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Kritik

In beiderlei Richtung

Mario Osterlands Debut: Prosagedichte
Hamburg

Mit diesem Band aus der verdienstvollen kleinen Kölner parasitenpresse, die von Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz betreut wird, legt Mario Osterland seine erste eigenständige literarische Arbeit vor. Er wagt sich mit seinem Debüt auf dünnes Eis, denn es handelt sich um einen Zyklus von Prosagedichten unter dem Titel In Paris.

Damit hat er natürlich die Fenster sehr weit aufgerissen, kann man doch sagen, dass Paristexte deutschsprachiger Autoren zur Grundausstattung der deutschsprachigen Moderne gehören. Rilke, Hessel, Benjamin sind nur einige, die mir zuerst in den Sinn kommen. Zentral dabei ist sicherlich Benjamins Passagenwerk. Und dann ist da ja noch das sehr ambivalente historische Verhältnis zu unserem westlichen Nachbarn, das die politische Situation zumindest des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts entscheidend prägte. Ein Verhältnis aus kulturellem Austausch aber auch Konfrontation.

Ja und es sind bei weitem nicht nur deutsche Autoren, die sich an der Hauptstadt des XXI. Jahrhunderts abarbeiteten. Hier sei nur Hemingways Paris, ein Fest fürs Leben genannt.

Dessen ist sich Osterland als Kulturgeschichtler und Komparatist durchaus bewusst.  Doch der Autor bereist die Stadt nicht als Wissenschaftler, auch wenn seine Bildung hier und da durchaus zum Vorschein kommt und die überlieferten Bilder zuweilen auf sehr humorvolle Weise mit den Wahrnehmungen des Touristen kollidieren:

kaum zu glauben es funktioniert. dieser
Stahl ist Sympathieträger eines ganzen
Kontinents. seit 1889 glotzen wir moderne
Nieten in die Luft. doch oben werden wir
enttäuscht von einem Panorama ohne
EIFFELTURM.

Der Zyklus endet und beginnt, wie es sich für eine Kulturreise gehört, in der Eisenbahn. Und in diesem ersten Text werden eben auch die Blickrichtungen vorgegeben.

aus dem Zugfenster sehen wir die Welt
von hinten. wirft sich an die Gleise als
BANLIEUE vermummt und schreit Emmenez-
moi avec vous! wir glauben zu hören
aus sicherer Entfernung – die Schlösser
sind nicht mehr weit.

Und schon sind wir in der Welt der Konnotationen, des historischen Wissens, der touristischen Verlockung, denn ich gehe einmal davon aus, dass mit den Schlössern nicht jene gemeint sind, die von Verliebten angebracht, kürzlich das Geländer der Pont des Artes zum Einsturz zwangen. Dennoch könnte es sein, dass auch Osterlands lyrisches Alter Ego eines der Gewichte dort angebracht hatte, denn das Wir des Textes bezieht sich durchaus auf dessen Geliebte und ihn. Wir durchschreiten Paris also mit einem Paar.

Dieses Paar tut das einzig Richtige in ihrer Situation. Es entkommt der Kultur- und Kunstwissenschaftlichen Zange indem es gewissermaßen naiv auf die Stadt blickt, sie im Hier und Jetzt aufnimmt. Nicht allerdings ohne hier und da kunstgeschichtliches Hintergrundwissen aufblitzen zu lassen:

in CLAMART machen wir es wie Arp und
kehren der Stadt den Rücken. alle Fenster
nach Süden zu jeder Tageszeit neues Licht.
das Malerische liegt hier begraben zwischen
Steinen im Hof und Holz, Holz,
Holz.

Man befindet sich auf einer Bildungs- und Liebesreise gleichermaßen.

Und natürlich ist der Zyklus auch formal literaturhistorisch rückgebunden, nutzt er doch die Form des Prosagedichtes, wie sie uns unter anderem von Aloysus Bertrand und Charles Baudelaire überliefert wurde.

Mario Osterland
In Paris
Parasitenpresse
2014 · 14 Seiten · 6,00 Euro

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