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Wir reden über Literatur
Kritik

Steiler Einstieg, viele Klammern, stimmungsvolles Ende

Hamburg

Anthologien stehen bei einigen Menschen im Verdacht, ein Sammelbecken der Masse statt Klasse zu sein; immer wieder die gebetsmühlenartig geäußerte Kritik, Anthologien mit Gedichten oder kurzer Prosa dienten nicht den in ihnen vertretenen Autoren und nur bedingt dem Leser, sondern ausschließlich den herausgebenden Verlagen – lieber 80 veröffentlichte Autoren statt 50, schließlich steht hinter vielen Autorinnen und Autoren eine stolze Mutter, die sämtliche Veröffentlichungen des Nachwuchses sammelt. Einige gehen sogar so weit, Anthologien aus diesem Grund die Daseinsberechtigung abzusprechen. Ich selbst kann diese Ansicht nicht teilen, ganz im Gegenteil. Mir dienen Lyrikanthologien und Literaturzeitschriften seit jeher als Fundgrube für Texte, interessante Autoren und Verlage – mal ganz davon abgesehen, dass Anthologien und Zeitschriften gerade jüngeren Autoren die wichtige Möglichkeit bieten, mit ersten Texten an die Öffentlichkeit zu treten und auf sich aufmerksam zu machen; die Zahl der Autoren, die als erste Veröffentlichung einen vollständigen Lyrikband vorgelegt haben, dürfte übersichtlich sein...

Ein ausgesprochen schönes Fundstück der jüngeren Vergangenheit ist der 2010 im gutleut Verlag erschienene Lyrikband "im toten winkel des goldenen schnitts" des 1973 in Neubrandenburg geborenen und im Sommer 1989 in den Westen übergesiedelten Autors Marcus Roloff. Es ist dies sein dritter Gedichtband; nach seinem Debüt "Herbstkläger" (Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 1997) und dem 2006 ebenfalls im gutleut Verlag erschienenen "gedächtnisformate". Wie schon so oft bin ich über eine der zahlreichen von Axel Kutsch herausgegebenen Lyriksammlungen auf diesen Autor aufmerksam geworden, von dem ich nun erstmals einen ganzen Band in Händen halte. Der eigentliche Körper des Buches ist schlicht, hat eine klare, in hellem Grauton gehaltene Typografie und verzichtet auf jeglichen Firlefanz, aber was ihn umgibt, das kann nur als außergewöhnlich und ansprechend, oder besser: als außergewöhnlich ansprechend bezeichnet werden! Ein vom DIN-Format abweichender, beidseitig bedruckter Plakatumschlag, der außen mit einem Aquarell von Trevor Gould (sechs Köpfe, die wie abgeschlagen in einem Meer aus Milch zu schwimmen scheinen) und innen mit großzügiger Bio- und Bibliografie des Autors und ausführlichen Informationen zur black paperhouse-Reihe aufwartet, in der dieser Gedichtband erscheint.

Die Schlichtheit der inneren Aufmachung sorgt dafür, dass nichts von Roloffs Gedichten ablenkt, und tatsächlich ist Konzentration ebenso notwendig wie geboten, denn Roloff macht es dem Leser nicht (zu) leicht. Die auf fünf kurze Kapitel verteilten Gedichte werfen sich niemandem an den Hals, aber genau wie die eingangs erwähnten Zeitschriften und Anthologien vermag auch "im toten winkel des goldenen schnitts" als formidable Fundgrube herzuhalten – als eine Fundgrube für stimmungsvolle, an vielen Stellen extrem plastische Bilder, für steile Einstiege und schön gewählte Titel, für Passagen mit phonetischem Wohlklang, für stimmige und gleichzeitig überraschende letzte Zeilen, so wie hier:

           balcke & heym

            überm winter die landschaft durch watte & licht-
schrulle leer. eisiger werder. er wolle den raureif
feiern. wenn er sterbe seien die menschen tot. wie
stottern sei das nur dass nichts hängen bleibe denn
da werfe man ja die silben in eine art doppelten
boden. die welt klappe nach hinten. aber eigentlich
stottere niemand. das sei nur reminiszenz an die
rememorierte gegend zwischen havel & havel.

Viele schöne, gelungene Szenen, Stills, Schnitte. Nur ein einziger Kritikpunkt: Roloff versieht viele seiner Gedichte mit eingefügten Klammern, die zumeist auf Vorgenanntes Bezug nehmen, es erklären, ergänzen, beziffern. Grundsätzlich habe ich nichts gegen diese Stilistik, gegen Klammern oder Einschübe, ganz im Gegenteil, aber leider neigt Roloff dazu, seine Klammerspiele zu übertreiben, so dass sie an einigen Stellen zur puren, im Grunde unnützen und überflüssigen Stilblüte verkommen. Besonders im Kapitel "WIEPERSDORFER GESPRÄCHE" wird dies deutlich. Wiepersdorf liegt in Brandenburg, also in Deutschland, und wenn sich dann hinter "mittwoch zwanzig nach acht" eine Klammer dazu genötigt sieht, ein "a.m." hinzuzufügen, dann wirkt das eher gewollt und deplaziert. An einigen Stellen wäre ganz einfach weniger deutlich mehr gewesen, wie z.B. beim Gedicht "waten im verdachtsgelände":

breitscheid- ecke twachtmannstraße altes rosa
(genossennelke) mitgliedschaften (der anderen)
übersprungene klassen (der anderen) seemanns
garn nach schulschluss (sportplatz) im abgestandenen
schlosspark (blablabla) lagen die bäume auf bänken
parataktische fehlleistung & hyperaktive schübe
suspektes schweigen am vorabend & abgefummelte
briefmarken (-sammlung) oder samstags am glambecker
see (ufer) gab es auch kein erwecken (aufstehn)

Wie gesagt, ein einziger Kritikpunkt (zu dem aber auch ein Lektor ruhig etwas hätte sagen dürfen). Ansonsten ein gut strukturierter, stilistisch homogener Lyrikband von einem Autor, von dem noch Einiges zu lesen sein wird. Auch den Verlag werde ich gewiss im Auge behalten – und wenn es sich ergeben sollte, würde ich mich beizeiten gerne mal mit dem Verfasser des Pressetextes auf ein Getränk zusammensetzen, denn auch das verspräche einen unterhaltsamen Abend!

Marcus Roloff
im toten winkel des goldenen schnitts
Gutleut
2010 · 72 Seiten · 11,00 Euro
ISBN:
978-3-936826494

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