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Kritik

Reinzeichnungen

oder virtuose Skizzen?
Hamburg

"reinzeichnung", der neue Gedichtband von Marcus Roloff kommt daher wie jedes einzelne darin befindliche Gedicht: sich selbst genug, in einem von außen wenig anfechtbaren Universum. Auf dem Cover wird elegant mit der Zeichenbreite der Titelbuchstaben gespielt - in den Texten mit der Semantik berühmter Gemälde. Wortfelder werden beackert, Wörter geschlagen, aber nichts gedroschen. Bedeutungsvoll abgebrochene Sätze hängen wie die zerfetzten Stromkabel einer verlassenen Fabrik von der Decke des Buches.

Beeindruckt wandeln wir durch die weißen Räume seiner Zyklen ("schaubude" / "himmelsrichtung" / "landläufiges tier"), bestaunen die Nacktheit, die möglicherweise nur die Scheu der autorlichen Sprache ist und stellen uns Fragen wie: Sind Sätze scharf, weil sie abgerissen sind? Verletzen sie, weil sie kaputt sind? Treffen sie, wenn ihnen was fehlt?

Denn so richtig wissen wir eigentlich nicht, worum es geht. Auf den Punkt gebracht - das eben sind die Texte von Marcus Roloff nicht. Zeichen ja, Punkte nicht, nirgends. Höchstens als Abkürzungszeichen. "s." heißt es da in "tod aus schlaf", "ihr wälder bei s.". Da noch nicht einmal die Namen großgeschrieben sind, bleiben uns bloß Ahnungen. Meine Vermutung, dass es sich hier um eine von der Braunkohleindustrie bis auf das S. ausradierte Ortschaft handelt, wird durch nichts bestätigt und  so treideln wir dahin, vorbei an "und"'s und "aus"'s, Kilometersteine, die den wildgewordenen Bewusstseinsstrom des Autors strukturieren, doch uns relativ an der Oberfläche lassen. Wenn wir nicht... stürzen:

"ich frage mich manchmal was ich mache wenn ich liegengeblieben sein werde mit meinem unzerstörbaren helm auf der erde", was wieder eine besonders gelungene Stelle ist, denn hier wird eben dieser Schaffensprozess selbst zum Thema gemacht und man kann Roloffs Poetologie ja auch von zwei Seiten betrachten: Sobald ich als Leserin einen Zugang habe und sei es durch Klang oder Rhythmus, bin ich ja mittendrin. Und dass die Gedichte dann selbst Helme tragen und damit etwas schützen oder verbergen, kann auch eine besondere Schönheit haben.

Und so ist die Vermeidung von Genauigkeit (und damit auch Profanem) für den einen genau das, was das Gedicht leuchten lässt und für den anderen das, was Dunkelheit erzeugt.

Man darf sich aber fragen: Warum nicht den Leser zur Beteiligung zwingen, auch wenn man selbst nicht beteiligt ist, dem Leser die Stelle zeigen, an denen die Text-Fabrik in unterirdische Katakomben übergeht, an denen fremde Totenkulte uns erschaudern lassen, warum nur angedacht und mit einigen Klammern abgeschwächt "(usw.)"?

Wenn Orte nur einen persönlichen, nicht genannten, Bezug haben, ("Frankfurt", warum nicht Halle?), sind wir dann wieder nicht beim bloßen Klang?

Nun aber stehe ich vor einer Leinwand ("um 1600"), wie vor dem guten Ruf des Verlages, der, schon weil er von der Kurt-Wolff-Stiftung ausgezeichnet wurde, die Garantie für gute Literatur in sich trägt und erlaube mir einen kritischen Blick.

Das Gedicht "Martin Luther auf dem Totenbett" (natürlich alles kleingeschrieben) spiegelt für mich weder den Stil wider, noch stellt es einen Zusammenhang zwischen Bild und Text her, auch fügt es dem Bild keine weitere Dimension hinzu. Ebenso verhält es sich mit Assoziationsräumen, die durch Namen aufgespannt werden: "Rilke"? Wieso Rilke? Wieso nicht Hölderlin oder Ralke oder gleich Roloff? Andererseits haben wir es hier nicht mit "metaphorisch aufgeschäumten Wörtern mit Signalwirkung..." usw. zu tun (siehe hierzu Theo Breuers Essay "Rotes Haus im Park" zum Thema "Gemäldegedicht"), sondern mit einer eigenen, sehr behutsamen Sprache.

rilke cut

strand bei triest
kliff und klippe und
winter-

warme gischt und
nichts steht so fest
wie gedachte stimmen und
wer wenn ich schriee

erster dienstag im januar
zweitausendzwölf

hörte mich denn
und reagierte
aus der touristen ordnungen

auf diese schwere durchschlag-
papierne wetter-
feste leere

Aber Vorsicht ist geboten, wenn mit dem "Autismus" der Texte geworben wird, wie in der Ankündigung des Verlages - das kann für sich genommen ja kein Qualitätsmerkmal sein.

Oder ich bin nur altmodisch, wenn ich denke, das sei Spinnerei.

Als ob wir nicht in einer Welt lebten, in der es viel auszuhalten und zu tun gäbe. Und ich möchte gern moralisch daherkommen und fragen:

Wo ist hier der Zipfel einer auch noch so kleinen, existenziellen Notwendigkeit?

Wo bleiben die Sinne. Nirgends ein Aufschrei oder der Grund eines sprachlichen Versagens. Selbst wo es um politische Themen geht wie in "funken", das auf die Geheimdienstaffäre anspielt. Manchmal wünscht man sich eine Großschreibung, die konsequente Kleinschreibung scheint sich hier selbst zu entlarven, alles gleicht sich, monologisiert sich, flüstert sich ein. Kaum ein Geruch, eine Körperlichkeit. Kein Schreck.

Ich muss unweigerlich an ein absurdes Telefonat denken, was ich vor ungefähr zwanzig Jahren mit der Lektorin eines renommierten Verlages hatte, wahrscheinlich noch mit Kabeltelefon. Man kann auch sagen: Sie sagte mir ihre Meinung und ich hörte zu. Offenbar hatte sie gerade etwas Zeit. Heute wäre das nicht so. Ich meine mit der Zeit.

Ich fragte sie, ob ich ihr ein Gedicht-Manuskript zuschicken könnte. Eine Frage, die man ja heute gar nicht mehr stellen kann, ohne für verrückt erklärt zu werden. Wozu gibt es denn die regelmäßig ausgetauschten Vorzimmerdamen, die alles unterhalb der Wahrnehmungsgrenze abwürgen.

"Sie können uns gerne was schicken, aber überlegen Sie, ob das Sinn macht. Gute Lyrik ist selten. - Gute Lyrik: Entweder man kriegt eine Gänsehaut und versteht sie. Oder man kriegt eine Gänsehaut und versteht sie nicht. Letzteres ist natürlich das einzig wahre. Solche Autoren haben es geschafft!"

Ob der Band von Roloff in diese Kategorie gehört, bleibt in dem Sinne offen.

Marcus Roloff
reinzeichnung
Wunderhorn
2015 · 80 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-501-0

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