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Kritik

Das runde O des Staunens

Marianne Glaßer überrascht immer wieder dadurch, wie kreativ und sicher sie unterschiedliche literarische Genres angehen kann. Die im Fichtelgebirge lebende Autorin, Jahrgang 1968, schreibt Lyrik, Kurzprosa, Romane (darunter Krimis), Sachbücher und Essays. Bei all den unterschiedlichen Texten beweist sie viel Talent und eine scharfe Beobachtungsgabe. Fast immer schöpft sie dabei aus eigener Erfahrung und benutzt oft die alltäglichen Momente als Inspirationsquelle für originelle, überraschende Zeilen. So verhält es sich auch in ihrem zweiten Lyrikband „Landschaft mit Mond und Segel“, in dem viele gelungene Metaphern und eindringlichen Sätze zu finden sind.

Den Auftakt zu dieser Sammlung bilden sechs Gedichte, die sich mit den Eltern und Großeltern auseinandersetzen. Diese Texte handeln von der Verwurzelung und von der Sehnsucht nach Aufbruch, der nie gelungen ist. Den Apfelbaum, „unter dem Sterben / nicht weh tun würde / nur ein Hineinwachsen wäre“, hatte der Großvater einst gepflanzt und kurz vor seinem Tod von ihm Abschied genommen, ohne sich von Frau und Kindern zu verabschieden. Während der Baum für die Ort- und Erdverbundenheit steht, symbolisieren die Schiffe auf dem Wohnzimmerschrank, die der Vater „weit weg vom Meer“ baute, den immer still und schmerzhaft vorhandenen Aufbruchgedanken: „Mein Vater sprach nicht / kein Wort fuhr aus / und keins legte an“. Zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich die meisten Texte dieser Gedichtsammlung, die Marianne Glaßer ihrer Tochter Wilhelmine gewidmet hat. Bereits der Buchtitel deutet diese Gegensätze an: Während der Mond als Metapher für das immer Wiederkehrende stehen kann, symbolisiert das Segel die Hoffnung auf etwas Neues, Unbekanntes, einen Aufbruch und eine Freiheit, oder auch - wie das Gedicht über den Vater andeutet - Aufbruch in Richtung echter Begegnung, durch und mit Sprache, der so schwierig erscheint.

Aus der Reflexion der konkreten Situation vierer Generationen, die am gleichen Ort gelebt und im Grunde ähnliche Sehnsüchte und Ängste geteilt haben, ergibt sich eine allgemeinmenschliche Suche nach Sinn und Bedeutung unserer Handlungen. Das Besondere an Glaßers Texten ist, dass sie nicht bloß Fragen aufwerfen, sondern hin und wieder auch eine Antwort versuchen. Die Antwort auf die Sinnfrage scheint in der wachen Wahrnehmung der Gegenwart, in der Achtsamkeit und im Staunen zu liegen. „Auf einmal / gerade beim Kartoffelschälen / endet das Warten / auf etwas anderes als was / da ist: // die erdige Schale / das Messer, das Streifen / nassgelben Fruchtfleisches freilegt / Auf einmal / gerade beim Kartoffelschälen / fehlt nichts mehr, alles / ist da (...)“ Der Leser wird an den Begriff der „Epiphanie“ bei James Joyce oder an die „Madeleine“-Methode bei Marcel Proust erinnert, wenn die profansten alltäglichen Situationen in Glaßers Gedichten plötzlich zu Sinn gebenden Einsichten führen. Die Kartoffel enthält nicht nur die Erde, den Regen, die Sonne, die Insektizide in der Erde und die Schwefeloxide im Regen, sondern auch „das Gedicht, das diese Kartoffel / aufnimmt / während ich sie / in meinen Händen drehe“.

Diese Gedichte, in denen es um die Bedeutsamkeit des gegenwärtigen Augenblicks geht, strahlen Zuversicht aus, dass es trotz der Schwere der Lebensumstände möglich ist, im Geiste frei und sogar glücklich zu sein: „Sich den Stein vom / Herzen reißen / auch wenn er einen / offenen Mund hinterlässt // Das Leben / als Sprungseil nehmen / gerade wenn man / nur ein Bein hat // Das runde O / des Staunens.“

Andere Texte, besonders im zweiten Teil der Sammlung, lassen eine gewisse Resignation spüren und sind manchmal von Angst und Enttäuschung gekennzeichnet. Allerdings findet man auch in diesen Gedichten schöne und ungewöhnliche Bilder, wie z.B. in dem „Blindschleichengedicht“ oder in dem Gedicht über eine Frau, die im Gummistiefel lebt und dem Regen hilft, „die Tritte / der Menschen / von der Straße zu waschen.“ Die Hoffnung auf Heilung alter Verletzungen wird nicht aufgegeben; sie bringt Großvaters Apfelbaum wieder ins Spiel und es wird festgestellt: Die Entscheidung zur Heilung „muss reifen / bis sie als Weihnachts- / apfel vom Baum fällt / bis du hineinbeißt / und den Saft / übers Kinn rinnen fühlst / und nicht mehr weißt, was du / antworten wolltest.“

Das schönste und wichtigste Gedicht dieser Sammlung ist das bereits mehrmals veröffentlichte „Nacktschneckengedicht“ (hier auf der vorletzten Buchseite abgedruckt). Es versucht eine Synthese der Gegensätze zu schaffen, vereinigt in sich die Angst und die Zuversicht, die Resignation und die Hoffnung, den Minimalismus der Ansprüche und die großherzige humanistische Haltung. Eine Person, die „nach dem Regen / am Fahrbahnrand“ Nacktschnecken sammelt, „sie hinüberträgt und auf der anderen Seite / ins Gras setzt“, kann natürlich in den Augen der Meisten als ein Narr gelten. Doch sie trägt dazu bei, dass die Welt nicht zu einem gänzlich hoffnungslosen Ort wird. Darüber hinaus hat diese Person die Möglichkeit, Kinder zu haben, die ebenfalls zu Nacktschneckensammlern werden, und so kann sie „eine besondere Spezies“ züchten, „die nicht Gold sammelt / sondern Nacktschnecken / tief gebeugt / nach dem Regen / an allen Fahrbahnrändern der Erde“. Mit diesem kleinen Vermächtnis schafft Marianne Glaßer den Bogen von den Vorfahren, in deren Wünschen, Sehnsüchten und Fehlern sie sich verwurzelt sieht, zu den Nachkömmlingen, die ihre Hoffnungen weiter leben und verwirklichen können. Die scheinbar unprätentiöse Wahl der Bilder und die genaue, sorgfältig gewählte Ausdrucksweise ohne Redundanzen macht ihre Aussage glaubwürdig.

Marianne Glaßer
Landschaft mit Mond und Segel
Silver Horse Edition
2009 · 40 Seiten · 6,80 Euro
ISBN:
978-3-937037301

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