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Kritik

Geisterhaltung in Unzeiten

Die Zeit ist aus den Fugen und wir geistern durch Nicht-Orte. In seiner neuen Essaysammlung verfolgt der Kulturkritiker Mark Fisher die „Gespenster meines Lebens“ durch Musik, Film und Gesellschaft. Denn umgekehrt verfolgen sie ihn.
Hamburg

Paul Virilio sprach bereits Ende der achtziger Jahre von einem Rasenden Stillstand, in den wir uns dank unserer Tele-Technologien katapultiert hätten. Durch die Möglichkeiten des Zoomens und der Live-Übertragung sei es uns einerseits möglich, weit entfernte Geschehnisse wahrzunehmen und diese andererseits über alle zeitlichen Differenzen als Gegenwart zu erleben. Ein ganzes Vierteljahrhundert später spricht der Kulturkritiker Mark Fisher von einem „suspendieren Stillstand und einer Unbeweglichkeit“. Indem er Virilio paraphrasiert, scheint er ihm Recht zu geben.

Doch hat sich währenddessen einiges verändert. Nämlich, dass sich im Unterschied zu den achtziger und neunziger Jahren nicht mehr viel ändert. Die Tele-Technologien, die uns vor unseren Interfaces in einen Zustand rasenden Stillstands versetzten, entwickeln sich höchstens akzelerationistisch weiter, werden also schneller und leistungsfähiger, keinesfalls aber von anderen Innovationen abgelöst. Momentan feiert die Tech-Welt ein ziemliches herkömmliches Format: Wie smart eine Uhr auch sein mag, neu ist das Prinzip nicht.

Ebenso entwickeln auch wir uns nicht weiter, sondern verrichten nur immer schneller dieselben Dinge. „Das Alltagsleben beschleunigt, die Kultur verlangsamt“, paraphrasiert Fisher erneut einen ihm ebenfalls verwandten Denker: Simon Reynolds. Als kapitalistischen Realismus bezeichnet Fisher diesen (Nicht-)Zustand des (Nicht-)Stillstands und verwendet dabei eine Begrifflichkeit, die ebenfalls bereits vor ihm geprägt wurde.

Wenn Fisher also in seiner neuen Essaysammlung Gespenster meines Lebens von „formaler Nostalgie“ spricht, muss er sich zwangsläufig mit selbst einschließen. Denn obwohl er nicht ganz so panisch wie Reynolds das Schreckgespenst der Retromania beschwört, so basieren seine Theorien doch essentiell auf der „allmählichen Aufkündigung der Zukunft“, wie Fisher es mit den Worten Franco Berardis (alias Bifo) ausdrückt. Der Stillstand, dem wir uns aussetzen, ob notgedrungen oder etwa freiwillig, er hebt die Zeit aus den Fugen. Zu Unzeiten kommen die Gespenster aus den Ritzen gekrochen.

Als Film- und Musikjournalist findet sie Fisher – beziehungsweise: finden sie ihn – vor allem in der Popkultur, die mittlerweile nicht mehr ihrer Aufgabe nachkommt, wie Fisher argumentiert. Er attestiert das Verschwinden einer Tendenz: das der Popmoderne. Dabei geht es ihm nicht, wie vorrangig Reynolds, um den mangelnden Innovationswillen in der Popkultur, sondern die darin ebenfalls enthaltenen politischen Implikationen. An die Stelle einer Haltung, für die Pop steht und die zum Beispiel auch Diedrich Diederichsen lautstark vermisst, ist eine Geisterhaltung getreten: hantologische Melancholie.

Kaum ein Musikalbum der letzten paar Jahre brachte diese Geisterhaltung so pointiert auf einen ästhetischen Nenner wie Sadly, The Future Is Not What It Was von Leyland Kirby, der die vierteilige Sammlung verhallter Ballroom-Sounds unter seinem Pseudonym The Caretaker veröffentlichte. Ist Kirby, für dessen Platten Fisher die Linernotes geschrieben hat und den er häufiger in Zeitschriften wie Wire portraitierte, bereits eines der präsentesten Gespenster aus Fishers Leben, das er in den gesammelten Artikeln, neuen Essays und überarbeiteten Einträgen aus seinem Blog k-punk nachskizziert, so ist es die Herkunft seines Pseudonyms umso mehr: Den Namen lieh sich Kirby bei Stephen Kings Roman beziehungsweise Stanley Kubricks Film The Shining, dessen Protagonist als eben caretaker im Hotel Overlook durchdreht. Weil er zwar alles, wie es der Hotelname schon sagt, überschauen kann, trotzdem aber zur Handlungsunfähigkeit verdammt ist. The Shining ist wenig überraschend das hartnäckigste Gespenst, das durch Gespenster meines Lebens spukt.

Natürlich ist der Begriff der hantologie ebenfalls ein Wiedergänger, eingeführt hat Jacques Derrida in seiner Abrechnung mit Francis Fukuyamas The End Of History in seinem Vortrag zu Marx’ Gespenster. Denn obwohl Fukuyama nicht das Ende der Ereignisse ausrief, so doch das des politischen Fortschritts. Derrida hielt ihm das Gespenst des Kommunismus entgegen, das Karl Marx und Friedrich Engels an den Anfang ihres Manifests der kommunistischen Partei stellten. Und Fisher nun?

Fisher kann sich nicht recht entscheiden, ob er sich der Melancholie ergeben möchte oder sie als Triebkraft nutzt. Zwar fallen seine eleganten Analysen zur Depression bei Joy Division, den Simulakren von Tricky oder den Nicht-Örtlichkeiten im selbsternannten Zine Savage Messiah von Laura Oldfield Ford weitaus konziser aus als Reynolds nölige Exkurse, doch scheint er sich trotz seiner Besessenheit von den Gespenstern ihnen nicht ergeben zu wollen. Wo Derrida die allmähliche Aufkündigung der Zukunft noch lange nicht als Ende, sondern eher als Paradigmenwechsel zu betrachten vermag, scheint Fisher selbst vor ihr zu enden. Seine Begeisterung für die Rave-hantologie eines Burials oder der konzeptuellen Mediengespenstigkeit des Ghost Box-Kollektivs ist immer noch von einer Sorge durchdrungen.

Wie Reynolds oder Diederichsen scheint sich Fisher selbst zu Unzeiten nicht mit einer Geisterhaltung begnügen zu wollen, will die Politik nicht ins vergeistigte Reich des Ästhetischen verschoben sehen. Wie er es selbst der hantologischen Musik attestiert, möchte Fisher sich nicht mit der Aufkündigung der Zukunft arrangieren, weil er sich sonst als Gefangener des kapitalistischen Realismus fühlen würde. Dem Begriff der Zukunft wie Derrida eine Alternative anbeizustellen oder etwa wie jener die fröhliche Vermehrung der Geister zuzulassen, lehnt er ebenso ab. Stattdessen bannt Fisher die Gespenster seines Lebens in ein handliches Buch. Das ist zwar spannend und sicherlich erhellend zu lesen, hinterlässt aber kaum mehr als einen faden Nachgeschmack nach abgegriffener Melancholie.

Mark Fisher
Gespenster meines Lebens
Depression, Hauntology und der Verlust der Zukunft
Aus dem Englischen von Thomas Atzert
Edition Tiamat
256 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-89320-195-2

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