Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Die Entzauberung der Marina Abramovic durch sich selbst

Hamburg

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Belgrad ein Mädchen geboren, in militärischen Würden. Man küsste sie nicht, umarmte sie nicht, weckte sie aber mitunter Nachts auf, weil sie zu unordentlich schlief.

Von ihren Eltern lernte sie, wie man ohne Zärtlichkeit heranwachsen kann, und ließ sich die Disziplin in den Körper pflanzen, von ihrer Großmutter lernte sie, die Seele vom Körper zu trennen. Sie begann zu malen. 1959, Marina ist dreizehn Jahre alt, lassen sich die Eltern scheiden. Zwei Jahre darauf beginnt sie ihre Träume zu zeichnen. Vom Vater wünscht sie sich Ölfarben, um eine „ernsthafte“ Künstlerin zu werden. Der zieht einen ehemaligen Kollegen zu Rate, von dem Marina die erste (und sehr nachhaltige) Lektion in Sachen Kunst erhält. Das Resultat dessen, was dieser „Lektor“ ihr gezeigt hat, ist nach wenigen Wochen zu Schutt und Asche zerfallen. Genau das führt Marina auf den Weg, den sie im Laufe ihres Lebens immer konsequenter gehen soll. Es ist nicht das Resultat, sondern der Weg dorthin, der zählt, Kunst findet im Moment statt.

Dieses Mädchen, inzwischen die wohl berühmteste und bekannteste Performance Künstlerin  der Welt, hat nun, kurz vor ihrem 70. Geburtstag am 30. November, ihre Biografie vorgelegt.

Darin geht es um dramatische Familienverhältnisse, Tragödien, wohin man sieht, aber auch um die Erlösung, Läuterung und Heilung durch die Kunst. Um die Kompromisslosigkeit der Kunst von Abramovic, während sie sich gleichzeitig bereitwillig der Autorität ihrer Mutter unterwirft.

Häufig liest sich das wie eine reine Aneinanderreihung von Erinnerungen.

In einem Interview in der Zeit, Anfang November, sagte Marina Abramovic, „Durch Mauern gehen“ sei eine spiralförmige Erinnerung, und tatsächlich tauchen während der Beschreibung, Entwicklung und Durchführung ihrer Performances häufig Kindheitserinnerungen auf.

Neben der Auflistung und Analyse der Performances ist viel von Mystik die Rede, von Telepathie, dem (durchaus selektiven) Glauben an Hellsehen und Wahrsagen. Und vom Schmerz:

„ Der Schmerz ist wie eine Tür, die einen schützt, die einen davor bewahrt, die Wahrheit auf andere Weise zu sehen. Indem man durch den Schmerz hindurchgeht, öffnet man diese Tür und erfährt eine neue Art der Wahrnehmung.“

Ihre Beziehungen nach der Trennung von Ulay, lesen sich mitunter wie ein tabellarischer Lebenslauf.

Interessanter wird es, wenn Abramovic beschreibt, wie sie immer wieder an die eigenen neuralgischen Punkte geht, um sie zu verstehen, und vielleicht zu überwinden. Aber was Abramovic Kunst so besonders und bedeutend macht, ist, dass sie nicht bei einer Selbsterfahrung Halt macht, bei allen Performances geht es ihr um eine Verbindung zum Publikum. So sagt sie über ihre Performance „Delusional“: „Das Ratttenköniginkostüm bestand aus durchsichtigem Plastik, unter dem ich nichts trug. Es lag eng an meinem ganzen Körper an, auch an meinem Gesicht – für das Publikum sah es so aus, als würde ich ersticken, und genau darum ging es: ich erstickte an meiner Scham.“

Leider wird die Entwicklung und Transformation ihrer Arbeit nur erzählt, sie wird nicht spürbar, nicht als etwas zwangsläufiges nachvollziehbar. In dieser Hinsicht ist das Buch seltsam unentschieden. Statt radikal subjektiv zu bleiben, erlebt der Leser immer wieder, wie objektive Wahrheit behauptet wird, auch als Deutungshoheit und Machtanspruch. In einem Interview mit dem Guardian sagte Abramovic, erst während sie das Buch geschrieben habe, habe sie sich und ihren Werdegang verstanden. Das Geheimnisvolle, Undurchdringbare, dieser Rest an Nichtwissen, geht verloren, und holt alles auf eine banale Ebene herunter. Möglich, dass genau das die Absicht dieser Autobiografie war. Dann ist sie gelungen.

Die Tatsache, dass ihre Autobiografie selbstverständlich auf ihren Erzählungen beruht, aber von James Kaplan geschrieben wurde, wird nirgends erwähnt, ebenso wenig, wie sie anlässlich der Performance, die ihr schließlich zu Weltruhm verhalf „The Artist is present“ ein Wort darüber verloren hat, dass Ulay vor Jahren eine Performance mit eben diesem Titel gemacht hatte. Apropros Ulay: Der nach eigenen Worten, „bekannteste unbekannte Künstler“ hat kürzlich einen Prozess gegen Marina Abramovic gewonnen. 1999 kaufte Abramovic Ulay das Archiv ihrer gemeinsamen Arbeiten ab. Vereinbart wurde, dass 20 % der Erlöse an Ulay gehen. Offenbar hat Abramovic da einiges versäumt. Nach dem Urteil eines holländischen Gerichts muss Abramovic Ulay nun rund 300.000 € nachzahlen und wurde angewiesen bei allen gemeinschaftlichen Arbeiten Ulay zu erwähnen.

Es sind Informationen wie diese, die das Bild, das in der Autobiografie gezeichnet wird, eintrüben, die Marina Abramovic übrigens ihren Freunden und Feinden gewidmet hat.

In einem Interview nach dieser Widmung befragt, sagte sie, ihre Feinde verwandelten sich häufig in Freunde, sobald sie ihr begegnet seien, und sich ein eigenes Bild, fernab der Berichterstattung gemacht hätten. Umgekehrt würden viele Freunde aus Eifersucht nach einer Weile zu Feinden. Ich bin mir nicht sicher, wie es bei mir verhält. Ich hatte größeren Respekt, vielleicht weil ich diesen Nimbus des Numinosen um Marina Abramovic aufrecht erhalten konnte, bevor ich ihre Autobiografie gelesen habe. Das ist jetzt schwieriger geworden, sie selbst ist menschlicher geworden, obwohl ihre Aktionen nach wie vor dieselben sind, fühlen sie sich nach der Lektüre seltsam vermarktet an. Vielleicht wäre ich aber einfach nur lieber vor der Mauer stehen geblieben, und hätte durch einen kleinen Spalt versucht etwas zu erkennen, statt mit Marina Abramovic durch die Mauer zu gehen.

 

 

Marina Abramović
Durch Mauern gehen
Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer & Norbert Möllemann
Luchterhand Literaturverlag
2016 · 480 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87500-2

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge