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außer.dem Literaturzeitschrift
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Kritik

Gelebte Dissidenz III

Portrait einer Szene
Hamburg

Teil III:

Auch wenn die schwarz gekleideten Gestalten mit den aufwändigen Frisuren und dem düsteren Make-Up mittlerweile von den Hauptbahnhöfen verschwunden sind,  so hat auch die Debatte um »Emo« genauso wenig an Aktualität verloren wie Martin Büssers Ausführungen zum Rechtsrock oder aber die Ideen der Riot Grrrls, die von Pussy Riot und den Femen rezipiert werden. Als die russische Duma vor Kurzem ein Gesetz erließ, das die Menschenrechte der LGBT-Community des Landes massiv einschnitt und die Diskussion über Bi, Homo- und Transsexualität mit rechtlichen Mitteln unterdrücken soll, kam das eigentlich wenig überraschend. Nicht nur wegen der politischen und gesellschaftlichen Inakzeptanz gegenüber »nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen«, wie es im Gesetzestext heißt, sondern auch, weil dieser seinen Vorläufer hat. Bereits 2008 brachten Delegierte einen Gesetzesentwurf vor, der den mit Emo verbundenen Stil sowie sich thematisch um Emo drehende Websites verbieten sollte.

Der Zusammenhang, das macht der gemeinsam von Martin Büsser, Jonas Engelmann und Ingo Rüdiger erstmals 2009 herausgegebene Reader Emo. Porträt einer Szene, der nun neu aufgelegt wird, mehr als deutlich, besteht in der Ablehnung von alternativen Lebensentwürfen, die mit als unnormal stigmatisierten sexuellen Identitäten einhergeht. Denn obwohl bereits im Editorial anklingt, dass Emo sich weder klar als Jugendbewegung fassen noch als reine Modeerscheinung zu werten ist, wird im Laufe des Bandes überdeutlich, dass das Phänomen vor allem von außen her eingegrenzt wird. Emo wird vor allem von Anti-Emo-Bewegungen eingekreist, von denjenigen also, die gegen die von Metrosexualität über Androgynität bis hin zu zur Schau gestellten Bisexualität hetzen und, wie das in Mexiko und Chile passierte, sogar mit Gewalt dagegen vorgingen. Emo ist eine Fremdzuschreibung, keine aus sich selbst operierende Bewegung mit einem genuinen Selbstverständnis, wie das Riot Grrrl war.

Dabei wurzelt Emo eigentlich, die exzellenten Interviews mit Musiker Guy Picciotto und dem Hardcore-Chronisten Mark Andersen beweisen das ebenso wie die sorgsam von Kristof Künssler kompilierte Diskografie zum Thema, wie auch Riot Grrrl in der Punk- und Hardcore-Szene der 1980er und -90er Jahre. Beziehungsweise richtete sich der musikalische Vorläufer des Emo-Phänomens, der sogenannte Emotional (manchmal auch Emotive genannt) Hardcore, gegen den vorherrschenden Machismus und die musikalische Engstirnigkeit einer ganzen Szene. Gegen die unter anderem Guy Picciottos Bands Rites Of Spring und Fugazi musikalische Vielseitigkeit und inhaltlich neue Themen und Perspektiven dem martialischen Dogmatismus des Hardcores entgegensetzten. Die musikhistorischen Wurzeln und Entwicklungen werden jedoch weitestgehend ausgespart, stattdessen befasst sich der Band vorrangig mit dem, was passierte, nachdem der Sound und die Ästhetik der Emo-Szene erst ins Social Web und von dort aus in den Mainstream transportiert wurden.

Vielleicht ist es gerade dieser Ursprung im Netz, mit seinen Message Boards und MySpace-Profilen, der das Phänomen Emo so diffus erscheinen lässt und einen Zugang erschwert. Ein Großteil der Texte zumindest arbeitet noch mit althergebrachten soziologischen  Maßnahmen, nähert sich über Interviews und sogar Feldstudien dieser Szene, die eigentlich kaum als solche zu bezeichnen ist. Steffen Greiner mischt sich in Frankfurt unter eine Horde von Teenagern, andere arbeiten mit einer beschränkten Anzahl von InterviewpartnerInnen. Doris Akrap interviewt den Journalisten Daniel Hernandez zu den gewalttätigen Übergriffen auf Emos in Mexiko, Jonas Engelmann eine türkische Band. Dabei wird vor allem deutlich, dass die Antipathien gegenüber Emos überall auf der Welt dieselben sind: Neben sexistischen und homophoben Beweggründen richten sich vor allem andere Subkulturen gegen die diffuse Strömung, die sich in Stil und Mode wild durch alle möglichen Szenen bedient hat: Gothic-Chic, Skater-Style und Visual Kei-Ästhetik werden frei kombiniert und mit einer Portion Weltschmerz garniert. Alles nur geklaut, eigentlich. Die Authentizitätskeule liegt griffbereit. Diese grundlegenden Feststellungen werden über die einzelnen, in ihrer Qualität schwankenden Texte immer durchanalysiert – der Band ist leider von Redundanzen geprägt. Auch der ständige Rekurs auf die mediale Aufarbeitung, wie er von Jonas Engelmann pointiert für den deutschsprachigen Raum aufgearbeitet wird und dessen Absurdität Ewgeniy Kasakow im Falle der Debatte um ein Verbot der Subkultur in Russland hervorhebt, ermüdet spätestens nach der Lektüre der beiden Texte.

Emo. Porträt einer Szene behält zwar insofern seine Aktualität bei, als dass die Antipathien gegenüber alternativen Männlichkeitsbildern wie das der sogenannten »Schmerzensmänner«, wie sie Nina Pauer in der ZEIT einmal nannte, weiterhin bestehen. Und weil Homo- und Transphobie, allgemein die Ablehnung von nicht-heteronormativen Geschlechteridentitäten weiterhin ebenso tief sitzt wie das Misstrauen gegenüber nach außen getragener Emotionalität. Allerdings ist der Emo-Style weitergezogen, ganz so, wie es Annika Mecklenbrauck in ihrem Aufsatz »Dress How You Feel« voraussagt: »Die Emo-Mode wird von zukünftigen Jugendszenen benutzt werden, um sie in einem neuen Kontext zu redefinieren und die Werte und Gedanken einer neuen Generation auszudrücken.« Bei Erstveröffentlichung des Readers war vielleicht noch nicht abzusehen, dass damit auch der offene Umgang mit Emotionalität und Sexualität, der den kleinsten gemeinsamen Nenner des Phänomens Emo darstellt, auf der Strecke bleiben würde. Der Emo-Style hat sich auf martialischere Genres wie den Splatter- und Gore-besessenen Deathcore verlagert oder aber seine VertreterInnen lassen sich mittlerweile von den Basssalven eines Skrillex durch die Mehrzweckhallen prügeln. Skrillex übrigens sang früher bei der Band From First To Last, einer der prominentesten Mainstream-Emo-Bands. Die Musik, die er mittlerweile produziert, wird in Anlehnung an den britischen Dubstep als Brostep bezeichnet –eine ziemlich männliche, um nicht zu sagen heteronormative Angelegenheit. Emo. Porträt einer Szene hätte eigentlich ein grundlegendes Update verdient.

Martin Büsser (Hg.) · Jonas Engelmann (Hg.) · Ingo Rüdiger (Hg.)
Emo
Portrait einer Szene
Ventil
2009 · 208 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-95575-005-3

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