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Vom Krachen im Ich-Gefüge

Der Gedichtband "Nebeneffekte" des Wiener Autors, Universitätslektors und Musikers Martin Kubaczek, behandelt sein Thema - Krebs - geradeheraus. Das ist nicht wenig, erschwert aber eine Beurteilung der Texte.
Hamburg

"Nebeneffekte" ist ein narrativer Gedichtband. Die (wenn ich richtig zähle) 72 Gedichte darin schildern  den Verlauf der Krebserkrankung des Autors, von der ersten Diagnose bis zum erfolgreichen Abschluss der akuten Therapie. Jedes Gedicht handelt von einer einzelnen Szene aus dem Leben mit der Diagnose "Krebs", zwischen Todesangst und Business-as-Usual, Alltag im Krankenhaus und Alltag draussen - also von je einem einzelnen "Nebeneffekt" der Erkrankung.

Über die Form gibt es wenig zu sagen. Kubaczek bedient sich der Mittel der zeitgenössischen Lyrik in genau dem Ausmaß, das den Effekt seiner spotlight-artigen, in sich ruhenden Kompositionen maximiert. Es handelt sich durchaus nicht um "Erzählprosa mit Zeilenbrüchen", sondern um Texte, die eine Art von Verdichtung leisten, wie sie eben nur Lyrik leisten kann. Trotzdem: Die ausserordentlich klare Verständlichkeit der Texte wird an keiner Stelle einer möglichen grösseren Komplexität oder Tragweite der Gebilde geopfert. Die Gedichte kommen mithin vor allem ihrer Funktion im Gesamtzusammenhang des Bandes nach, jedes Einzelne ein Glied in einer Kette.

Womit das Problem angedeutet ist, das den Band ebenso stark definiert wie sein Thema: Für fast jeden einzelnen Text gilt, dass ihr Ort im Kontext sie prägt. Manche wenigen wären für sich genommen und ausserhalb ihres Kontexts in "Nebeneffekte" gestellt schlicht uninteressant. Bei anderen ist das Gegenteil der Fall: Dass sie mehr hätte leisten können, weiter ausholen, mehr oder anderes auf einen Punkt bringen. Es gibt einige Gedichte, bei denen man während der Lektüre dieses "mehr" als Leser schmerzlich vermisst. Und doch: Jeweils im Nachhinein betrachtet, war es gar nicht anders möglich, als gerade dieses Gedicht an gerade dieser Stelle zu beenden, oder gerade jenen sich aufdrängenden Exkurs nicht zu setzen, da sonst die Gesamtkonzeption gelitten hätte. Das Problem ist nun, wie wir als Leser damit umgehen.

Denn wir haben da an einer sehr privaten Erfahrung teil: Jemand sieht der realen Möglichkeit ins Auge, in sehr absehbarer Zeit zu sterben, das führt zu "Krachen" im "Ich-Gefüge", und die Welt um diese Person herum - dies ist der zentrale Skandal - sie geht einfach so weiter. Angesichts dieser privaten Erfahrung und der Emphase auf sie als auf ein abgeschlossenes Ganzes: Wer wollte sich hinstellen und monieren, dass der Autor sich doch lieber eingehender mit der Landschaft in Text Nummer Ix oder der Absurdität der Krankenhaussprache in Gedicht Nummer Ypsilon beschäftigen hätte sollen als mit dem gleichförmigen Dahinplätschern der Eindrücke, das keinen Aufschluss gibt und keine Hilfe bei der einzig zentralen Frage ist, ob er nun tatsächlich überleben wird. Dieses spezielle Gefühl - "Bin ich ein Unmensch, das hier genauer wissen zu wollen?" - färbt gewissermaßen die Atmosphäre von "Nebeneffekte" und arbeitet Kubaczek zu. Man bekommt nämlich durch es direkt am eigenen Leib vermittelt, was "Vanitas" nochmal bedeutet: Angesichts der Endlichkeit des Lebens und der Brüchigkeit des Ich findet man sich immer noch beschäftigt mit Geschmacksnuancen und Formfragen, so, als spielten die "dann noch" eine Rolle ... So, als könnte man z.B. in einer endlichen Anzahl von Augenblicken nicht nur jedes beliebige Detail, sondern alle beliebigen Details erfassen ...

Ein anderer Aspekt des Bandes ist, dass das langsame Ausbreiten seines Skandalons - "die Welt geht weiter, ich vielleicht nicht" - mitunter in Eins fällt mit dem langsamen Ausbreiten von etwas, das als nüchterne Schilderung, aber auch als Kritik der Sachzwänge und Verhaltensnormen im klinischen Alltag gelesen werden kann. Man muss nicht - wie offenbar Kubaczek - ein Freund der sogenannten traditionellen chinesischen Medizin sein, um Details dieser Schilderung/Kritik, so leise und betont vorsichtig sie in den Gedichten vorgebracht werden, erschütternd zu finden.

Fazit: "Nebeneffekte" verdeutlicht, dass mit den Mitteln der zeitgenössischen Lyrik - und hier nicht nur mit jenen des "Langen Gedichts"- durchaus erzählen kann, und dass es auch Erzählvorhaben gibt, bei denen das sinnvoll ist.

Martin Kubaczek
Nebeneffekte
Edition Korrespondenzen
2015 · 124 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-902951-10-6

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