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Kritik

Eine Lüge leben

Ein Roman, der im Gedächtnis bleibt.
Hamburg

Albor, eine Stadt, die überall sein könnte und deren Bewohner erschreckend vertraut wirken, ist eine Stadt der durchsichtigen Mauern, hinter denen Menschen, freiwillig blind und taub, eine Lüge leben, die sie zur alleinigen Wahrheit erhoben haben. Wenige versuchen, sich selbst treu zu bleiben, der Zensur zu widerstehen, in innerer Emigration zu überleben. Einer davon ist Valerian, der sich selbst gefangen gesetzt hat und das Treiben der anderen in dieser Welt, an der er nicht mehr teilhaben möchte, minutiös beobachtet. Die Vergangenheit ist ein weißer Fleck. 

            Als Pastora in diesem Ort ankommt und sich in der aufgelassenen, verrottenden Kirche eine Wohnung schafft, bringt sie Unruhe, Fragen, Aufruhr mit sich. Kinder, Tiere (Pastora trägt ihren Namen nicht umsonst), die leichten Mädchen aus dem Bordell am Ortsrand, Valerians Halbschwester suchen die Nähe der Fremden, gegen die schnell intrigiert wird und die den angsterfüllten Hass der Ordnungshüter bald zu spüren bekommt. Geheimnisse lassen sich nicht mehr verbergen, Blutiges ist die Folge.

            Marlen Schachinger ist ein dicht verwebter Roman gelungen. Er kann als surreales Märchen gelesen werden, als Thriller, als Revolutionsgeschichte, als Chronik einer Verweigerung, als Liebesdrama, angereichert mit Querverweisen zu Sagenwelten, philosophischen Schriften der Antike, Schlüsselnamen, die wiederum Geschichten in sich bergen. All das dient einem zusätzlichen Lesevergnügen, jedoch funktioniert die Geschichte auch ohne diese sich öffnenden Türen und Kammern, (verliert damit vermutlich aber an Farbenpracht und gescheiten Mosaiksteinchen). Wie leicht sich der Roman trotzdem liest, erwartet man jedenfalls nicht auf den ersten Seiten.

            Schnell wird klar, dass die Kapitelüberschriften, deren Witz sich langsam enthüllt, auch verraten, wie Schachinger eine eigene Sprache entwickelt, die Anleihen bei den Symbolisten und Romantikern nimmt, altertümliche Formen ins Moderne zieht und so den Schrecken, den die Führer der kleinen Gemeinde verbreiten, erhöht und gleichzeitig abstrahiert. Marlen Schachinger, die sich schon während ihres Studiums mit den unterschiedlichen universitären Zugängen zum Schreiben in der Alten und der Neuen Welt auseinander gesetzt hat und in Wien literarisches Schreiben unterrichtet, hat mit vielen Veröffentlichungen schon bewiesen, was sie kann. In „Albors Asche“ lässt sie ihrer Fabulierlust kontrolliert die Zügel schießen und zeigt, was Erfinden, Ausdenken, Ausschmücken und Übertreiben auch im Detail für Möglichkeiten bieten.

            Dies ist ein Roman, der sich nicht sofort erschließt, aber dafür im Gedächtnis bleibt, ein Buch, das eine altbekannte böse Geschichte auf neue Art erzählt. Wer sich darauf einlässt, sollte sich die Zeit nehmen, allen versteckten Hinweisen nachzugehen.

Marlen Schachinger
Albors Asche
Otto Müller Verlag
2015 · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-7013-1229-0

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