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Kritik

„Diese Kollokation zählt.“

Martin Bieri ist mit „Europa, Tektonik des Kapitals“ ein Gedichtband gelungen, der disparate Begriffe davon auf einen gemeinsamen Nenner bringt, „was Lyrik können soll“.
Hamburg

Vor einigen Jahren publizierte ich gemeinsam mit einem Kollegen einen Debattenband über die neuere deutschsprachige Lyrik. Man hatte sich fundamental uneinig gefunden und beschlossen, aus dieser Uneinigkeit ein Buch zu machen. „Autonomie des Artistischen“ stand dort gegen „gesellschaftliche Verortung von Sprache“; der Verstiegenheitsvorwurf gegen den, Blick und Feld unnötig zu verengen; man spottete einander im Arbeitsprozess „Blümchendichter“ resp. „Betonkopf“ - good times.

Martin Bieri hat es nun fertiggebracht, einen Gedichtband zu schreiben, der über weite Strecken allen den damals gegeneinander gestellten Kriterien für „gute Gedichte“ gleichzeitig genügt. Was heisst das nun? Was liegt vor? "Europa, Tektonik des Kapitals" umfasst, wenn ich mich nicht verzählt habe, achtundachtzig Gedichte unter sechsundsechzig Titeln (fünf der Titel überschreiben ganze Zyklen). Den Titeln, ausser dem letzten, der bloß "0:00" lautet, ist jeweils eine Zahl angefügt, -

            DIE STADT DER WUNDEN / 747
            LA HULPE / 473
            LORRAINE / 1

- und im Gegensatz zu anderen Rezensenten hatte ich beim Lesen nicht die geistige Wendigkeit, um auf mich gestellt herauszufinden, was es mit diesen Zahlen auf sich hat. Sie werden immer kleiner, steuern auf dieses besagte "0:00" am Schluss zu, soviel ist offensichtlich. Doch dass es Kilometerangaben sind, nämlich  Entfernungen der Schauplätze vom Schreibtisch des Dichters, Punkte auf einer sich immer enger ziehenden Schleife über den Kontinent, das musste ich mir per Mail von Bieri persönlich erklären lassen (so rächt sich die Praxis, fremde Rezensionen der Bücher, die man bespricht, zu meiden).

Geographische Gedichte also, Sprachgebilde über Orte, die bereist werden könnten ... Wurden sie von diesem lyrischen Ich schon bereist? Imaginiert das Ich die Reise? Welche Summe an Eindrücken resultiert in diesen Vogelperspektivischen Momenten, die den Band durchziehen? Haben diese "Reisen" ein anderes Ziel als "zurück zum Ich" zu finden? Ein Erkenntnisinteresse gar? Müssen wir diese zwei Momente - "Erkenntnisinteresse" hier, "Kontemplation des Subjekts angesichts der Eindrücke" da - gegeneinanderstellen oder gehen sie zusammen? ... Der Untertitel, der keiner ist - steht doch nach "Europa" kein Punkt im Titel, sondern ein Beistrich - fügt dieser Angabe noch eine weitere hinzu: Statt der Landmasse Europa, die ihre Genese bekanntlich der Plattentektonik verdankt, geht es um den Wirtschaftsraum Europa im allerweitesten Sinn des Worts, um jenes Europa, das hervorgebracht wird durch die "Tektonik des Kapitals". Eine starke Metapher, denkt man sich, und dann aber auch: Eine gewagte Vorgabe.

Bieris Band wird ihr gerecht. Woran wir als Leser sind, wird spätestens im vierten Gedicht des Bandes klar, dem ersten der fünf mit "EUROPA / 1382 ff" überschriebenen:

Naturschutz, Wildwuchs und die Schönheit der Spekulation.
Befall wäre auch nur so eine Metapher, Invasion und so weiter.
Aber es ist nur Architektur, sei beruhigt, Häuser für Ferien.

Ruhen sich aus: Die Alten, die Jungen. So viel war, so viel wird.
Tourismus, die letzte europäische Utopie vom guten Leben, denkst du,
und denkst auch, "wie gemalt" wolltest auch nie mehr denken.

Mach trotzdem ein Foto. Hier vom Ziziphus Lotus, kommt aus Afrika,
was für ein Name. Aber nimm auch das nicht für etwas anderes.
Nichts ist symbolisch. Hier ist nur der Friede und das Mittelmeer.

(...)

Halt, Moment!, denkt man an dieser Stelle - das geht gar nicht. Man kann nicht im Jahr 2015, in einem "Europa" genannten Gedicht, über den "Frieden" am "Mittelmeer" schreiben. Nicht einmal, wenn es um den Gegensatz von "Metapher" und "Sache" geht; nicht einmal, wenn der Text vordem schon - "Schönheit der Spekulation" - Bewusstsein für soziale Verhältnisse gezeigt hat. Das geht einfach nicht; das atmet die vorsätzliche Ignoranz der Strandtouristen, die mal abschalten wollen ("Nichts ist symbolisch.") und sich vom tausendfachen Sterben der Flüchtlinge praktisch vor ihrer Nase nicht und nicht die gute Laune verderben lassen (mit Exotisierung - "Foto", "Ziziphus" - als Sublimierungsstrategie). Wohlgemerkt: Das kritisiert diese Ignoranz nicht, das gibt sie bloß wider - der erschöpfte Intellektuelle sitzt am Strand und hört die Wellen plätschern - was soll das? ... Aber. Aber! Der Text geht eben noch weiter:

(...)

Die Küste Andalusiens am Abend. Das ist doch das Erholsame hier:
Die kommen mit letzter Kraft und leerem Herz. Und wir sind im Bild
dieser Kontinentalkatastrophe einfach die Idioten im Hintergrund.

Ah. So finden wir uns in dem Ausmaß mit dem Gedicht und dem Dichter versöhnt, in dem es bzw. er die Versöhnung der dargestellten, krass gegeneinander stehenden Sachverhalte verweigert. Wir nehmen zur Kenntnis: Das hier sind keine Naturgedichte. Es sind realistische Gedichte. Also: Gedichte mit dem Anspruch, zu sagen, was tatsächlich ist, ermächtigt durch den Gestus der (inneren wie äusseren) Landschaftsschilderung - denn in so einer Landschaft (Landschaft, von den Kräften des Kapitals so und so und so aufgeworfen) kann vieles nebeneinander zu sehen sein. Und dieses Nebeneinander zu schildern, heisst noch nicht, ein Angebot zur Sinnstiftung zu implizieren - oder es gar noch explizit hinschreiben zu müssen.

Dass die Orte - die Sachverhalte, die Stories, Historien, Bilder - sukzessive näher an das Ich an seinem  Schreibtisch rücken, darf in Hinblick auf nicht nur dieses geschilderte Gedicht doppelt gelesen werden: Zugleich als Nachvollzug des bedrohlichen Heranrückens der sozialen und wirtschaftliche Krisen an die Wohlstandszentren Europas (in Bieris Fall Bern) und als ganz klassisch-lyrische "Bewegung vom Draussen ins Drinnen". Die Texte weisen in ihrer rhythmischen Dynamik eindeutig interpretierbare, streng durchgehaltene Strophenformen auf. Das hilft bei Bieris Unterfangen. Nichts an diesem Band ist Wischi-Waschi, obwohl natürlich manche der Orte und Landschaften mehr hergeben als andere.

Wenn ich denn (sagen wir, mit vorgehaltener Waffe) gezwungen würde, etwas zu finden, das ich an "Europa, Tektonik des Kapitals" durchaus auszusetzen hätte, würde ich vielleicht sagen, dass ein Register der Orte, der angespielten Lokalhistorien und Personen im Anhang recht nützlich wäre. Das wars dann aber auch schon.

Martin Bieri
Europa, Tektonik des Kapitals
Lyrikedition 2000
2015 · 96 Seiten · 18,50 Euro
ISBN:
978-3-86906-723-0

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