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Kiepenheuer & Witsch,  Tijan Sila,  Tierchen unlimited
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Kritik

Das Gedicht selbst ist ein Ozean

und Schreiben heißt: Übersetzen
Hamburg

Liest man Sie nannten es Sprache von Marcel Beyer in einem Zug oder auf einen Satz durch, so lässt es einen etwas atemlos mit Seitenstechen zurück, nach dem schnellen Auf und Ab und den weiten Distanzen, die im Laufschritt mit Stapeln von Büchern im Arm durchlaufen worden sind. Und mit dem Brummschädel eines Katers nach zu vielen starken Literaturshots auf nüchternen Magen. Denn eigentlich sollte man dieses Buch in langsamen kleinen Schlucken genießen und möglichst vielen der unzähligen Leseanregungen auf eigene Faust nachgehen.

Das Besondere an Marcel Beyers Essays ist nicht das ebenso breite wie tiefgehende Wissen, das darin vermittelt wird und auch nicht so sehr die Verbindung von einer vergleichenden Leseweise mit biographischen Zusatzinformationen, sondern ganz schlicht und einfach die ansteckende Begeisterung an Literatur und Sprache, der man sich nicht entziehen kann. Am größten ist die im Band ausgedrückte Begeisterung wohl an dem Punkt, als Marcel Beyer seine eigene Sprachlosigkeit, ausgelöst von einigen Gedichten Friederike Mayröckers, bekennt:

Denn manche Gedichte im SCARDANELLI erschüttern mich in einem Maße, enthalten, um im Bild zu bleiben, derart hochkonzentriertes Pflanzengift, daß ich mich außerstande sehe, etwas zu ihnen zu sagen.

Sie nannten es Sprache versammelt Vorträge von Marcel Beyer, Lesungseinführungen für Friederike Mayröcker, seine Dankrede bei der Verleihung des Oskar Pastior Preises, eine Laudatio auf Elke Erb sowie auf Derek Walcott und Werner von Koppenfels. Besprochen werden, neben den bereits angeführten: Jürgen Becker, Ezra Pound, Gottfried Benn, Bob Dylan, Paul Celan, Ossip Mandelstam, Thomas Kling, Mark Twain und noch viele weitere Autoren und Texte werden in Form von Zitaten herangezogen. Die Beiträge sind sehr konzentriert, komprimieren also jeweils viele Gedankengänge und Beobachtungen auf wenig Raum. Allein durch die Vielzahl an behandelten Autoren und Autorinnen ist es ein sehr umfangreicher Band. Aber nicht nur die Texte, über die gesprochen wird, sind sehr unterschiedlich, auch die Art und Weise wie Marcel Beyer darüber schreibt unterscheidet sich von Mal zu Mal. Hinzu kommt, dass die Spanne, aus der die verschiedenen Beiträge stammen, 16 Jahre umfasst. Dieser große Zeitabschnitt lässt sich gut anhand der drei Beiträge zu Friederike Mayröcker abschreiten. Die drei Essays aus den Jahren 1999, 2009 und 2015, die hier aneinander gereiht werden, sind völlig verschieden. Das erklärt sich dadurch, dass sowohl Friederike Mayröcker, als auch Marcel Beyer während dieser 16 Jahre unablässig weiter und fort geschrieben haben, wodurch sich auch ihr Schreiben ständig weiter verändert hat.

Damit stellt Sie nannten es Sprache sowohl thematisch, als auch zeitlich einen beeindruckenden Querschnitt dar. Sie nannten es Sprache bietet die Möglichkeit nachzuvollziehen, wie der Autor Marcel Beyer Gedichte und Texte anderer Autoren und Autorinnen liest. Und Marcel Beyer gibt damit nebenbei auch sehr viel über sein eigenes Schreiben preis. Man kann seine Aufsätze als Schlüssel oder Werkzeug verwenden, als mögliche Herangehensweise wie sich seine eigenen Gedichte und Texte lesen lassen. Auch verrät Marcel Beyer damit viele eigene Interessen, Vorlieben und Autoren, mit deren Werk er sich intensiv und lange beschäftigt hat und die er zumeist auch persönlich kennt oder kannte. Dass die Werke Friederike Mayröckers und Thomas Klings bis heute wichtig für ihn wie für sein Schreiben sind, ist natürlich weitläufig bekannt, bei ihnen überrascht eher die Tiefe, Vielschichtigkeit und Ergiebigkeit der Neu- und Wiederlektüre.

Als Schreibender ist man nicht alleine, denn „ich“ und „ich“ sind zu mindestens schon einmal zwei. In Bezug auf Jürgen Becker wird diesbezüglich eine spannende Frage in den Raum gestellt:

Die Frage, welche Möglichkeiten sich eröffnen, wenn zwischen mir und „ich“ ein Raum entsteht, wenn es beim Schreiben ein Gegenüber gibt.

Nicht zufällig stellt Marcel Beyer sein Nachdenken über „ich“ und „Ich“ im Werk von Jürgen Becker an den Anfang von Sie nannten es Sprache, ist diese Dopplung doch erst der Anfang. Denn mitten im Band zitiert Marcel Beyer ein Lied von The Ink Spots, mit dem Titel: „We Three (My Echo, My Shadow, and Me)“ Damit wären wir inzwischen schon zu dritt, wobei The Ink Spots ein Gesangsquartett waren, also vierstimmig. Marcel Beyer zählt also im Sinne von: „eins, zwei, viele“ ganz richtig und geht der Mehrstimmigkeit des Stückes nach. Eine Mehrstimmigkeit, die einerseits in der unterschiedlichen Stimmfärbung liegt, dem „Nebeneinander von klarer und rauchiger Stimme“, sowie in der verschiedenen Sprechweise, die von gehoben zu „die Grenze zur Straßensprache berührender Artikulation“ wechselt.

Wie viele Marcel Beyers einem in Sie nannten es Sprache begegnen können, das möchte ich gar nicht nachzählen, sind es doch unbestreitbar sehr viele. Ebenso zähle ich auch die ink spots, Tintenkleckse am Cover nicht nach, obwohl das vergleichsweise einfach wäre. Im Hallraum meines Ichs, das auch viele sind, schwingt beim Anblick der über das Cover verteilten Punkte sogleich John Cage mit, mit seiner Kompositionsmethode, welche Flecken im Papier als Ausgangspunkt nimmt: „[…] the interpretation of imperfections in the paper upon which one is writing […]” (John Cage, Silence)

Aber da wir das Buch nun schon einmal kurz zugeschlagen haben, bleiben wir gleich beim Cover, das nicht nur ausgesprochen schön und in sich stimmig ist, sondern zugleich auch unmissverständlich den Verlag verrät: die BRUETERICH PRESS. Über die typographische Umsetzung des Titels auf dem Cover lässt sich auch nachdenken, ist diese doch so gelungen, dass eine zweifache Leseweise möglich wird und man sich plötzlich wieder in einem Hallraum voller Echos wiederfindet, lässt sich statt „Sie nannten es Sprache“ doch zugleich auch: „Nannten sie es Sprache“ lesen, womit der Satz sich selbst infrage stellt und einen bodenlosen Schacht an Möglichkeiten aufreißt.

Großes Interesse bringt Marcel Beyer den historischen und gesellschaftlichen Kontexten der Gedichte entgegen.  Sowohl Übersetzungen, als auch Vergleiche wendet Marcel Beyer wiederholt an um die Gedichte damit tiefergehend erschließen zu  können. Übersetzung erkennt er als Mittel zur Erkenntnis, als Werkzeug. In Bezug auf Werner von Koppenfels Übersetzung von Derek Walcott schreibt Marcel Beyer:

Übersetzen – das heißt, ehe man überhaupt zu Stift und Papier greift, zunächst einmal: sich selbst zum Hallraum werden lassen.

Was ebenso für den Rezensenten, den Literaturkritiker, Literaturvermittler gilt, als der Marcel Beyer in Sie nannten es Sprache auftritt: auch er versucht zunächst einmal zum Hallraum für die Gedichte, über die er sprechen möchte, zu werden. Im „Hallraum-Marcel-Beyer“ hallt vieles nach und so kommt es leicht zu Überlagerungen, zu einem spannenden Parallellesen von Neulektüre und Erinnerungsechos, woran Marcel Beyer uns durch seine Erläuterungen teilhaben lässt:

[…] Eine Strophe aus Ossip Mandelstams „Der Hufeisen-Finder“, diesem „Pindarischen Fragment“ von 1923, in der Übertragung von Paul Celan. Sie hat mich begleitet, während ich mich einlas in AURORA.

„Sie hat mich begleitet, während ich mich einlas“ – an diesem Punkt des Buches, liegt mit Seite 149 der Punkt des Einlesens in Marcel Beyer schon weit hinter uns und so geschult stolpert man leicht über das unscheinbare „einlas in“, hört dabei ein „einlass auf“ mit, ist doch das Einlesen, wie es uns Marcel Beyer vorzeigt, immer auch ein hochgradiges Einlassen auf Worte, Sprache, Literatur im Allgemeinen und in all ihrer Bodenlosigkeit. Die Kunst des sich-Einlassens auf Literatur führt uns Marcel an jedem einzelnen Autor, Gedicht und Wort, das er sich herausgreift, vor. Und es geht auch auf eben dieses Einlassen zurück, dass die einzelnen Beiträge so unterschiedlich sind, weil sie zunächst einmal zum Hallraum für die Gedichte werden, worin diese langsam wiederholt werden und nachklingen können und wodurch sich zugleich ihre jeweiligen Eigenheiten deutlicher als solche zu erkennen geben.

Marcel Beyer liest Gedichte nebeneinander und schiebt sie gleichsam ineinander, um Querverbindungen und Bezüge augenscheinlich zu machen, sei das nun zwischen Mayröckers Scardanelli und Gedichten von Hölderlin, einem Gedicht Elke Erbs und der ehemaligen Hymne der DDR, oder Paul Celan und Thomas Kling. Letzterer Vergleich führt zu einem richtiggehenden Erschrecken, da die Parallelen allzu groß sind:

Um so erschreckender die Verwandtschaften, als Thomas Kling meines Wissens in dieser Arbeitsphase nicht im Zwiegespräch mit jenen Gedichten Paul Celans stand.

Celan fügte sich selbst bei einem Selbstmordversuch einen Lungenstich zu, Thomas Kling war schwer lungenkrank, Marcel Beyer geht aber nicht allein biographischen Parallelen nach, sondern vor allem der Frage, wie sie damit in ihrem Schreiben umgehen, denn:

Dichten, das heißt: den Atem lenken. Dichten ist Lungenarbeit.

Marcel Beyers Blick auf Gedichte ist unglaublich genau, er blickt so lange auf eine Seite, bis auch das zu sehen ist, was gar nicht da steht: Bei Ezra Pound folgt er zwei Versen, die von ihm in der Selbstübersetzung kurzerhand unterschlagen wurden und auch bei Celan stolpert er über die Lücke eines fehlenden Verses:

Ich verglich die Einzelausgabe mit den Gesammelten Werken – nichts. Daß ich den Vers nicht halluziniert hatte, ging mir auf, als ich das Faksimile der Handschrift zurate zog, da stand „dein Typhus, Tanja“, so, wie ich mich erinnerte.

Und bei Thomas Kling begegnen wir sogar einem nicht-geschriebenen-Gemälde-Gedicht. Auch verworfene Gedichtentwürfe und Worte, die dann schlussendlich im Gedicht keinen Platz gefunden haben, werden in den Gedichtanalysen von Marcel Beyer berücksichtigt.

So genau Marcel Beyer die Gedichte und Worte liest, so offen ist er gegenüber dem möglichen Umfeld der Gedichte. Er lässt sich gerne von einzelnen Worten, möglichen Schreibfehlern und Vermutungen fortleiten hinein in die Welt um nach einem kurzen Spaziergang mit freiem Kopf wieder zu demselben Wort zurück zu kehren, das aber inzwischen gar nicht mehr das selbe geblieben ist, sondern das gleiche geworden ist, da es sich gleichsam mit dem Blick des Betrachters gewandelt hat.

Dichtung, die diesen Namen verdient, bringt Welten zusammen, und Dichtung, die diesen Namen verdient, weist uns immer auch verborgene Pfade über das einzelne Gedicht hinaus – in die Welt.

Marcel Beyer lenkt den Fokus auf ein einzelnes kleines Detail um darin gespiegelt die ganze Welt sehen zu können:

Ich bin überzeugt, mit der Träne in Friederike Mayröckers Kunst verhält es sich ganz ähnlich: Kaum hat die Träne das Auge verlassen, spiegelt sich in ihr dieses Auge selbst, und mit ihm spiegeln sich das Gesicht des Schreibenden, die den Stift haltende Hand oder die Hände auf der Tastatur, das Blatt Papier, die Schrift, der den Schreibplatz umgebende Raum und das Fenster, durch das Licht hereinfällt – kurz: das gesamte Atelier einschließlich des in die Arbeit versunkenen, weinenden, schreibenden „ich“.

Der Blick auf einzelne kleine Details ist auch insofern sinnvoll und hilfreich, da sehr viele Autoren, Werke und Gedichte besprochen werden und die Kenntnislage im Vorfeld bei den Lesern vermutlich jeweils ungleichmäßig gegeben sein wird. Mit dem Herausgreifen einzelner Gedichte, Verse oder auch nur Worte kann Marcel Beyer für alle nachvollziehbar unglaublich in die Tiefe gehen und muss sich nicht bei langen oberflächlichen Inhaltsangaben und Erklärungen aufhalten. Spannend ist auch die Tatsache, dass ich als Leserin durch die behandelte Vielfalt auch stark auf mich selbst als Lesende aufmerksam gemacht werde. Denn ich lese die Essays von Marcel Beyer völlig unterschiedlich, je nachdem ob ich gerade erstmals einem Autor näher begegne, oder mit dem besprochenen Werk schon wohl vertraut bin. Kennt man das gerade besprochene Werk im Vorfeld schon gut, folgt man der Argumentation inhaltlich, gleicht sie mit eigenen Leseerfahrungen ab. Ist einem das Werk aber noch kaum oder wenig bekannt, tritt die Schreib- und Argumentationsweise von Marcel Beyer selbst stärker in den Wahrnehmungsbereich. Denn es handelt sich dabei um literarisch ausgefeilte Essays, jeder unterscheidet sich in seiner Struktur. Dabei sticht besonders der zweite Beitrag zu Friederike Mayröcker hervor, da in ihm jeder Absatz mit dem gleichen Satz beginnt: „Wenn ich im SCARDANELLI lese:“. Nur Unterabsätze weichen gelegentlich davon ab, sind dabei aber auch hoch rhythmisiert, leben ganz von der Wiederholung:

Und lese ich
Und ich erinnere mich daran, daß / Und ich erinnere mich an
Lese ich, in Versalien: / Lese ich daraufhin / Und ich lese
Und ich erinnere mich, daß / Und erinnere mich weiter, daß
Und ich erinnere mich daran, daß
Und ich erinnere mich wieder dreier Zeilen
Und ich denke wieder an die Verse: / Und ich erfahre, daß
Und mir wird wieder bewußt, daß
Und lese ich in
Und ich erinnere mich daran, daß / Und ich begreife
Und wenn die Nachtigall / Und mir kommt in Erinnerung, daß

Bei dieser Nebeneinanderstellung aller von „Wenn ich in SCARDANELLI“ abweichenden Absatzbeginne, fällt etwas sogleich auf und ins Auge: die unerhörte Sonderstellung, die der Nachtigall zuteil wird, nämlich der „Nachtigall, die ungehörte, ungesehene“, als dem Dichtervogel.

Den drei Aufsätzen zu Friederike Mayröcker geht ein dreimaliges Wiederlesen ihrer Werke voraus, ein Wiederlesen jeweils unter völlig anderen Gesichtspunkten, in „Logos und Lacrima“ wird dieses Wiederlesen in Hinblick auf einen ganz speziellen Aspekt angesprochen:

Lese ich Friederike Mayröckers Werke seit die kommunizierenden Gefäsze, der ersten größeren Prosaarbeit nach dem Requiem für Ernst Jandl, noch einmal mit meinem nun für das Weinen wie für die Tränen sensibilisiertem Blick, [...]

Darin liegt eine Einladung  und Aufforderung an uns, dasselbe selbst zu versuchen, sei es nun eine ergänzende Spurensuche zu den von Marcel Beyer herausgegriffenen Details, oder eine neue und ganz eigene, die einem beliebigen Detail nach eigener Wahl folgt. Dieses Einladen entspricht auch der Kunstautonomie, wie er sie bei Elke Erb beschreibt:

Das Moment der Autonomie läßt sich vielleicht so fassen: Kunst hat nicht die Pflicht, irgendwem zu irgendwas zu dienen. Kunst lädt ein.

Auf seinen Spurensuchen greift Marcel Beyer gerne zu Faksimile-Ausgaben oder begibt sich ins Archiv:

Um auf die Spur von „Böcklemünd“ zu kommen, erweist sich ein Arbeitsheft als hilfreich, von den Nachlaßbearbeitern mit der Sigle „I, 17“ versehen, das Paul Celan im September 1966 wohl auf eine Reise von Paris ins Rheinland mitgenommen hat.

Als überaus genauer Beobachter erzählt Marcel Beyer uns nebenbei viele Details. Vielen davon geht er mit erstaunlicher Ausdauer nach, doch nicht allen. Und so kann es leicht passieren, dass man darüber nachzudenken beginnt, ob es reiner Zufall ist, oder doch etwas zu bedeuten hat, dass Thomas Kling ausgerechnet an einem Montag mit seinen Einträgen ins Notizheft begonnen hat:

Am selben Montag, dem 13. November 1995, beginnt Thomas Kling mit Einträgen in sein Notizbuch „AUGN ZEUGN.NYC, MANHATTAN“, ein Notizbuch übrigens nicht aus dem Schreibwaren-, sondern aus dem Malerbedarf, wie es Schriftsteller verwenden, die mit Bildenden Künstlerinnen zusammenleben, handelt es sich doch eigentlich um ein Skizzenbuch, aus unliniertem, festem Papier mit rauher Oberfläche: Graphitstiftgrund.

„Graphitstiftgrund“? Ja, richtig gehört. Und damit könnte dieses Wort möglicherweise ein versteckt offener Hinweis auf die Titelwahl seines eigenen Gedichtbandes Graphit sein.

Während all diesen Spurensuchen blicken wir dem Suchenden über die Schulter, ist auch er im Bildausschnitt zu sehen, während er uns erklärt, was wir gerade vor uns sehen. Einem Suchenden, der sich permanent selbst hinterfragt, doch nur um daraufhin umso selbstbewusster „ich“ zu sagen:

Ich, der Verfasser, bin gelegentlich nahe daran, fuchsteufelswild zu werden, wenn ich beim Schreiben merke, wie das Personalpronomen „ich“ nach und nach Figurenqualitäten annimmt, ohne daß dies meine Absicht wäre.

Marcel Beyer geht von sich aus, von seinem Standpunkt und rückt sich selbst auch immer wieder ins Bild, damit wir nicht vergessen, wer hier spricht, wessen Sichtweise uns nahegebracht wird:

Eines Tages – es muß 2008 oder Anfang 2009 gewesen sein, und ich war nicht ganz anwesend in meinem Kopf – erhalte ich einen Brief von Friederike Mayröcker, der aus einem einzigen Satz, einer einzigen Frage besteht: „„wollen Sie mit mir über Tränen sprechen?“ (Jacques Derrida)“.

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, um dem Gespräch über Tränen nicht nur aus der Ferne zuzuhören, sondern quasi selbst eine Träne einzuwerfen und ein Buch anzuführen, das für mich das Tränenbuch Friederike Mayröckers schlechthin ist: Die Sneke. Ein großartiges Buch, grandios illustriert von Angelika Kaufmann. Es beginnt folgendermaßen: „die Sneke hatte eine Freundin. die Freundin war 1 Träne. die Freundin hiesz Träne.“ Diese Träne fällt dann aus dem Auge der Sneke und wird von ihr wieder aufgehoben, woraufhin sie im Licht unbeschreiblich zu funkeln beginnt:

Aber worum geht es jetzt eigentlich in Sie nannten es Sprache / Nannten sie es Sprache? Eine durchaus berechtigte Frage an eine Rezensentin, Leserin, eine der Passagiere:

Fragte man am nächsten Morgen einen der Passagiere, was in der Nacht vorgefallen sei, bekäme man wohl nur „I disremember that“ zu hören.

„I disremember that“ Ja, diesen schönen Wortfund nehme ich ebenso wie viele weitere mit, neben zahlreichen Entdeckungen, neuen Blickwinkeln und Leseanregungen. Und um was es geht, um was es Marcel Beyer bei all dem immer geht? Um nicht mehr und nicht weniger als um die Sprache selbst.

Marcel Beyer
SIE NANNTEN ES SPRACHE
Brueterich Press
2016 · 192 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3945229071

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