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Kritik

Eine Etüde, die man durchspielt, ist kein Meisterwerk.

Wer Geister sieht, evoziert Wiedergänger einer vergangenen Zeit, macht ein Abwesendes anwesend, beseelt Totes ohne es dabei zum Leben zu erwecken. Vom Geist ist es nicht weit zum Gespenst, von da aus nicht weit zum Gespinst, zum Gewobenen, zum Text also. Gespenst und Gespinst sind zwei der ältesten Topoi der Literaturgeschichte, sie und ihre semantischen Umfelder haben stets eine poetologische Aufladung erfahren. Marion Poschmann bringt in "Geistersehen" beide Themenfelder zusammen, lässt einen roten Faden durch ihre Gedichte laufen, dem man gut folgen kann, der auch folgerichtig ins Ungewisse führt. Bedichtet sie Landschaft und Alltagsszenerie, liest sich das ungewohnt. Als würde ein Schleier über dem Text liegen, den man nicht lüften kann, der alles in die Ferne rückt.

Elegant fließen die Verse über knapp 130 Seiten hinweg, in einem Duktus, der oftmals pathetisch aufgeladen ist und das Register der gleichermaßen verpönten wie gern genommenen wir/Präteritum-Kombination bedient, der andererseits doch steril wirkt. Erinnerungen zeichnen sich geisterhaft in diesen Gedichten ab, wie auf Milchglas geschrieben und hinter der Tür nichts als alltägliche Banalität. Das ist vor allem wegen Poschmanns klarem Stil gut zu lesen, der selten in Kitsch abkippt und wenig Überflüssiges versammelt. „an der Tankstelle zog ich aus Blumenautomaten / einen Tulpenstrauß in Folie, er tropfte noch“ – das sind schlichte und gleichermaßen poetische Zeilen. Aber sie verlieren sich. Sie sind in der Tat „Erinnerungsgespenster, / zu ungreifbar, zu zart. die Blicke scheitern hier.“.

So geht es weiter, durch „ungewisse Jahre“, durch „unscharfe Jahreszeiten“, durch die „Trugbilder“ eines Herbariums und Portraitmalerei. Die Texte spinnen unaufhörlich ihre Geister und verschleiern sie umso mehr. Natürlich ein Rekurs auf den ewigen Dualismus von mimesis und poiesis, und einer, der angenehm unprätentiös vorgeführt wird. Man muss sich nicht auskennen in der Geschichte des Diskurses, der von der Antike bis zum heutigen Tag nie aufgehört hat zu polarisieren. Doch nichtsdestotrotz steht man am Ende mit wenig in der Hand da – und muss einerseits sagen, dass „Geistersehen“ sprachlich durch und durch gelungene, organisch verwachsene Gedichte versammelt, andererseits jedoch zu wenig Anhaltspunkte liefert.  „Geistersehen“ bleibt eine Etüde, die meisterhaft durchexerziert wurde und gerade deswegen unbefriedigend daher kommt: Die Texte verflüchtigen sich schnell wieder, sie setzen kaum etwas in Arbeit, bleiben eine Art ziseliertes Nichts, in schöne Form gegossen und zusätzlich verschleiert. Letztlich führt Poschmann zwei Diskurse zusammen, aber: Ihre Geistersichtungen muten viel eher heimelig als unheimlich an, sie spielt das poetologische Potenzial ihres Materials nicht überzeugend aus.

Klappstühle, Caravans

noch immer ist das Wasser nicht da. nicht in den Augen,
nicht in den Leitungen, wie ein unfertiges Lächeln,
Tigerlächeln, mit dem uns dieser Tag entgegenschreitet
über losen Planken auf Sand, ein zitterndes Lagerfeuer,
das wir durch eine Glaswand beobachten,

du mit der Plastiksandale scharrend, damit es
weitergeht, es. ich erkläre mich nicht, ich hüte
die Kippen und Stiele von Speiseeis, die du so leicht
von dir abstreifst wie diese weiße Außenseite
der Supermarkthalle, vor der wir niemals

zu sitzen wagten. sie ist jetzt ganz leer und sehr haltlos
zwischen den trockenen Rispen. Hühnerbrühe
bewegt sich mit Unterhitze auf einem Plakat. noch immer
ist das Wasser nicht da.

Marion Poschmann
Geistersehen
Suhrkamp
2010 · 126 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-518421291

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