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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Schöner Schein

Hamburg

Der äußerst bibliophil gestaltete Debüt-Band der open-mike Gewinnerin von 2013, Maren Kames, ist eine Augenweide. Der Zürcher Verlag Secession wählte für den Hardcover-Umschlag ein grau-silber oszillierendes Leinen, das mit seinen schillernden Moiré-Effekten und der saphirblauen, eingelassenen Titelschrift wie eine Schatzkiste gewordene Materialisierung des Titels "halb taube halb pfau" scheint. Derart prezios wirkt das Buch, dass das Innenleben – sprich: der Text – sich wie wegduckt, verbeugt vor der Verführung durch die Buchgestaltung. Es ist wenig, wenig Text, oft nur ein Satz oder gar Satzfragment – kleines Pechschwarz, kunstvoll auf dem fast quadratischen Haptikpapier ausgerichtet. Gegen Mitte hebt sich der Grauwert der Seiten, die Textabschnitte werden länger, schwärzer, um dann wieder zu verebben und ins unbeschriebene Weiß der (Beinahe-Blanko) Seiten abzutauchen. Ein Seismograph mit Ausschlag, ein überzeugendes visuelles Spiel mit der Angst vor der carte blanche, dem weißen Papier. In den Klappentexten steht so etwas wie

weiße Landschaft, Textschollen, Durchwanderung

und bald ist der Leser mit Szenarien wie "Antarktis" konfrontiert; einer Landschaft aus Wort und haptischem Arrangement zwischen den Buchdeckeln. Zusätzlich sind in dem ständig springenden Layout QR-Codes aufgebracht, deren Einscannen Weiterleitungen in ergänzende Tonwelten liefert. Soweit die materielle Konzeption: als solche wunderschön, aufregend, schlicht, ein Traum.

Der Anspruch bei einer derartig vorausgeschickten Verehrung, Verheiligung der Hülle an den Inhalt ist konsequenterweise hoch. Die gemeine Frage stellt sich berechtigter- und bei dieser Präsentation zwangsweise, ob der Text oder die Texte das Versprechen des äußeren Scheins halten können. Jein. Es ist kein goldener Wurf. Der Text ist angenehm und unaufdringlich. Er spielt, er vermeidet, macht keine groben Fehler, nimmt sich vor kitschigen Tücken in Acht, windet sich, zieht sich zurück, wandelt durch die Genres, überrascht, umläuft die totale Verschwurbelung, ist gut lesbar, auch handwerklich fehlerlos – aber er hält es nicht ein. Baut nichts Bleibendes auf. Hat keine Details, keinen Körper, wagt wenig, ist so eine Art Text nach Vorschrift, dem der wirklich eigene, mutige Sound abgeht. Er ist mitnichten das, was der Autor des Klappentext über ihn schreibt:

traumwandlerische Sicherheit … sämtliche sprachlichen Register … Partitur voller Humor, ebenso unterhaltsam wie hochliterarisch …

Er ist nicht schlecht, wohlgemerkt. Er ist sehr wohl anregend, schwungvoll und willensstark durchgeformt. Er ist bloß nicht ausdrucksstark, ganz im Gegensatz zu seiner materiellen Hülle, dem schreiend schönen Buch. In diesem Gewand ist der Text schlichtweg überproduziert. Das Ganze wird damit eben doch kitschig, durch das Blenden der Äußerlichkeit. Was schade ist. Der Text gibt sich inhaltlich als Antitext, unkategorisierbar, eine eigene Landschaft, ist aber in Wirklichkeit unkritisch schön arrangiert. Gemäß einem synthetischen Blick auf ein durchkonzipiertes Künstlerbuch, welches der Band am ehesten evoziert, fehlt ihm die Distanz. Er schwelgt in seiner bibliophilen Typographie, konterkariert sie nicht wirklich, ist affirmativ, ist Sklave einer gestalterisch längst implizierten, etablierten Landschaft aus edlem Handwerk, die Reichtum, Gehalt, Empfindsamkeit vorausschickt. Es bleibt die Frage, wo hier der Mehrwert ist und inwieweit es der Autorin anzulasten wäre oder dem Konzeptteam, aber mit Sicherheit wäre ein bescheidenerer Auftritt für den Text eine mehr als ernstzunehmende Alternative gewesen.

Zu gleichen Teilen bin ich der Landschaft ausgesetzt wie die Landschaft mir. Ich bin dem Weiß überlassen, wie das Weiß mir überlassen ist. Hier bin ich der Angst ausgesetzt, hier ist die Angst ausgesetzt. Das Land macht mir zu schaffen, ich mache mich an Land zu schaffen. Ich baue Dinge im Land, mit denen ich das Weiß vermesse oder eindämme, umstelle oder zeitweise überschreite. Ich trage auf und grabe aus, ich sammle und schiebe zusammen. Das sind die Schollen, die ich bilde im Land.

Was wird verhandelt und wie wird es verhandelt? Ein Land aus Worten soll vermessen, besprochen, erzeugt werden im Schreiben, Lesen und Hören. Das ist schwierig, weil im Prinzip immer und zu jeder Zeit alles möglich ist. Das absolute Weiß, die Leere. Nur wenn gewisse fixe Punkte eingenommen werden und Verlässlichkeiten erzeugt sind, kann überhaupt so etwas wie Wahrnehmung, Wertung, Rezeption stattfinden. Hierfür arbeitet der Text mit rekurrierenden Elementen, Wiederholungen, aufgebauten Szenarien, auf die immer wieder in verschiedenen Erzählerkonstellationen Bezug genommen wird, die sich dabei leicht wandeln und in ihrem miniaturhaften Umgang mit Verdichtung, Beschreibung, Erinnerung einen zwar leicht blassen, aber in einem positiven Sinne leisen und melancholischen Tonfall pflegen. Einige der Sprachbilder und -geometrien sind sich ihrer selbst sehr sicher, wagen sich nicht in unwegsames Terrain, sondern bleiben lieber vorsichtig vor dem Unausgesprochenem. Dies erhöht das Potential zwischen den Zeilen, allerdings auch nur so lange, wie die Phantasie beim Lesen angeregt und gefüttert wird, was bei den Wiederholungen oder Loops von ohnehin eher blassen Feststellungen nicht immer funktioniert.

Sehen Sie hier zwei kleine graue Gestalten im Gegenlicht nebeneinander eine Straße hinaufgehen, und um wen es sich handelt, weiß man nicht.

Ich glaub ich spuke.
[...]
Während vor uns zwei Gestalten hinter einer Anhöhe verschwinden
und worum es sich handelt weiß man nicht.

Gegen Ende des Bandes hingegen scheint sich der Text aber auf Konkreteres einlassen zu wollen und loopt sich in Schrauben zu Beschreibungen einer Familienerinnerung. Hier wird er deutlicher, werden Melancholie, Trauer, Fassungslosigkeit nicht über Links oder Auslassungen zu erzeugen versucht, sondern über direkten Inhalt, über Bilder. Starke Passagen tauchen auf. Kames Sprachökonomie kommt zur Geltung.

Dass du dich trotzdem immer noch schminkst und einmischst. Was sich unter unsere Haut mischt, unter diese Treppe, in die Stille zwischen deinem Ohr und meinem.

Dass deine Haut, wenn die Jahre, dass du durchsichtig wirst mit der Zeit.

Dass dein Haar dünner wird mit dem Herbst.
Dass du ausfällst irgendwann.

Das Programm eines Antitextes will insgesamt nicht recht zusammengehen mit der Preziosität seiner Präsentation. Formal anspruchsvoll und gut trainiert, lässt die Inhaltsfurcht vor sich selbst den Text trotz spannender Ansätze etwas fad und mau erscheinen. Am Anregendsten ist seine Aufmachung und die verlinkte Ton-Erweiterung.

Maren Kames
halb taube halb pfau
Secession Verlag
2016 · 150 Seiten · 35,00 Euro
ISBN:
978-3905951936

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