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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Eigenwilligkeiten aus Luft und Geheimnis

Miniaturen von Marie T. Martin

"Die Kunst ist nicht Fälschung der Erfahrung, sondern Erweiterung derselben.“, hat Konrad Fiedler gesagt. Man kann auch sagen: Erneuerung. Die Erfahrung ist etwas, wenn sie das Verb-Sein beendet hat und zum Besitz geworden ist, das unser Leben abschließt und verkapselt und unser Erleben kanalisiert und unzugänglich macht für andere.

Marie T. Martin widerspricht der Erfahrung, weil sie den Blick verstellt, muß sie weichen. Man kann nichts Neues finden, wenn man lauter altes Gerümpel vor sich her trägt und in jede Betrachtung einen Eimer mit alten Versatzstücken und Teilen, Schrauben und Drähten, Muttern und Kondensatoren schüttet. Rostiges Konvolut verbrauchter Funktionen. Was soll man damit? Immer wieder dieselbe Maschine bauen? Die Kunst kann widersprechen, schon indem sie einfach etwas anders tut.
Auf simple Art und Weise. Aufstehen und alles neu betrachten. Es gibt eine Schnecke, die einen Holzbalken auf der Veranda herunterkriecht und es gibt ein Land, das Rostfleck heißt, an diesem alten Geländer. Fotografien, die Marie T. Martin während ihrer Zeit als Eisenbacher Dorfschreiberin gebloggt hat, begleitet von poetischen Miniaturen, die das Einfache sagen, weil es das Einfache gibt und ziemlich genau keine Erfindung ist. Jedenfalls ist es möglich, daß die Uhr eine Scheibe ist, auf der ein paar Zeiger kuriose Dinge tun.

„Meine Miniaturen werde ich immer weiter schreiben – auch wenn die niemand haben will“ erzählt die Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendiatin. Dort geht es um seltsame Schlafgewohnheiten, zu große Schränke, in denen man wohnen kann, um zitronengelbe Heißluftballons und übergroße Zitronenpressen und um eine auf einem Hotelbett vergessene junge Frau, die als Fundsache weiterlebt.

Die Kürzestgeschichten wurden von Ulrike Steinke kongenial mit naivem Strich illustriert, sodaß aus ihnen Bildergeschichten geworden sind, die einen kleinen Zauber im Alltag anknipsen. Sie sind im farbmächtigen Siebdruckverfahren auf augenfreundliches Kartonpapier gedruckt, Format A 6, und überzeugen sowohl als optische als auch als haptische Komposition. Man muß es zulassen können, man muß die Erklärungen weglassen und leichtsinnig sein, dann hat man Freude an den Heften. „Die kleinen monochromen Freunde“ heißen sie und erscheinen beim independent publishing label for visual rock’n’roll ONKEL & ONKEL, wo man neben einem Kalendarium toter Musiker auch interessante Romane (wie unlängst von Hans-Gerd Pyka oder Arnt Birkedal) verlegt. Sie tragen Titel wie: Müdigkeit, Wohnlich, Flugobjekte oder Dezember. Sie erinnern mich an bunte Luftballons, die man fliegen lässt. Je 24 Seiten Eigenwilligkeiten aus Luft und Geheimnis.

Marie T. Martin schreibt derzeit an ihrem ersten Roman und lässt sich auch da durch nichts beschränken. Man darf gespannt sein, welche Facetten sie dann aufblitzen lässt.

Marie T. Martin
Die monochromen Freunde
Illustrationen: Ulrike Steinke
Onkel & Onkel
2009

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