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Kritik

Von den Kühen muss berichtet werden, …

Martin Lechner: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen
Hamburg

Von den Kühen muss berichtet werden, …

So beginnt eine Erzählung in diesem Buch. Eine Erzählung die ich schon kannte. Sie war meine erste Begegnung mit Lechnerscher Schreibart. Ich war Redakteur der Literaturzeitschrift EDIT, und die Erzählung, die sich nach dem Komma anschließt, und die sich in einem einzigen Satz, einer Neben- und Hauptsatzkaskade entwickelt, legt eine ganze Welt offen, und zugleich ihr eigenes literarisches Prinzip. So etwas finde ich immer von Neuem beachtenswert, vor allem, wenn es mit einer Leichtigkeit daherkommt wie hier. Als würde man dem Text bei seiner Genese zuschauen. Es ist das Innere eines Bewusstseins, das sich nach außen wölbt. Aber es ist nicht souverän dabei, es ist deformiert und entsprechend ist auch die ihm entspringende Welt nur mäßig rund. Hier aber liegt die Basis für Lechners Humor. Es ist schwierig, diesen mit einem Zitat zu belegen, denn er entspringt der Gesamtkonstruktion, dem Mäandern des Textes im von ihm geschaffenen eingebeulten Gefäß. Aber eines ist sicher: Von den Kühen muss berichtet werden, und zwar an eine Akademie, die genauso gut der Aufenthaltsraum eines Altersheims sein kann. Lechner versucht an keiner Stelle seine Vorbilder, wenn es denn welche gibt, zu verbergen. Das ermöglicht ihm einen Dialog wie von einer treibenden Scholle zur anderen. Ein Zurufen im Vorübergehen.

Nach seinem grandiosen Romandebüt "Kleine Kassa" legt Martin Lechner hier also Erzählungen nach oder auch vor, die im Residenzverlag unter dem Titel "Nach fünfundzwanzig Weltmeertagen" erschienen sind. Dass in diesen Erzählungen Anklänge enthalten sind an große Vorbilder, tut ihrer Originalität überhaupt keinen Abbruch. Es sind kollegiale Grüße und Danksagungen. So kann ein Umgang mit Tradition aussehen! Die Geschichten sind verschieden lang, manche bestehen nur aus zwei-drei Sätzen, und manche gehen über mehrerer Seiten. Und diejenige, die ich jetzt komplett zitieren möchte, besteht wie die eingangs erwähnte nur aus einem Satz. Ein Satz, der aber nicht mäandert, sondern zielgerichtet ins Unendliche schießt:

Die Winterliche

Die Winterliche war stehengeblieben im fallenden Schnee und löschte, indem sie ihre heiß geleckten Zeigefinger senkrecht in die Höhe stieß, zwei Flocken aus.

(Am Rande bemerkt der Chemnitzer, der ich herkunftsmäßig bin, mit Freude, dass die voranstehende Geschichte Chemnitz heißt, und dass diese Stadt einmal nicht als Ort tiefer Griskrämigkeit gezeigt wird, sondern als fröhlich durchflockte Stadt.)

Es gibt die Literaturgeschichte nicht, es gibt Geschichten, die parallel laufen, Bezüge, die sich vielleicht notwendig einstellen, die uns aber als zufällige oder willkürliche erscheinen. Ob es einen notwendigen Ablauf gibt, oder ob wir dem Ablauf eine Notwendigkeit nur unterstellen, bleibt indes offen. Was es aber sicher gibt, sind Zäsuren, Zäsuren die Namen tragen. Kafka zum Beispiel, oder auch Cortazar, und eine Geschichte des Bandes lehnt sich auch sehr offensiv an Onetti an. Zäsuren aber, die im Moment ihrer Entstehung als Einschnitte vielleicht noch gar nicht wahrnehmbar waren, die zunächst Ritzen sind oder Haarrisse, und erst im Laufe der Zeit ihre Bedeutung, ihre Breite erweisen. Die zu Gräben werden, über die man kaum mehr hinweg kann. Und so wird mit der Zeit das Feld, das wir Literatur nennen, ein kaum überschaubares Gelände, von Rissen und Gräben durchzogen. Ein poe'sches Motiv. Der anfangs kleine Riss im Gemäuer des Hauses Usher. Dieser Riss, der sich ins Unendliche, Bodenlose oder Unergründliche weitet, der den Protagonisten verschlingt, oder von seinem Weg abbringt, ist ein wiederkehrendes Motiv in den Geschichten Martin Lechners. In einer Erzählung zum Beispiel wird das Leben eines Angestellten halbiert, weil ein solcher Riss ihm den Heimweg abschneidet und er von der Arbeit nurmehr noch zur Arbeit gehen kann.

Als eine Art Appendix sind dem Band unter dem Titel "Ein alter Schuh ist auch ein alter Freund" aphoristisch verpackte poetologische Bemerkungen angefügt. Auch diese höchst lesbar und bedenkenswert. Als entwürfe hier die kurze Prosa ihre eigene Theorie.

 

 

Anm. der Redaktion:
Am 18.Mai liest Martin Lechner aus
Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen um 20 Uhr in der Lettrétage in Berlin. Eintritt 4 Eur. Hingehen, hin gehen ...
 

Martin Lechner
Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen
Residenz Verlag
2016 · 192 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783701716661

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