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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
Kritik

Die Schau des Himmels

Markus Breidenichs »Anemonenbesuch«
Hamburg

Der Band »Anemonenbesuch« ist die dritte Publikation von Markus Breidenich im Allitera Verlag. Der Zyklus ist in vier betitelte Teilzyklen gegliedert und umfasst 47 Gedichte.

Breidenich hat Physik und Mathematik studiert und so erscheint es als besonders spannend, dass seine Gedichte, vor allem der erste Teilzyklus, sich mit der Stern- und Zeichendeutung beschäftigen. Die Sprache und die Zeichen als Deutung des Schicksals, die Nähe zu Orakelsprüchen erscheinen möglicherweise antiquiert und doch wird in diesen Texten die Erinnerung an die Macht und das Gewicht des Geheimnisses lyrischen Sprechens angeknüpft.

Die Konstellation der Physik und der Lyrik, die der Autor vereint, lässt die Dimension der Gedichte erahnen, die wieder an die Tradition des Dichters als Prophet erinnern.

Die Nähe zum Prophetischen und auch die Typografie des Setzens der Titel und Halbtitel in Majuskeln lassen aber unweigerlich an einen Dichter denken, von dem sich loszusagen bei dieser Art Lyrik scheinbar unmöglich scheint: Paul Celan.

Die Gedichte können durch diese frappante Ähnlichkeit kaum mehr gelesen werden, ohne diese Parallele zu denken.

So heißt es beispielsweise im ersten Gedicht des Bandes AUS DEN SCHRIFTEN DER STEINE

»          [...]
            Die Eingeweide meines Kanarienvogels
            ließen nichts Gutes ahnen. Vom Keller her
            krochen Maden über meine Hand, die ich
            zu mir nahm wie Freunde. Sie waren
            die Vorzeichen der Asternplage,
            Heimsuchung zwischen Häusern,
            Gärten und Wegrändern. Längst
            zogen über meinem Kopf Graugänse
            an den Fäden, und im Rhythmus
            ihrer Flügelschläge bewegte ich mich.
            Was aussah wie Veitstanz oder
            schlängelndes Leben, war Ausdruck
            meiner inflationären Sorge.«
(S. 9)

I Die übliche Schau des Himmels

Der erste Teilzyklus »Die übliche Schau des Himmels« konjugiert Praktiken früherer Schicksals- und Zukunftsdeutung.

Die Auguren, die in der römischen Antike den Vogelflug deuteten, das Lesen der Zukunft aus Eingeweiden von Tieren, erscheint in diesem Gedicht eine gespenstische und durch das Nennen des Veitstanzes eine mittelalterliche Welt zu eröffnen, die aber am Ende auf das Ausloten an der Grenze einer Lebensphase verweist. Alles schreibt sich innerhalb dieser 12 Gedichte auf eine dunkle Vorahnung hin, eine Katastrophe und es scheint, dass es sich dabei um das Heranwachsen und den Auszug eines Menschen handelt, das Verlassen des Elternhauses, das man ahnt, nicht aufzuhalten imstande ist und wobei man sich fragt, was von dieser Phase zurückbleibt. So weisen die Gedichte, die auf eine Zukunft hindeuten, in die Vergangenheit, versuchen sich der vertrauten Plätze eingedenk zu bleiben durch Steine, die man wie auf ein Grab, auf diesen vertrauten Ort legt, durch das Einschreiben und Zeugnis ablegen durch die Texte.

Im Mikrokosmos, Garten und Haus, im Gras, in Mineralien, deren Grenzen und Begrenztheit immer wieder betont werden und sich dieses Motiv der Grenzen durch den gesamten Zyklus zieht, spielt sich die Sterndeutung, die Wetterdeutung um ein Schicksal ab. So erscheint das zeitlich und örtlich Gewaltige und Grenzenlose, der Makrokosmos, dem kleinen begrenzten Garten gegenüberzustehen.

So reflektiert sich das Gedicht selbst, wenn es heißt, dass man sein Leben in Herbarien verbringe.

In das große schicksalsvolle Ahnen schiebt sich Banalität, Gewohnheit des Einkaufens, des Aussehens des Gartens wie der jedes anderen, eine abgegrenzte Parzelle Boden. So scheint das Banale und Kleinkarierte, das Mikrokosmische sich nicht im Makrokosmischen zu spiegeln, sondern man hat eher den Eindruck, dass dies dem Handeln und Erkennen im Weg steht, der Gegenspieler Welt. Und doch wird durch das Setzen der dichterischen Spur das alles bezeichnet, versammelt, gestaltet und markiert das Stadium eines Wandels von der Jugend zum Erwachsenenleben, das sich in Begrenzungen ausdrückt und diese überwinden muss. Durchgespielt werden historischen Mittel zur Zukunftsdeutung, die auf die Erde und ihre Vegetation zurückgeführt wird. Die Bewegungen zwischen Himmel und Erde drücken das Spannungsfeld und die Begrenzung aus, die zum Ausdruck kommt, während sich der Mensch allmählich und unaufhaltsam in ein Arbeitsleben einfügen muss. Diese äußerlichen Wandlungen bleiben jedoch nur angedeutet. 

Das Sichere des heimatlichen Gartens wird überflutet und deutet schon den zweiten Teilzyklus an, der das Maritime, ein unsicheres Hinausfahren aufnimmt und weiter ausführt.

»HÖHERE SEE
[...]
Die Großwetterlage hinter den Holzstapeln.
Zerstobener Niesel, gerastertes Grün. Ich fraß
auch das Birkenlaub in mich hinein. Meine
Fossilien unter den Straßenfplastern. Die
spurlos verschwundenen Bernsteinzimmer
eingeschlossener Fliegen. Ich sah, wie das
Meer in den Vorgärten stieg, die Keller
der Baumhäuser flutete. Zugezogener blieb ich [...]«
(S. 20)

II Im Untergrund leben noch andere

Das Maritime setzt sich in den Steinen und dem Seegras fort, der Band taucht unter Wasser, es bleibt der Schlaf, das Gras, die Steine.

Neu sind Termini aus dem Bereich der Biologie: Chromosomensätze, Petrischalen, Einzeller wie das Wimperntierchen. Dies wirkt aber stilistisch leider, entgegen den anderen Passagen, eher störend, weil es im Verdacht steht, Sprachspiel zu werden:

»          [...]
            Die Zellen, in denen ich lebe, sind diploid. Ich
            spreche zu meiner Verteidigung in doppelten
            Chromosomensätzen. Alles Weitere überlasse ich
            den Schicksalsschlägen meiner Wimperntierchen.
            Einmal im Monat bekomme ich Anemonenbesuch.«
(MEIN TIEFSCHLAF OHE GRUND. Ich hänge herum, S. 31)

An dieser Stelle taucht das titelgebende Wort  Anemonenbeusch auf. Dabei handelt es sich bei Anemonen einerseits um eine bestimmte Korallenart, die also mit Meeresvegetation zu tun hat; andererseits bezeichnet das Wort auch die Buschwindröschen im heimatlichen Wald, sodass schon im Titel der heimatliche Garten wie auch die fremde Welt des Meeres in eins gesetzt sind und somit die Dimension des Bandes sehr gut beschreibt.

Mit präziser Eindringlichkeit sticht das erste Gedicht des Teilzyklus heraus, das im Grunde für das allgemeine Problem des Menschen schlechthin zu stehen scheint und das in seiner sprachlichen Klarheit aus dem Zyklus herausragt. Auch hier werden Grenzen angesprochen, diesmal die Grenze des Körpers, der Augen, des Ichs. Es erinnert an das berühmte Panther-Gedicht von Rainer Maria Rilke, wenn man liest:

»WIE MAN DAS AUSHÄLT.
Dass man drinnen ist.
Und die Haut über den Dingen.

Wie man spätabends noch
auf den Bus wartet. Wenn es
sein könnte, dass er nicht kommt.

Dann zu Fuß geht. Dann
auf Händen. Kopfüber in
den Regen. In den Wald.

Wie das zugeht. Wie das
sein kann. Das mit den Augen.
Dass es immer so bleibt.«
(S 25.)

III Den Stellvertretern der Echtzeit

Dieser Widmungszyklus wendet sich durch die Einführung der Computermetapher, die in Verbindung mit Orakelzitaten aus Zyklus I verbunden wird, der Gegenwart, der digitalen Welt, die jedoch durch eine, sich durch alle Teilzyklen ziehende Abstraktion, wieder in eine geisterhafte Ferne rückt, so dass das Wort bluescreen zum Träger weiterer Sprachgebilde wird, die ihre Grenzen auslotet im Setzen einer größeren Wirklichkeit, eine Gestaltungsfläche innerhalb der Digitalität wird, sodass innerhalb dieses Zusammenhangs einmal mehr, wie schon in den Gärten und beim Betrachten des Himmels deutlich wird: die Welt ist was Gemachtes und etwas zu Erinnerndes.

Man wird selbst zur Fläche, zur Chiffre zum Stellvertreter; Zeichen, die nur noch für uns stehen in unserer Kreation, wo sich jeder seine Welt zu bauen imstande ist:

»[...]Was

wissen wir schon? Dass wir
Untote sind. Simuliertes
Gewebe. Dass wir hier und da

Nachrichten hinterlassen auf den
Wänden. Uns nachschauen.
Den Stellvertretern der Echtzeit.«
(S. 40)

Digitale Clouds werden zu den idealen Flächen, die mit Biotopen und Steinen versetzt werden und so zur Bühne weiterer Weissagungen werden. So vollzieht sich im Garten dasselbe wie in der digitalen Welt, die Suche, das Abtasten und Setzen von Zeichen, die eine Realität, die Wirklichkeit eines Ichs abstecken sollen, Grenzgebiete, die man zu zähmen hat, die man bilden muss.

Es ist von abgegrenzten Gebieten die Rede, von Gärten, Zäunen, Hecken und Gehegen.

Eine Erklärung dafür findet sich möglicherweise in dem lyrischen Prosatext »Rede aus heiterem Himmel«:

»Zur Verteidigung der Randgruppen braucht es Grenzen. Eine davon läuft mitten durch meine Grundstücksparzelle. Die Halme, die ich hier pflanze, haben Widerhaken. «
(S. 50)

Man möchte denken, dass man sich als Fremder oder aus den Wolken Gefallener an jeden Halm zu klammern hat, der sich einem bietet. Die Halme als Widerstand und Widerhaken werden im Zyklus wiederholt genannt. So fühlt man sich durch die Erwähnung der Halme und der Situation an eines der letzten Celan-Gedichte erinnert: »[...] zeichenfühliges / kleines Exil / eine gemeinsame Wahrheit, / du brauchst / jeden Halm. « (KROKUS, von gastlichen, Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, Suhrkamp, S. 368)

Im vorletzten Gedicht MAGNIFICAT wird schon auf das Thema des letzten Zyklus hingedeutet, nämlich das Ausloten der eigenen Körpergrenzen in Bezug auf die Korrespondenz mit einem Du:

"Was weiß man schon von sich und seinen Enden? Ich
ging zu Fuß die Treppen rauf und fiel aus allen Wolken.
So kam ich unter Menschen. Unter Land."
(S.48)

Die Entfaltung des Zyklus sagt sich immer wieder selbst voraus und bestätigt sich im Nachhinein, sodass sich die Worte gleichzeitig herschreiben und zurückerinnern.

IV  Im Wasserzeichen Tau

Der letzte Zyklus des Bandes spricht ein Du an, das vorher in den Gedichten nicht aufgetaucht war. Die Grenze zwischen Ich und Du ist, beachtet man den bisherigen Gegenstand der Texte, auch wieder das, was ausgelotet wird. Die Grenzen des Körpers, des Bettes, der Augen.

Auch taucht eine andere Lokalität auf: die Bushaltestelle inmitten der Stadt. Das Unterwegssein auch als Grenze, als Warten an der Station. In den Standort kommt Bewegung an Kreuzungen, am Meer, im urbanen Dickicht des Provisorischen finden Begegnungen statt. Die Frage nach einer Spur kommt dabei immer wieder auf, die durch die Sprache reflektiert wird, die das Vorübergehende zu bannen hat. Der Bannspruch über die Zeit wird jedoch relativiert. Die Spur ist ebenfalls etwas vorübergehendes, das mit der Zeit getilgt und überschrieben wird.

War das Maritime im zweiten Teilzyklus schon angesprochen, so geht die Reise durch den Band nun tiefer in das Meer durch Tiefseekorallen und aufs offene Meer zu. Die Radien werden ein weiteres Mal vergrößert, vertieft:

»IM TAUCHGANG

Die Stellwände aus Grünzeug. Planktonische
Liebe. Ich verehre Meeresbewohner ohne die
Schwimmkörper der Wale. Meine Wellenlänge
im unsichtbaren Inneren einer Tiefseekoralle,
dem aphotischen Bereich meiner Ohnmacht.«
(S. 60)

Das letzte Gedicht des Zyklus bezeichnet jedoch gleichzeitig die Schwäche des Bandes. Er ist ein absolut sprachreflektiertes Gebilde, das jedoch denselben Sachverhalt, dieselbe Problematik durchkonjugiert und sich selbst am Ende zu annullieren droht. Das Hadern mit der Sinnlosigkeit des Lebens, des Spuren Legens, des Schreibens wird immer wieder ausgefochten und die Texte legen davon ein beeindruckendes, sprachkünstlerisches Zeugnis ab. Jedoch kommt der Band über diese Rekombination der Wörter nicht hinaus, garantiert sich selbst, indem es immer wieder vom selben spricht, dies aber reflektiert und durch Wiederholungen und kleinste Veränderungen im Wortlaut auf gekonnte Weise damit spielt.

So erscheint der Lyrikzyklus allerdings als sehr gelungen in seinem Anspruch, zusammenhängende Gedichte zu bilden, die miteinander in Verbindung und Korrespondenz stehen. Die kleinen Schritte in die Welt hinaus, die weiteren und tieferen Kreise der Bilder werden ebenfalls deutlich und doch erscheinen die Schritte, die der Zyklus abschreitet, minimal und somit hat man auch das Gefühl, dass diese enge Grenze des über die Grenze Schreibens nicht überschritten, sondern abgeschritten wird bis zuletzt, einen Sprachturm wie ein Schneckenhaus bildet.

Der letzte Vers erscheint darum ernüchternd, wenn es heißt:

»Im Inneren zieht jeder vor sich hin. «

Zudem erinnert gerade dieses letzte Gedicht auf eine eklatante Weise an Celan‘sche Lyrik, auch in seiner Ansprache an ein Du. Andererseits könnte man sich aber auch fragen, wie man, wenn man solche Lyrik schreibt, dieses Erbe überhaupt weiterzuschreiben im Stande ist, ohne sich ständig dieser Parallele verdächtig zu machen. So ist auch der Mut zu würdigen, Prophetie, Sterndeutung und die sprachreflexive Ebene mit der Ansprache eines Gegenübers im Gedicht zu vermitteln und so der Lyrik wieder eine magische Dimension zu geben.

Es empfiehlt sich, diese Gedichte nicht hintereinander zu lesen, sondern einzelne Gedichte zu betrachten und sich darin zu vertiefen.

Markus Breidenich
Anemonenbesuch
Lyrikedition 2000
2015 · 68 Seiten · 9,50 Euro
ISBN:
978-3-86906-739-1

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