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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

denn sie hatten Fernweh

Augenblick, natürlich Heimweh, oder was war das eigentlich?
Hamburg

Fernweh und Fremdsein sind die zwei Pole, zwischen denen die Protagonisten in „Die Grenze liegt am Horizont“ hin und hergerissen zu werden scheinen. Geboren in Buenos Aires lebte Marco Grosse bereits in Argentinien, Kanada, Italien, Ägypten und Deutschland. Diese Weltoffenheit wird auch in seinen Erzählungen spürbar. Schauplatz ist die Welt, manchmal eine Stadt wie Alexandria, dann wieder eine nicht genau verortete Wüstengegend oder ein namenloser Urwald.

Die 21 Erzählungen von Marco Grosse in „Die Grenze  liegt am Horizont“ sind sehr unterschiedlich, doch allen ist gemein, dass es um Menschen geht. Viele der Protagonisten werden mit existenzbedrohenden Fragen konfrontiert. Sie stehen an Wendepunkt im Leben und vor einer ungewissen Zukunft. Das Augenmerk wird auch auf die allerärmsten unserer Gesellschaft geworfen: auf einen Ziegenhirten, einen Teeverkäufer, oder einen Kanalisationsreiniger. Marco Grosse zeichnet immer wieder die Abgründe vollkommener Unmenschlichkeit nach.

Viele der Erzählungen erklären nichts, sondern beschreiben einfach nur. Durch Erklärungen würden sie auch viel von ihrer Schärfe verlieren. Marco Grosse sagt nicht zu viel. Und das ist etwas, das nur ganz wenigen Autoren gelingt. Erklärungen sind ein Sicherheitsnetz unter dem Seil. Da Marco Grosse es nicht benötigt, bleibt auch uns Lesern keine andere Wahl, als gelegentlich schwankend in die Tiefe hinabzublicken.

Einige der Erzählungen von Marco Grosse sind nur schwer verdaulich. Einerseits wegen der schockierenden Thematik:

Er antwortete, daß er nichts habe.
Die Männer glaubten ihm aber nicht, man hat immer
irgendwas, was man einsetzen könne, meinten sie.
Einer der Männer sah aus Angels Jackentasche die
Tüte hervorschauen und zog sie schnell heraus. Er
hielt sie über dem Tisch hoch. „Und was ist das?“ Die
Männer erstarrten, als sie die abgestorbenen Finger
durch die transparente Plastiktüte sahen.

Andererseits weil Marco Grosse einfach nur beschreibt und weder Erklärungen noch Rechtfertigungen liefert. Gerade diese Schwerverdaulichkeit macht die Qualität seiner Erzählungen aus. Eine Erzählung, die vielleicht im ersten Moment etwas Probleme bereiten kann, ist „die Leiden eines Unbekannten“. Sie ist sehr kurz und beschreibt die letzten Augenblicke voller Zweifel eines jungen Selbstmordattentäters, bevor er schließlich losgeht und seine Mission erfüllt. Der meiste Raum wird den inneren Kämpfen des jungen Mannes gegeben. Seine Motivationsgründe, die aussichtslose Lage in der er sich befindet und die Hoffnungslosigkeit seines Lebens werden alle im trostlosen Setting spürbar – einem verlassenen Autowrack, seinem einzigen Zufluchtsort. Mögliche Opfer des Attentats sind beinahe nebensächlich – werden nur greifbar in der Stimme eines Soldaten, der ihn zum Stehenbleiben auffordert. Dieses Ausblenden der Opfer kann im ersten Moment sehr irritierend sein. Bei näherer Betrachtung wird jedoch klar, dass eigentlich auch der Selbstmordattentäter selbst ein Opfer ist. Marco Grosse schafft es in so wenigen Sätzen ihn nicht als den gesichtslosen Bösewicht aus den Medien, sondern als einen von Zweifeln geplagten durchaus sympathischen Jugendlichen zu porträtieren. Damit hebelt Marco Grosse das übliche schwarz-weiß, gut-böse Denken aus und stimmt nachdenklich. Die Vorverurteilung, die ganz unbewusst vonstatten geht, wird hier entlarvt. Ein dezenter Hinweis ist schon der Titel „Die Leiden eines Unbekannten“ – ein höchstwahrscheinlich nicht zufälliger Anklang an Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.

Marco Grosse scheut politisch brisante und hochaktuelle Themen überhaupt nicht. Neben der bereits erwähnten Erzählung über einen Selbstmordattentäter handelt eine andere Erzählung von einem alten Juden und ehemalige KZ-Insassen, der unversehens in eine Versammlung Neonazis geraten ist und gedrängt wird als Deutscher einige Worte an die Runde zu richten.  Neben Politischem findet man aber auch Märchenhaftes und Erzählungen, die so leicht scheinen, dass sie kaum zu halten sind – wie das Glitzern der Sandkörner in der Sonne.

Die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen werden in vielen Erzählungen thematisiert. Statt Nähe und Vertrautheit sehen sich die Protagonisten oft Unverständnis, Distanz und Fremdheit gegenüber. Das Gefühl selbst einen geliebten Menschen nie wirklich zu kennen ist häufig spürbar und wird auch klar von einer der Figuren ausgesprochen: „Ich kenne dich nicht. Das wußte ich schon immer.“

Viele der Protagonisten sehen sich Unerklärlichem gegenüber, auf das sie keinerlei Einfluss haben. „Kafkaesk“ ist ein Begriff, der viel zu oft angewandt wird, hier ist er aber wirklich angebracht. Gerade auf eine Erzählung wie „Das Verbot“ trifft das besonders zu. In ihr bekommt ein Häftling bei der Entlassung nach einer vierjährigen und scheinbar völlig grundlosen Haft vom Gefängnisdirektor folgendes gesagt:

Sie werden auf freien Fuß gesetzt, weil Sie sich so
vorbildlich verhalten haben. Aber eine Sache muß
Ihnen klar sein. Es ist Ihnen verboten, in Sinnlosig-
keit zu verfallen. Haben Sie das verstanden? Häm-
mern Sie sich das ein, sonst wird man Sie wieder
einsperren.

So machtlos auch manche der Protagonisten sind, lehnen sie sich doch gegen ihre Hilflosigkeit auf. Sei es im Lostreten einer Steinlawine oder in einem im Sand erstickten Schrei:

Meine Versetzung! schrie er und bekam dabei Sand in
den Mund, ich muß sie verhindern, pochte in seinem
Hirn. Dabei hatte er vergessen, daß die Entschei-
dung nicht in seiner Hand lag.

Auch wenn die einzelnen Erzählungen sehr verschieden sind, so ist „Die Grenze liegt am Horizont“ doch ein sehr zusammenhängender Erzählband. Der Zusammenhalt wird nicht allein durch die Illustrationen von Galya Popova geschaffen, sondern auch durch das durchgängige Aufgreifen der zentralen Motive, wie Horizont, Grenzen, Meer, Wüste, Mond, Sonne, etc.

Grenzen und Horizont sind natürlich besonders offensichtliche Motive, da sie schon im Titel „Die Grenze liegt am Horizont“ enthalten sind. Beständig werden Grenzen überschritten – reale Landesgrenzen, zwischenmenschliche Grenzen oder die Grenze zwischen Leben und Tod. Liegt die Grenze am Horizont, so bedeutet dies auch, dass sie sich immer weiter verschiebt, je näher man an sie herankommen zu sucht. Den Horizont kann man nicht erreichen, dennoch ist er immer da.

Meer und Wüste sind in vielen der Erzählungen zentral, als Raum vor dem Horizont:

Das Meer lag ruhig und versonnen
zwischen Festland und Horizont ...
Und selbst wenn kein Meer in unmittelbarer Nähe ist, so bleibt es doch durch Metaphern präsent:
Wellen des Gelächters trieben über ein Stimmen-
meer, bis sie an seinen Ohren brachen und er die ein-
zelne Stimme bemerkte, die an ihn gerichtet war.

Einen ebenso vordergründigen Hintergrund wie Meer und Wüste stellen Sonne, Mond und Licht für die Erzählung dar:

Die Sonne hatte sich bereits auf ihrem Höhenflug
in Helligkeit des Lichts aufgelöst, verteilt am blauen
Himmel.

Die endlosen Weiten des Meeres oder der Wüste werden von einigen der Figuren bewusst aufgesucht um Ruhe zu finden. Sie fahren mit dem Auto mitten in die Wüste oder steigen bei einer nicht vorhandenen Haltestelle aus dem Bus aus um sich selbst zu finden.

Marco Grosse ist auch, oder vielleicht gar zuallererst, Lyriker. Sein feiner Umgang mit Sprache verrät ihn:

An dem Abend war das Meer spiegelglatt, der Mond
ging gerade über dem Wasser auf, als sei er die Son-
ne, nur schwächer, wie ein Lampion aus Seidenpapier
hing er am Himmel, ohne daß man ausmachen konn-
te, wo er hochgezogen wurde.

Hinzu kommt, dass Marco Grosse zweisprachig mit Deutsch und Italienisch aufgewachsen ist und selbstverständlich auch in engen Kontakt mit den Sprachen der Länder, in denen er bereits gelebt hat, gekommen ist. Dank dieser Vielsprachigkeit gelingt es ihm die Fremdheit der beschriebenen Orte auch in der Sprache auszudrücken – in unerwarteten und überraschenden Formulierungen.   

Sehr einfühlsam wurde der Erzählband von Galya Popova illustriert. In ihren, manchmal nur aus wenigen Strichen bestehenden Illustrationen, gelingt es ihr die gesamte darauffolgende Erzählung auf den Punkt zu bringen und sozusagen eine bildliche Essenz der Erzählung herzustellen. Sehr schön sieht man dies zum Beispiel bei der ersten Erzählung „Mann im Mond“. Die Illustration stellt zunächst einmal die in der Handlung sehr zentrale Muschel, welche von einem Einsiedlerkrebs bewohnt wird, dar. Zugleich aber auch – durch den waagrechten Strich der die Spirale durchkreuzt – einen Sonnenuntergang am Meer, der ebenfalls in der Erzählung beschrieben wird:

Aber die Tage wurden
schon kürzer, und die Abenddämmerung wuchs un-
merklich in den Tag hinein, bis sich die untergehende
Sonne am westlichen Horizont auf sie setzte, um sich
wie eine exotische Blüte prachtvoll zu entfalten, bis
sie schließlich ihre Kraft erschöpfte.

Der Band endet mit einigen zusätzlichen Illustrationen von Galya Popova. Diese bilden nicht nur einen schönen Abschluss für den Erzählband, sondern bieten einen Raum um über das eben gelesene nochmals nachzusinnen.

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„Die Grenze liegt am Horizont“ von Marco Grosse mit Illustrationen von Galya Popova ist ein wunderschönes und ein großartiges Buch, das keine Kompromisse eingeht.

Bei dem Gedanken, bei Vollmond baden zu gehen,
wurde ihm vor Aufregung ganz schwindelig. Das
dunkle Wasser wäre unergründlich gewesen, seismo-
grafisch hätte seine Haut auf Berührungen gewacht,
die irgendwelche Meeresbewohner verursachen könn-
ten. Solche, die nachtaktiv waren, solche, die sich im
Schlaf von der Strömung treiben ließen, oder jene,
die weder Tag noch Nacht kannten. Der Mond hät-
te sich an der Oberfläche gespiegelt, und der Strand
wäre bis weit an seine Buchtenden sichtbar gewesen.

 

 

 

 

 

Marco Grosse
Die Grenze liegt am Horizont
Mit Illustrationen von Galya Popova
Bernstein
2013 · 268 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-939431-74-9

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