Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Zeilen in Wasserschrift

Hamburg

„Wisperzimmer“ heißt der erste Lyrikband von Marie T. Martin und fast könnte man meinen, Eichendorff habe ihr das Zauberwort zugeflüstert, mit dem sie die Welt zum Singen bringen kann. „Wir müssen nicht tun / als ob die Dinge sprechen / sie reden unentwegt„. Seien es Botschaften aus dem Hinterhof, Steine oder Tamarisken, bei Marie T. Martin gerät alles zu einer Poesie, die den Leser in unerwartete Räume führt. In einem eigenen unverwechselbaren lyrischen Ton setzt die 1982 geborene und mit mehreren Preisen ausgezeichnete junge Autorin ihren Blick auf die Wirklichkeit in zarte Bilder um.

In zahlreichen Gedichten ist die Rede vom Wissen der Natur, die in ihrer Rätselhaftigkeit dennoch oft weiser ist als wir. Das lyrische Ich (auch als „du“ oder „wir“) sucht „Was zwischen den Gräsern verloren ging“. Es lohnt sich „alle sieben Mardersprachen zu lernen“ oder Raben zu fangen und zu hoffen „sie würden uns erzählen / was sie nächtens sehen“. Dieses Gedicht Wir fingen die Raben im Schlaf  kann als Beispiel gelten, wie Marie T. Martin Realität und Wünsche, Natur und Märchenhaftes ineinander verwebt: „du biegst einen Zweig zur Seite / damit ich sehen kann was sich versteckt / hinter Parkstreifen dem Telekom-Turm / eine Bank mit einem Haufen alter Briefe: / unleserliche Schrift und ein schwarzes Siegel: / Post aus Zweigen“.

Dass die Raben im „Schlaf“ gefangen werden, ist kein Zufall, denn diese Metapher findet sich -  auch in der Abwandlung „Traum“ -  in vielen Gedichten wieder. Da werden Blumen „nur im Schlaf gesehen“ und es gibt „seltsame Notationen für Gesänge / die ich im Schlaf gehört habe / mehrstimmige Lieder / mit einem Notenschlüssel / der einen Satz aufschließt“. Dieser eher unterbewussten Seite der Realität, steht als weitere Metapher der erhellende „ Köder Licht „ gegenüber und in diesem Zusammenhang gelingen Marie T. Martin die schönsten Bilder. Es gibt ein Licht, das „Buchseiten malte auf die Wand gegenüber“ und Birnen, „ die wirklich schwer sind vom Licht“, am Bahnhof wird jemand am „Lichtfleck auf deiner Stirn“ erkannt und ganz deutlich wird es bei den „Linsen in denen / sich das Licht anders bricht so dass wir / die Beschaffenheit der Dinge sehen“.

Reizvoll sind auch die Gedichte im letzten Teil des Bandes, die miteinander korrespondieren, indem mehrmals gleiche Worte und gleiche Sätze benutzt werden. Beispielsweise sind „Drei Kinder die einen Faden spannen“ Teil einer Szenerie im Hinterhof, am Parkplatz, vor dem Supermarkt, wo das lyrische Ich einen Kondensstreifen eines Flugzeuges sieht, das Linien zieht wie „für unwichtige Sätze ein einziger langer / Gedankenstrich“ und drei Gedichte weiter geht es „mit drei Kindern die einen Faden spannen“ über die Straße. Mehrmals kommen in diesen Texten leuchtende Orangen vor, die blutstillende Schafgarbe und in zwei Gedichten notiert die Autorin „und der Bus fährt zu den Gärten“. So erzählt sie durch immer wieder anklingende Assoziationen fast eine kleine Geschichte.

Überhaupt sind Wiederholungen eines der Stilmittel, durch die Marie T. Martins Gedichte so leicht daherkommen und dennoch eindringliche Fragen stellen. Immer wieder bevölkern Vögel, vor allem Meisen, ihre Texte und manchmal sind nur sie es, zu dem das lyrische Ich Kontakt aufnehmen kann: „du liegst im Traum atmest leise murmelst Zeilen / die kein Mensch versteht nur Meisen auf der Fensterbank / versuchen die Kontaktaufnahme du rührst dich nicht sie klopfen / leise weiter dir wächst im Schlaf das herrlichste Gefieder“. Und dann kann es sein, dass du „meinst vom Grün / im Gefieder der Meisen zu wissen“.

Marie T. Martin
Wisperzimmer
poetenladen
2012 · 88 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-940691330

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