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Kritik

Der Kamm der Welle

Die französische Dramatikerin Mariette Navarro beschwört den Geist des Aufstandes
Hamburg

Vielleicht sollte man im Vorhinein wissen, dass die Autorin diesen Text während eines Aufenthaltsstipendiums in Algerien verfasst hat, ansonsten läuft man schnell Gefahr, diesen eindringlichen und bildgewaltigen Aufruf zur Revolution als eine verspätete pubertäre, anarchische Phantasie, oder vielleicht als eine anachronistische, nostalgische Sehnsucht nach einem zweiten Sturm auf die Bastille zu lesen. Nein, man muss ihn im Kontext der Länder lesen, in denen im Zuge des Arabischen Frühlings das Wort Revolution tatsächlich und realistisch mit Hoffnungen auf einen Umsturz, auf eine mögliche Veränderung und gar Verbesserung der Lebensqualität und der politischen Strukturen verbunden war.

Eines dieser Länder ist Algerien. Eine Scheindemokratie, in der de facto das Militär regiert. Demonstrationen sind seit 2001 offiziell verboten, die Pressfreiheit ist erheblich eingeschränkt. Im Januar 2011 kam es, nachdem die Preise für Grundnahrungsmittel massiv gestiegen waren, zu vereinzelten und unorganisierten Protesten. Eine geplante Demonstrationsbewegung zum Jahrestag der Demokratiebewegung wurde im Oktober desselben Jahres durch Verhaftung der Organisatoren verhindert. 75% der algerischen Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt, darunter jeder Fünfte arbeitslos. Mangelnde Zukunftsperspektiven, Armut und politische Repressionen beuteln die Bewohner des größten Landes des afrikanischen Kontinents. Ihnen nun verleiht Mariette Navarro eine Stimme. Schreibt Ihnen ein Lied, ein dramatisches Gedicht, das den Geist des Aufstands und der Verbrüderung beschwört.

Die Stunde ist nun da, um keine Vorträge  mehr anzuhören, die uns sagen wollen, Gleichgewicht sei alles, Gerechtigkeit habe mit all dem nichts zu tun und daran sei nichts zu ändern. Wir werden daran etwas ändern. Die Sockel aller Denkmale werden wir ins Wanken bringen. Wir werden in die Türme eindringen, in denen man Zahlen erfindet und Gesetze reguliert, die wir nicht mehr wollen. Unser Eindringen wird die Programme von Maschinen stören, deren Rechnungen stets aufgehen, nach universellen Regeln, die uns unterwegs vergessen haben. Es wird Zeit, dass die Resultate der Berechnungen uns Rechnung tragen.

Ein erhabener, ein pathetischer und unerschütterlicher Ton trägt die fünf Gesänge, in die der Band unterteilt ist. Sie lesen sich einerseits wie ein Monolog, ein theatralischer Sprechakt, dann wieder wie ein eindringliches Plädoyer, ein Pamphlet, das aufruft zur Verbrüderung, zum Widerstand wider alle Widerstände. Die Dringlichkeit ihres Anliegens gebietet, das dies schrill und unüberhörbar geschieht: Erzeugen werden wir das schreiendste von allen Bildern.

Da haben wir nun von unseren Körpern drangegeben, um einzudringen in die Festung, denkt derjenige, der die bandagierte Faust ballt, wie er sich es schon immer erträumt hatte. Da sind wir nun, die vorderste Linie, der Kamm der Welle, würde das Mädchen sagen, das immer von Wellen spricht, mit dem schwärmerischen Blick des Seemanns fern von seiner See. Wir sind der Grat, der sich bricht, bevor er ans Ufer trifft, aber dabei ein Getöse macht, an das man sich erinnert.

Die verwendete Metaphorik ist körperlich und kriegerisch. Die Bilder nicht immer ganz innovativ und auch nicht kitschfrei. Der ungebrochene Optimismus wirkt mitunter ermüdend. Gleichzeitig leuchtet es aber auch ein, warum die Autorin dem Zweifel in ihrer atemlosen Beschwörungsuada kein Quäntchen Raum überlassen darf. Denn beim kleinsten Zweifel kippt alles, beim kleinsten Zweifel fällt das festliche Erscheinen. Allen Widrigkeiten zum Trotz soll die Getretene die Einladung der Sprecherin annehmen. Los, meine Schöne, schwimm obenauf. (…) Noch ist Frühling.

So endet dieses dramatische Gedicht hoffnungsungetrübt und man möchte es den Angesprochenen auch gönnen, das der Arabische Frühling seit Ende mitnichten schon gefunden hat.

Der kleine, 68 Seiten umfassende Band Wir Wellen ist dieses Jahr bei Matthes & Seitz erschienen. Aus dem Französischen übersetzt hat den Text der 1961 in Brüssel geborene Schauspieler, Regisseur und Übersetzer Leopold von Verschuer.

Mariette Navarro
Wir Wellen
Aus dem Französischen von Leopold von Verschuer
Matthes & Seitz
2014 · 72 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-88221-398-0

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