen dieselbe sein wird wie als Autor in einem großen Publikumsverlag, klar, aber dafür behält man die Kontrolle über die Inhalte und sämtliche Produktionsschritte, und es verdient niemand mit. Warum soll in der Literatur nicht gehen, was die Musikbranche vorgemacht hat und was sich derzeit in vielen anderen Bereichen durch dezentralisierte Herstellungsprozesse sowie Aneignung der Produktions-, Vermarktungs- und Vertriebsmittel etabliert? Autoren können nicht nur ihre eigenen Produzenten sein, sondern auch Lektorat, Ausstattung, Pressearbeit und Vertrieb übernehmen. Gegenseitig oder komplett in Eigenregie. In Ansätzen ist die Entwicklung zur Autobuchproduktion bereits erkennbar – und über Crowdfunding und andere Geldsammelmöglichkeiten mittels der sozialen Netzwerke ließen sich auch teurere Vorhaben finanzieren, so wie das früher über Mäzene und Subskribenten gelang.

Aber Schriftsteller sind konservativ. Ihr Fetisch ist das Buch, und sie halten daran fest. Nur das gedruckte Textwerk ist in ihren Augen in der Lage, ihr Tun, das Schreiben, zu legitimieren und den anstrengenden Entstehungsprozess zu belohnen.

Warum eigentlich? Wäre es für einen Lyriker nicht vielversprechend, seine Texte auf Mauern, Brandwände, Brückenpfeiler zu sprühen, auf T-Shirts zu drucken? Warum erobern Autoren nicht den öffentlichen Raum außerhalb von Literaturhäusern, Literaturtagen, Festivals, statt sich bloß immer untereinander zu belobhudeln und zu langweilen? Viele Schriftsteller interessieren sich nur mäßig für die Arbeit ihrer Zeitgenossen, vor allem für die erfolgloseren; wenn einer berühmter, beliebter, anerkannter ist als man selbst, studiert man, was dessen Masche ist und ob sich davon nicht etwas abschauen lässt. Die Leser, die wirklichen Leser sind nicht im von Eigennutzinteressen geleiteten System zu finden, sie sind draußen, in der Welt.

Wer dem Literaturbetrieb den Rücken zuwendet, keine Lyrikbände mehr publiziert, sondern stattdessen „Referenzflächen“ in handgefertigten Kleinstauflagen produziert, eigenhändig eingetütet und verschickt, wer dem Markt eine Art Anti-Kulturbetriebs-Samisdat entgegensetzt, wie die Lyrikerin Mara Genschel es tut, hat kein Produktions-, sondern vor allem ein Vermittlungs- und Vertriebsproblem. Die freiwillig gewählte Marginalisierung durch Auflagenhöhen von 50 Exemplaren mag in der Lyrik, die ohnehin nur eine geringe Reichweite hat, die Rezeption weniger behindern oder erschweren als im Prosa- und Sachbuchbereich, Exklusivität hat ja auch immer den Vorzug, das Rare kostbarer erscheinen zu lassen. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Weg, den Mara Genschel eingeschlagen hat, ihrer Kunst zu der Aufmerksamkeit verhilft, die sie sich wünscht. Die „Referenzflächen“ sind Hefte, in denen sich Kommunikations(verweigerungs)strategien kreuzen, Bezüge zu anderen Autoren und ihrem Werk, zwischen verschiedenen Gattungen, Kunstsparten (insbesondere bildende Kunst und Musik), zur Politik und den Bedingungen künstlerischer Produktion hergestellt werden, und zwar so, dass sie in einem, vornehmlich unter ästhetischen Gesichtspunkten arrangierten, Gebilde sinnlich erfahrbar werden.

Mara Genschel korrigiert, überschreibt, überklebt sparsam gesetzten, gedruckten Text, so dass jedes der Hefte zu einem Unikat wird und zu einem Objekt, das einen Zustand zwischen fertigem, abgeschlossenem Produkt und Manuskript oder Skizze einnimmt. Das Sichtbarlassen, Ausstellen des Fertigungsprozesses führt dazu, dass die Lektüre springt, auf der Seite, zwischen den Seiten, dass sie oft in ein bloßes Betrachten der Doppelseite mündet, bei dem das künstlerische Verfahren den Inhalt dominiert und zur Postproduktion durch den Rezipienten verführt. Man möchte die Klebestreifen abrupfen und schauen, was darunter ist – dann wieder die Spannung halten, denn so, unabgezupft, könnte darunter alles sein: die schöne Potenzialität des unausgepackten Geschenks ruht darin. Oder man möchte eigene Eintragungen, Übermalungen, Überklebungen vornehmen, möglicherweise so lange, bis das Weiß der Seite komplett geschwärzt ist. Ausgelebter Zensortraum oder Verliebtsein in die Umkehrung – auf dem schwarzen Blatt leuchtet die Schrift auf, Grellweiß.

Was ich mich beim Lesen, Blättern, Schauen gefragt habe, ob sich dieses künstlerische Verfahren der „Referenzflächen“ nicht aus den Heften heraus, von den Heften weg in ein anderes Medium übertragen ließe? Auf einen ebenso haptisch, visuell, wenn vorgetragen, auch akustisch erfahrbaren materiellen Träger, der aber nicht mehr ein Buch, sondern vielleicht eine S-Bahn-Brücke oder ein weithin sichtbares Hausdach ist. Lyrik on the streets – das wäre die Referenzfläche, zu der man Mara Genschel verführen möchte. Sie erforderte mehr Mut – und Akrobatik, schließlich muss man die Wände erst mal hinauf und das, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Aber welche Möglichkeiten böten sich da! Die Verwirr- und Verweisspiele schreien geradezu nach Graffiti, Moos- und Magnetfarbe, Applikationen aus Teppichresten, Übermalungen, Verklebungen von vorgefundenem Text, nach versteckten Lautsprechern, Wollfäden, die sich um Treppengeländer und Schornsteine winden, nirgendwo anders hinführen als ins Abgelegene. Genschel bewegt sich mit ihrer Lyrik, in den Heften und beim Vortrag, ohnehin nahe an den Rändern der Literatur, überschreitet sie hin zur bildenden Kunst, zu Performance und Musik.

Dabei reibt sich Mara Genschel oft an betriebsimmanenten Strukturen, und gerät ihre Kritik erwartbar und wenig souverän. Das Unterlaufen der Erwartungshaltung auf vorgetragenen Text bei Lesungen, indem man ins Publikum starrt, erscheint mir gegen die Möglichkeiten, urbanen Raum als Referenzflächen zu erobern, trivial. Wenn man schlechte Laune hat, bleibt man besser in seinem Zimmer. Wenn man an Ablauf, Geldgebern, Strukturen etwas zu kritisieren hat, sollte man den Mut haben, das den Verantwortlichen gegenüber sachlich zu äußern. Nicht aber sein Publikum in Haftung nehmen oder verachten. Handkes „Publikumsbeschimpfung“ war und ist mehr als Provokation, nämlich immer noch ein mitreißender, komischer, bissiger Text, den man erst mal schreiben und inszenieren muss. Stattdessen den Vorhang hochgehen und die Bühne leer zu lassen – ist das nicht ein bisschen banal, und zeugt es nicht von Einfallslosigkeit und, ja, auch Faulheit? Es ist sehr viel schwieriger, an einem vermeintlich unpassenden Ort ein unpassendes Publikum dennoch für seine Arbeit zu begeistern, als Ort und Zuhörer als falsch und ungebildet zu diffamieren und ihnen allein die Verantwortung fürs Gelingen aufzubürden. Das Publikum zum Hören, Zuhören zu verführen heißt nicht, es auf billige (schwierige, hermetische) Art (nicht zu) unterhalten – es bedeutet und verlangt, neben dem intellektuellen Gehalt, Sinnlichkeit zu verströmen.

Zu dem Materialien-Band ist leider weiter nicht viel zu sagen, als dass er ziemlich überflüssig ist und sehr schludrig gearbeitet – das Vorwort des Herausgebers steckt voller Ressentiments, ist weder die gewünschte Einführung in die Arbeit von Mara Genschel noch in die vorliegende Publikation, sondern ein großer Katzenjammer über die eigene Bedeutungslosigkeit. Der Essay von Ann Cotten gibt ganz schön ihre Genschel-Lektüre- und Seherlebnisse wieder. Der Aufsatz von Michael Gratz zieht Verbindungen zwischen Musik und Lyrik, zwischen Nietzsche und Genschel, zu Anfang etwas trocken, dann mit mehr Frische, aber er führt gleichzeitig einen Rechtfertigungskrieg gegen einen anonym bleibenden FAZ-Redakteur, und da scheint dann wieder mehr die eigene Gekränktheit durch, als dass der Leser etwas davon hätte. Meinolf Reul gibt ein paar aufschlussreiche Hinweise zu den Referenzen von Genschels „Referenzflächen“. Das abschließende lange Gespräch zwischen Luise Boege, Martin Schüttler und Genschel ist vor allem: viel zu lang – das Interessante geht in der Masse unausgeführter, angedeuteter, abgebrochener Gedanken, unwichtiger Einwürfe und einfach Stehengebliebenem unter. Sollte der Herausgeber sich wundern, warum das Buch nicht die erwartete Aufmerksamkeit erfährt, stelle er sich die Frage, für wen der Band gemacht wurde: Für ihn – oder für Leser, die für Mara Genschel gewonnen werden sollen? Und mache sich dann bitte mit mehr Achtung vor Letzteren an eine gründliche Überarbeitung.

Anm.der Redaktion: Mit Texten von Luise Boege, Ann Cotten, Mara Genschel, Michael Gratz, Meinolf Reul, Bertram Reinecke, Martin Schüttler sowie bisher unveröffentlichten Arbeitsproben von Mara Genschel.

Mara Genschel · Bertram Reinecke (Hg.)
Material
Band mit Auseinandersetzungen mit dem Werk der Dichterin von Luise Boege, Ann Cotten, Michael Gratz, Martin Schüttler und Meinolf Reul.
Reinecke & Voß
100 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-942901-14-7

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