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Kritik

Transzendenz und Penis, was soll das?

Hamburg

Es mangelt dieser Tage nicht an feministischer Literatur, feministischer Musik und feministischen Diskussionen. Es mangelt auch nicht an feministischen Resultaten. Polen will ein Abtreibungsverbot verhängen? Die Welt sieht rot und zieht sich dann schwarz an - der Gesetzesentwurf wird gekippt. Donald Trump hat sich vor zehn Jahren dabei aufnehmen lassen, mit sexuellen Übergriffen zu prahlen? Das schafft selbst das, was all die rassistischen Äußerungen des Präsidentschaftskandidaten nicht vermochten und bringt die republikanische Partei öffentlich gegen ihn auf. Derweil stricken in der Musik etwa Solange oder Kate Tempest mit neuen Alben weiter den Widerständen zum Trotz an ihren Karrieren und Chimamanda Ngozi Adichies We Should All Be Feminists hat sich vom TED-Talk zur internationalen Pflichtlektüre gemausert, während Laurie Penny die Welt betourt. Selbst die Galionsfiguren der verdammten AfD sind Frauen. Bedeutet das nicht Gleichberechtigung, wenn auch mal dumme Frauen statt dummer Männer am Rednerpult stehen?

So einfach sind die Sachen aber eben nicht, so viele Anlässe zum Feiern gibt es keineswegs. Manche Erfolge sind nur Teilerfolge und manche letzten Endes überhaupt keine. Was wiederum nicht heißt, dass alles im Argen wäre. »Die Gesellschaft ist komplex - auch aus feministischer Sicht. Es ist nicht alles Unterdrückung und Sexismus. Das ist ja der Witz: dass es kompliziert ist«, schreibt eine, die ständig über Feminismus schreibt: Margarete Stokowski, seit geraumer Zeit Kolumnistin erst für die taz (»Luft und Liebe«) und aktuell SPIEGEL Online (»Oben und unten«), hat jetzt sogar noch ein Buch geschrieben. Es ist leicht lesbar und ein bisschen überflüssig. Zumindest im feministischen Diskurs, in welchen es zwangsläufig eingereiht wird und in den es sich selbst einreiht. Um »Sex. Macht. Spaß. Und Probleme« geht es in Untenrum frei und das lässt sich auch in einem durch lesen: Sex macht Spaß - und Probleme. Vor allem, aber nicht nur für Frauen.

Stokowski hat einen witzigen, einladenden Stil entwickelt, mit dem sie komplexe Sachverhalte auf allgemeinverständliche Knallerphrasen verdichten kann. Den braucht sie auch, schließlich muss sie sich hin und wieder mit renitenten Verständnislosen wie Harald Martenstein öffentlich auseinandersetzen. Nun ist das mit Sex und vor allem Gender eine wirklich extrem komplexe Sache, weshalb Stokowski alle dazugehörige Philosophie und Soziologie eher durchs Hintertürchen einschmuggelt. Von Simone de Beauvoir über Theodor Adorno hin zu Michel Foucault finden die meisten relevanten Stimmen ihren Eingang in Untenrum frei, werden aber eher plauderhaft als Stifterfiguren für knackige Statements herbeizitiert und gegebenenfalls problematisiert: »Wenn Beauvoir über den Penis schreibt, dann klingt das bisweilen belustigend philosophisch: ‘Später’, schreibt sie, ‘wird der Knabe seine Transzendenz und seine hochmütige Unübertrefflichkeit in dem Geschlechtsorgan verkörpern.’ Man könnte sagen: Ähm, ja. Bisschen übertrieben, Transzendenz und Penis, was soll das? « Stokowski kennt da eben nichts, auch keinen falschen Respekt. Erst recht nicht sich selbst gegenüber.

Untenrum frei geht es darum, die großen Übel aufzurollen. Fakten, Statistiken und allerhand Fleißarbeit bilden das Fundament, der Rest aber wird von einer grässlichen Einsicht bestimmt: »Wenn wir über Macht und Freiheit sprechen wollen, müssen wir erstens früh und zweitens im Kleinen anfangen. « Das tut sie, schonungslos, und macht sich dabei selbst zum Objekt ihrer Beobachtungen. Stokowski schreibt über bescheuerte, deppensexistische Dinge, die sie von unbedarften One-Night-Stands hören musste, über kindliche Scham vor dem eigenen Geschlechtsteil und wie mehr oder weniger nackte Frauenkörper die Alltagserfahrung einer Berliner Kindheit prägten. Sie schreibt aber auch darüber, wie sie des Nachts auf der Straße belästigt und angefasst wurde. Oder wie eines Tages ihr Schachlehrer mit ihr rausfuhr, um sie zu vergewaltigen.

Stokowski bindet diese Objektivierungsprozesse in ein subjektives Narrativ ein, das weder wirklich belehrend ist noch zweckgebunden argumentiert, sondern Hinweise streut, Fragen stellt. Sie schreibt bedächtig und überlegt, gleichzeitig aber leidenschaftlich und dringlich aus und über ihr Leben, ihr Erleben von Machtstrukturen, die sie subtil mehr zur Analyse freigibt, als dass sie sie ausformulieren oder gar an den Pranger stellen würde. Es ist eine Position, wie sie etwa auch Adichie in We Should All Be Feminists einnimmt und die vielen vielleicht nicht ausreichen mag: zu anekdotisch, zu wenig Haltung, zu wenig Erkenntnisgewinn. Dabei liegt gerade letzterer in der Form an sich. Stokowski schreibt als Frau übers Frausein und kann deshalb so universal gültig sprechen, weil sie als Frau stets als Repräsentantin ihres Geschlechts rezipiert wird. Sie könnte das völlig zurecht abwehren, stattdessen aber nimmt sie es auf und spielt damit. Mehr noch spielt sie es bis zum Ende durch.

Untenrum frei mag im feministischen Diskurs ein bisschen überflüssig sein, für ihn aber nicht. Es könnte die richtigen Menschen erreichen und sie sanft bei der Hand nehmen, ihnen ohne Transzendenzgefasel und all den schwierigen Neologismen Einblicke verschaffen, die vielleicht mehr zum Nach- und Umdenken anregen könnten als jedes diskursiv übersteuerte Thinkpiece. Vor allem, weil Stokowski darin selbst so unfassbar weit über die eigene Schmerzgrenze hinausgeht. Denn so schmerzlich der Einzelfall, ist doch umso schmerzlicher die Tatsache, dass daran Stokowskis Glaubwürdigkeit gemessen wird - während all jenen Frauen*, die sich nicht in Büchern, Alben oder auf den Bildschirmen offenbaren, so schnell keinen Glauben geschenkt wird. Dafür setzt sich Stokowski ein, das bedeutet es letztlich, obenrum frei zu sein: Dass die Forderungen nach (Selbst-)Offenbarungen ein Ende haben.

»Wir ent-opfern uns«, schreibt Stokowski über all jene, die sich öffentlich äußern und somit die von außen eingeschriebene Objektivierung transformiert wird: Am Ende steht ein Subjekt, idealer Weise unberührt von »dieser ganzen abgefuckten Labelsuche«. In stiller Konsequenz könnten damit, so die unterschwellige Hoffnung, all jene entopfert werden, die unter der Last von physischer, psychischer und struktureller Gewalt schweigen. Das mag für Diskursverständige wenig Mehrwert mit sich bringen, für sie wurde dieses Buch jedoch nicht geschrieben. Untenrum frei ist ein Einstiegsbuch, wie es für andere We Should All Be Feminists ist, Das Andere Geschlecht oder Gender Trouble war oder sein könnte. Stokowskis Behutsamkeit in der Positionierung kommt keiner Haltungslosigkeit gleich, sie bemüht sich um Offenheit und Empathie.

Margarete Stokowski
Untenrum frei
Rowohlt
2016 · 256 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-498-06439-6

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